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Künzelsau

David Hockney lässt im Museum Würth 2 mit dem iPad Landschaften leuchten

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Das Museum Würth 2 in Künzelsau-Gaisbach präsentiert "A Year in Normandie" von David Hockney: ein 90 Meter langes iPad-Fries im Dialog mit Werken der Sammlung.

 Foto: Würth/Ufuk Arslan

Natur, ist sich David Hockney gewiss, ist unschlagbar. "You can"t beat nature." Dass er nichtsdestotrotz bekennender Automobilfan ist, ist für den Briten kein Widerspruch. Da mögen die Jahre seines Lebens, die der Maler, Grafiker, Bühnenbildner und Fotograf im autoverliebten Kalifornien gelebt hat, abgefärbt haben.

Landschaftsmalerei bildet einen Genreschwerpunkt des Künstlers, der heute wieder in seiner Heimat Yorkshire lebt. 2009 hatte Hockney schon einmal eine großen Einzelschau in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. Jetzt zeigt das Museum Würth 2 in Gaisbach den 90 Meter langen iPad-Fries "A Year in Normandie" erstmals in Deutschland.

Über drei lange Wandseiten erstreckt sich das monumentale Werk

Das monumentale Werk zieht sich über drei lange Wandseiten und setzt sich aus zig iPad-Gemälden - wie Hockney sie nennt - zusammen. Der Fries wird in Bezug zu den über 15 Arbeiten Hockneys aus der Sammlung Würth gesetzt, die in einzelnen Kojen hängen. Im Belvedere, dem Raum mit Glasfront, der den Panoramablick in die Hohenlohische Landschaft preisgibt, laden vier iPads ein, im Selbstversuch dem Meister nachzueifern.

Im Untergeschoss schließlich gibt es einige Papierarbeiten zu sehen und Fotografien - und einen Videofilm, ein Making of, in dem David Hockney erzählt und Einblicke gewährt in seine Arbeit, in seine Art, zu sehen. Und wie zwei Kulturpraktiken zweier unterschiedlicher Kontinente ihn inspiriert haben: die chinesischen Rollenpanoramen, die auf das 14. Jahrhundert zurückgehen, und der Wandteppich von Bayeux. Jene weltberühmte etwa 70 Meter lange Stickarbeit aus dem 11. Jahrhundert, die die Schlacht bei Hastings 1066 zum Thema hat.

Mit dem ihm eigenen intensiven Blick - Hockney nennt es "moving focus"

Während der Pandemie schuf David Hockney nun dieses "eine Jahr in der Normandie" und ließ sich von der Formensprache der historischen Formate leiten, wenngleich die Abbildungen seiner natürlichen Umgebung menschenleer sind. Mit dem ihm eigenen intensiven Blick - er selbst spricht von "moving focus" - hat Hockney sein Umfeld en plein air studiert und mit dem iPad übersetzt.

Das Ergebnis ist ein nachgerade durchleuchtetes Farbband der Jahreszeiten. Landschaft und Licht sind für den 85-Jährigen unverändert wichtige Größen. Auf die subjektiven Farbspektren seines iPad-Frieses soll der Betrachter sich einlassen wie auf einen Film, mit jeweils persönlichem Tempo. Wir hätten den Kontakt zur Natur verloren, sagt Hockney. "Was ziemlich dumm ist, denn wir sind ja ein Teil von ihr." Dabei ist dieser raffinierte Meister der Landschaftsmalerei ausgesprochen neugierig gegenüber der Technik.

Das Licht mit dem iPad einfangen

Museum Würth 2 präsentiert erstmals in Deutschland Hockneys "A Year in Normandie", ein zusammengesetztes iPad-Gemälde aus dem Jahr 2020/21.
Foto: Ufuk Arslan
Museum Würth 2 präsentiert erstmals in Deutschland Hockneys "A Year in Normandie", ein zusammengesetztes iPad-Gemälde aus dem Jahr 2020/21. Foto: Ufuk Arslan  Foto: Bernd Weißbrod

"Das Licht verändert sich sehr schnell hier, man muss sich entscheiden, wie man es darstellen möchte", hat David Hockney seinen Arbeitsprozess beschrieben. "Ich habe erkannt, wie schnell ich es mit dem iPad einfangen kann, viel schneller als mit Aquarellfarben zum Beispiel." Das heißt nicht, dass Hockneys Bilder in Aquarell, Acryl und Öl nicht minder expressiv sind.

Stilprägend und immer aufs Neue interessant ist Hockneys Desinteresse an der Zentralperspektive. Das Auge in Bewegung reizt ihn mehr. Natürlich ist Hockney sattelfest in der Kunstgeschichte, hat sich mit der Zentralperspektive der Alten Meister beschäftigt. Die Lichtverhältnisse bei William Turner hat er studiert und das impressionistisch Flirrende bei Henri Matisse. Auch ist David Hockney ein erklärter Bewunderer von Pablo Picasso.

Märchenhaft farbig inszenierte Bäume

Das große Format liegt ihm, schließlich hat David Hockney zahlreiche Bühnenbilder geschaffen. Der Dialog zwischen den exzellenten Drucken seiner iPad-Bilder und jener Bilder aus dem Sammlungsbestand unterstreicht, wie souverän dieser Künstler mit unterschiedlichen Medien das Thema Landschaft verhandelt. Märchenhaft inszeniert er in "Felled Trees on Woldgate" 2008 gefällte Bäume am Wegesrand in Öl auf Leinwand. Totems nennt Hockney die Baumstümpfe.

Ebenfalls in den Wäldern Woldgates entstand 2010 eine suggestive digitale Videoarbeit auf neun synchronisierten Bildschirmen, aufgenommen mit neun Kameras auf einem Auto. Wer sich kurz Zeit nimmt, taucht ein in eine multiperspektivische Schneelandschaft und meint, die klare Winterluft zu spüren. Hockney liebt perspektivische Sprünge. Und er liebt es, den Lauf der Zeit in ihre vier Jahreszeiten zu bannen.

Ausstellungsdauer: 3. April bis 16. Juli, täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Katalog-Set: 45 Euro.


Zur Person

David Hockney, 1937 in Bradford/Yorkshire geboren, studierte an der Bradford School of Art. 1964 ließ sich Hockney in Kalifornien nieder und malte eine Serie von Bildern von Swimmingpools in Los Angeles in realistischem Stil und leuchtenden Acryl-Farben. Hockneys Werk mit den Genreschwerpunkten Landschafts- und Porträtmalerei ist vielseitig und umfasst Bühnenbilder, Fotografie und Multimedia-Arbeiten. David Hockney lebt heute wieder in Yorkshire.

 
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