Am Klang schrauben: Elektroperette "Digital Blood" im Kunstverein Heilbronn
Der angesagt brüchige Takt des 21. Jahrhunderts fusioniert in der Elektroperette "Digital Blood" von Annesley Black und Kinky Muppett und macht eine Ausstellungseröffnung im Kunstverein Heilbronn zur Uraufführung.

Dass eine gesunde Portion Widerstandsfähigkeit hilft, Stress zu bewältigen, ist bekannt. Weniger bekannt war der Ausstellungsleiterin des Heilbronner Kunstvereins, Matthia Löbke, eine Harvard-Studie zur Resilienz - jener Fähigkeit, sich Situationen anzupassen und Strategien zu entwickeln -, wonach kreative Menschen dies besser können als weniger kunstaffine Zeitgenossen.
Kreative Menschen also sind elastischer und widerstandsfähiger, was die Uraufführung von "Digital Blood" nun unter Beweis stellte. Erstmals taten sich Kunstverein und der Förderkreis Neue Musik zusammen und gab es zur Eröffnung der Ausstellung "What Happened in the Digital Hood" mit Arbeiten von Katrin Plav?ak aus Wien eben jene Uraufführung einer Elektroperette: eine Kooperation zwischen der kanadischen Komponistin Annesley Black, die in Frankfurt lebt, und Kinky Muppet.
Rockmusiker mit dadaistischen Tendenzen
Kinky Muppet, das sind Plav?ak an der E-Gitarre und Gesang, Nicholas Hoffman, E-Bass und Gesang, sowie Oliver Stotz am Schlagzeug und Synthesizer. Als Rockmusiker mit dadaistischen Tendenzen verstehen sie sich. Ihre Klangstrukturen folgen dem angesagten Sound und bewusst brüchigen Takt des 21. Jahrhunderts.
Annesley Black, profunde Kennerin elektronischer Musik, hat Carola Schaal (Klarinette, Stimme), Paul Hübner (Trompete, Stimme, Live-Electronics) und Stephen Menotti (Posaune, Stimme, Live Eletronics) mitgebracht. The Nubes nennen sie sich und kommen für diesen Abend im Kunstverein in der Kunsthalle Vogelmann zusammen. Das heißt, die Tage zuvor wurde bereits probiert, experimentiert, improvisiert.
An die Gegenwart andocken
Die Verbindung zu Black hat Nanna Koch hergestellt, die nicht nur Geigerin beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn ist, sondern Vorsitzende des Förderkreises Neue Musik, der zu seinem 25-jährigen Bestehen diese Uraufführung mit ermöglicht hat. Wie wichtig es für die Neue Musik ist, an die Gegenwart anzudocken, daran erinnert Koch.
Wer "Digital Blood" nicht live erlebt, kann sich die knapp einstündige Videoaufzeichnung ansehen, die während der Ausstellung bis Mitte Juni im Kunstverein gezeigt wird. Das Setting der Ausstellung ist auch Setting der Elektroperette, die mit einem mehrstimmigen Choral tonal einsetzt und, wie es sich für ein szenisches Musikstück gehört, über eine Setlist verfügt und Lyrics.
Ein Mischwesen aus analogen und digitalen Instrumenten
Die sind so schräg wie der Bilderkosmos von Katrin Plav?ak, die in ihrer Doppelfunktion als bildende Künstlerin, die von der Malerei kommt, und als Musikerin als Mischwesen auftritt. So wie "Digital Blood" mit analogen und digitalen Instrumenten eine Mischgattung ist, die den Cyborg-Wolpertinger feiert: Mensch, Tier und Maschine als Klang-Cluster.
Als Partner wird Alexa besungen und schaffen Kinky Muppet und The Nubes durchdigitalisierte Klangbruchstücke, die harmonisch sein können, um kurz darauf wieder Hörgewohnheiten krass zu durchkreuzen.
Annesley Black hat Motive von Kinky Muppet übernommen, umgeformt, fragmentiert und durch Eigenkompositionen ergänzt. Hinter ihrem Mischpult ist Black Dirigentin, schraubt am Klang, singt und hat die komplexe Partitur fest im Blick - klassisch auf einem Notenständer, bei aller funky Spielfreude. Viel Applaus vom begeisterten und irritierten Publikum.
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