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Auf der Klaviatur der Emotionen spielen: Uraufführungen beim Stuttgarter Ballett

Vier Choreographen, drei Ballett-Uraufführungen: "Creations VII-IX" im Schauspielhaus Stuttgart präsentiert Nachwuchschoreographen aus den eigenen Reihen. Ein Abend voller Schönheit, Melancholie und ästhetischer Kontraste.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Auf der Klaviatur der Emotionen spielen: Uraufführungen beim Stuttgarter Ballett
Kraftvolles Tropfen-Ballett: Angelina Zuccarini und Shaked Heller in "Ifima", das Heller mit seinem Tänzerkollegen Louis Stiens choreographiert hat.  Foto: Ballet

Schlicht "Creations" nennt das Stuttgarter Ballett seine Reihe mit Uraufführungen junger Choreographinnen und Choreographen, die aus den eigenen Reihen kommen. Bei "Creations VII-IX" ist man inzwischen angekommen: Drei neue Stücke von Vittoria Girelli, Roman Novitzky sowie Louis Stiens und Shaked Heller sind bis Ende der Spielzeit im Schauspielhaus zu sehen.

Alle drei Kreationen reflektieren Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Körpers: als Individuum, als Gruppe, als originäres Material für den Tänzerberuf. Und doch besticht jedes Stück mit einer spezifisch eigenen Ästhetik.

Musik und Lichtdesign unterstreichen die ausdrucksstarken Tänzer

Gut 20 Minuten nimmt "Self-deceit" - Selbstbetrug oder Selbsttäuschung - in den Bann. Die Arbeit von Vittoria Girelli beeindruckt am nachhaltigsten: eine so komplexe wie in sich geschlossene Choreographie für fünf Tänzer und zwei Tänzerinnen. Die Auftragskomposition von Davidson Jocanello im Spannungsfeld zwischen sakral anmutenden Streichquartetten von Beethoven und Anton Arensky sowie das Lichtdesign von A.J. Weissbard tun das Übrige.

Wie ein einziger Körper, der atmet, sich verflüchtigt, um wieder zusammenzustreben, formen die sieben formidabel trainierten und ausdrucksstarken Tänzer skulpturale Gebilde, die über die pure Schönheit hinaus nachdenklich stimmen.

Virtuos verschränken sich Körper zu immer neuen Mustern

In nachtblauen Trikots, das dunkle Haar streng zurück gegelt, bilden Timoor Afshar, Rocio Aleman, Alessandro Giaquinto, Matteo Miccini, Flemming Puthenpurayil, Daiana Ruiz und Martino Semenzato eine androgyne Menschengruppe.

Auch die an Wasserblasen erinnernden Perlenketten eng um den Hals verbinden symbolisch. Präzise und virtuos verschränken und verweben sich ihre Körper zu immer neuen, fließenden Mustern in changierenden Lichtkegeln. Mal mit abgewinkelten Armen, Beinen und athletisch, mal poetisch verlangsamt zeichnen die Tänzer Vogelschwärmen gleich Räume. Wie ein Schutzschild wirkt ihre Eleganz, die Nähe und Distanz schafft.

Dantes "Göttliche Komödie" als Inspiration

Auf der Klaviatur der Emotionen spielen: Uraufführungen beim Stuttgarter Ballett
Schaueffekt mit Spiegel, poliertem Metall und Tempo: Mackenzie Brown in "Reflection/s" von Roman Novitzky. Fotos: Stuttgarter Ballett  Foto: Ballet

Als Inspiration für ihre getanzten Bilder nennt Girelli die US-Fotokünstlerin Francesca Woodman, deren Schwarz-Weiß-Fotoserie "self-deceit" den Titel gab. Und Gustave Dorés Illustrationen zu Dantes "Göttlicher Komödie" - ein Zitat aus der "Divina Commedia" stimmt im Programmheft ein: "Durch solch Gekribbel, wild und voller Grauen/ Lief nacktes Volk, dem Hoffnung längst entschwunden/Ein Schlupfloch oder Heliotrop zu schauen."

Roman Novitzky, Stuttgarts Dreifachbegabung - Tänzer, Fotograf, Choreograph - spielt souverän auf der Klaviatur der Emotionen und der Schaulust, wenn er in "Reflection/s" auf eine bald 20-jährige Bühnentätigkeit zurückblickt. Ende dieser Spielzeit verlässt der Erste Solist die Compagnie.

Ein temporeiches Best-of

Jazz-Saxofonist Magnus Mehl und Komponist Philip Kannicht liefern dazu das Tempo und mischen bearbeitete Teile aus einem Chopin-Walzer unter. Zu Beginn posiert ein Tänzer in einem stilisierten Ballettsaal an der Stange. Was als Zitat des Tänzeralltags beginnt, schlägt rasch um in ein atemberaubendes Best-of: 13 Ensemblemitglieder tanzen eine Vergangenheit mit Zukunft.

Vor dem Hintergrund dynamischer Läufe und Sprünge, forcierter Abgänge und schemenhafter Bewegungen vor Leuchtröhren, die fast schon als autonome Installation funktionieren (Bühne und Licht: Yaron Abulafia), setzt sich virtuoser Spitzentanz ab. Ein effektvoller Mix aus Slow Motion und Sprints. 30 Minuten lang jongliert Novitzky mit den Bausteinen des neoklassischen wie des modernen Bühnentanzes, mit Kontrasten und den Eigenschaften von Hochglanz-Metallen und Spiegeln.

Alles Leben kommt aus dem Wasser

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Für ihr neues Stück hat Tänzer-Choreographin Vittoria Girelli eng mit Lichtdesigner A.J. Weissbard und dem Komponisten Davidson Jaconello zusammengearbeitet.  Foto: Ballet

Auch Shaked Heller und Louis Stiens verlassen die Stuttgarter Compagnie - und haben für sich und Tänzerkollegin Angelina Zuccarini "Ifima" choreographiert zur knarzenden Toncollage, einer Auftragskomposition von Anni Nöps, sowie weiteren Musikstücken, darunter Mozart-Klavierkonzerte.

Alles Leben kommt aus dem Wasser: Für Heller und Stiens ist das nasse Element ästhetisches und tänzerisches Mittel. Ein nachtschwarzes Ballett in einem Wasserbecken, überwiegend melancholisch, ruft "Ifima" Bilder von Naturkatastrophen wach. Aber auch von selbstvergessen taumelnden Körpern, die sich aufbäumen und niedersinken. Kraftvoll, dramatisch, pathetisch und poetisch. Das Stuttgarter Ballettpublikum feiert alle Neukreatikonen mit Begeisterung.

Nachwuchspflege: Junge Choreographen aus den eigenen Reihen zu fördern, hat beim Stuttgarter Ballett Tradition. Mit der Reihe "Creations" führt Intendant Tamas Detrich die Nachwuchspflege seit 2019 fort. Im Mai 2023 folgt "Creations X-XII" mit drei weiteren Uraufführungen, bei denen Tänzer der Compagnie sich mit eigenen Stücken als Choreographen empfehlen. Der aktuelle Ballettabend "Creations VII-IX" ist bis zum Ende der Spielzeit am 24. Juli im Schauspielhaus zu sehen: unter anderem am kommenden Samstag (19 Uhr) und am Sonntag (17 Uhr). Online-Buchung direkt im Spielplan, Theaterkasse: Telefon 0711 20 20 90.

 
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