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Altbekannte und neue "Helden des Südwestens": Buch über Ikonen aus Schwaben und Baden

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Warum Andrea Berg wie Äffle und Pferdle zur schwäbischen Ahnengalerie von Autor Rainer Moritz gehören und Lidl knapp an der Aufnahme gescheitert ist.

Ikonen aus Schwaben und Baden.
Ikonen aus Schwaben und Baden.  Foto: dpa / Montage: HSt

Was verbindet Äffle und Pferdle, Bollenhut, Joachim Löw, Knorr und Maggi, Lurchi, Pustefix, Steffi Graf und die Steiff-Tiere? Sie alle kommen aus dem Südwesten. Nicht jedem geläufig dürfte sein, dass auch die Capri-Sonne und Hengstenberg – sauer macht lustig – von hier stammen, ebenso wie Birkel-Nudeln, der Fischer-Dübel, der den Dingen Halt gibt, und Martin Walser, der "Balzac vom Schwäbischen Meer", wie Rainer Moritz den verstorbenen Schriftsteller nennt.

Walser ist einer der Neuzugänge der aktualisierten Ahnengalerie von Moritz" "Heldinnen und Helden des Südwestens. Mit 52 Ikonen durch das Jahr" (8 grad verlag, Freiburg, 240 Seiten, 18 Euro). Erneut begibt sich der gebürtige Heilbronner Autor, Übersetzer, Publizist und Leiter des Hamburger Literaturhauses auf eine Reise in die Vergangenheit.

 



Ikonen aus Schwaben und Baden – Was macht Heimat aus?

Welche Erinnerungen geben welches Lebensgefühl zurück, was macht Heimat aus zwischen Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart, Langenburg und Tettnang? Es sind Geruchs- und Geschmackserlebnisse, Persönlichkeiten und Prominente, Produkte und Firmen, Literatur, Bühne und Fernsehen, aus denen sich Moritz" Beiträge speisen, die freundlich und ironisch werten. Eine subjektive Kulturgeschichte des Südwestens, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

"Es ist ein Jammer, dass dieses Buch nur 52 Kapitel hat. So ist auch Winfried Kretschmann ganz knapp gescheitert", sagt Rainer Moritz. "Auch die Sauren Kutteln hätten einen Eintrag verdient. Damit können Sie in Norddeutschland jeden zu Tode erschrecken, mich eingeschlossen", erinnert er sich an das Trauma seiner Kindheit, das nun mal zu Baden-Württemberg gehört wie Gotthilf Fischer und Tony Marshall, die wiederum als seine Heldinnen und Helden firmieren, obwohl sie ihm zeitweise "gehörig auf die Nerven gingen".

 


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Dem deutschen Schlager auf die Sprünge helfen

"Man muss sie nicht lieben, aber man muss sie zu den Helden des Südwestens zählen." Wie Andrea Berg, die als gebürtige Krefelderin eine zugereiste Heldin ist und es zur "schwäbischen Ikone" gebracht hat, als sie "Anfang der 1990er Jahre begann, dem schwer gebeutelten deutschen Schlager auf die Sprünge zu helfen, zu einer Zeit, als Helene Fischer noch kaum über das Erlernen der Grundrechenarten hinausgekommen war." Wer es lange genug aushält in Baden-Württemberg und sich zu vermarkten versteht, kann Held und Heldin werden, was nicht heißt, dass sie von Moritz" gewitztem Urteil verschont bleiben.

Seine Porträts sind köstliche, spöttische, auch selbstironische Miniaturen über Anneliese Rothenberger (Weltstar mit Bembel), Hannes und der Bürgermeister (Ich höre mich nicht Nein sagen), den VfB Stuttgart (Als das Dreieck magisch war) und die Eigenart des schwäbischen Grüßens und Schimpfens.

Viel hat sich ereignet im Leben eines Boris Becker

Die 40 Beiträge seines ersten Helden-Bandes von 2016 hat Rainer Moritz übernommen, überarbeitet und ergänzt, viel hat sich ereignet etwa im Leben eines Boris Becker. Neu hinzugekommen sind die Firma Schiesser und ihr Feinripp-Comeback, die Stuttgarter Wilhelma, der Zeppelin aus Friedrichshafen, jenes Luftschiff, "das die Fantasie der Deutschen bis heute beflügelt", und andere mehr.

Aber wer oder was ist Moritz' Lieblingsheld oder -heldin? "Das kann man gar nicht so klar sagen, das wechselt." Natürlich sind die Maultaschen Lieblingshelden. "Der Caro Kaffee ist es mit Sicherheit nicht, aber er ist ein Klassiker, der lange mit Ludwigsburg verbunden war." Tipp-Kick, das Fußball-Simulationsspiel für zwei Personen, erfunden 1921 vom Stuttgarter Möbelfabrikanten Carl Mayer, ist bis heute einer seiner Favoriten. Dass "90 Prozent der Hamburger Bäcker unfähig sind, eine ordentliche Laugenbrezel herzustellen", trägt Rainer Moritz mit Fassung.

Als das Ehepaar Schwarz einen VHS-Vortrag besuchte

Knapp an der Aufnahme in die Ahnengalerie vorbeigeschrammt wie Manfred Rommel, Joy Flemming oder Speick ist auch Lidl. "Ich wollte meinen Lokalpatriotismus nicht überstrapazieren." Dabei erinnert sich Rainer Moritz gerne daran, wie das Ehepaar Schwarz, als Moritz in den 80er Jahren VHS-Dozent im Deutschhof war, einen Vortrag von ihm über Wilhelm Waiblinger besuchte. Und Franziska Schwarz einen seiner Literaturkurse.


Zur Person: Schon als Schüler war ihm klar, "irgendwas mit Büchern" machen zu wollen, schreibt Rainer Moritz in "Das Buch zum Buch. Ein Blick hinter die Kulissen" (Kampa Verlag), das morgen erscheint. 1958 in Heilbronn geboren, studiert Moritz in Tübingen Germanistik, Philosophie und Romanistik und promoviert über Hermann Lenz. Ab 1989 arbeitet er als Lektor beim Tübinger Francke-Verlag, als Leiter der Philologischen Abteilung beim Berliner Erich Schmidt Verlag, als Cheflektor bei Reclam Leipzig, als Programmgeschäftsführer beim Verlag Hoffmann und Campe. Seit 2005 leitet er das Literaturhaus Hamburg.

 
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