Reportage
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Wie ein Eppinger Knopfhändler für Furore sorgt

In Eppingens Altstadt befindet sich ein verwunschenes Lager-Labyrinth. Darin arbeitet der Knopfhändler Frank Wackes. Mit einem veganen Sortiment ließ sein Unternehmen die Branche zuletzt aufhorchen.

Von Alexander Hettich
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Reine Knopfsache
"Die guten ins Töpfchen": Mitarbeiterinnen der Firma Knopf Budke sortieren die neueste Lieferung.

Ein Knopf ist rund und hat vier Löcher. Für Frank Wackes grenzen solche Aussagen an Frevel. "Ein Knopf ist keine Zutat, sondern ein Accessoire", sagt der Chef des Eppinger Unternehmens Knopf Budke, das zuletzt mit einem veganen Sortiment die Branche aufhorchen ließ.

Ungewöhnlich ist auch das Firmengebäude: In einem Altstadthaus tut sich ein wahres Labyrinth von Lagerräumen, Kellern und Regalen auf. Für den Besucher ist das völlig undurchsichtig. Aber Beutel mit hunderttausenden kleinen Accessoires sind fein säuberlich sortiert und beschriftet: reine Knopfsache.

Zu Beginn gleich eine Coup gelandet

Der Klingelknopf verdient hier seinen Namen. Wer bei Knopf Budke im Schatten des Eppinger Pfeifferturms Einlass begehrt, drückt auf einen Button, der auch einen Hemdsärmel zieren könnte. Der Chef ist alles andere als zugeknöpft. Frank Wackes ist eine Frohnatur. Der Hamburger Inhaber einer Werbeagentur hat vor zwei Jahren das Eppinger Traditionsunternehmen übernommen und gleich einen Coup gelandet, der ihm ein überregionales Medienecho einbrachte: den veganen Knopf.

Wackes führt über knarzende Dielen nach oben in einen modern ausgestatteten Raum − in Designer-Deutsch würde man wohl Showroom sagen. In einem Eppinger Altstadthaus mit seinen antiquierten Nachtspeicheröfen, den vielen Treppen und Winkeln klingt das etwas überzogen hip.

Reine Knopfsache
Mehr als eine Million Knöpfe dürften in einem Eppinger Altstadthaus lagern.

Allemal hip ist das, was Wackes und seine Lebenspartnerin Nevenka Leibner an viele kleinere und einige große Unternehmen aus der Modebranche verkaufen: Knöpfe aus Naturmaterialien − aus Perlmutt, gewonnen aus Schalen von Meeresgetier, aus Horn, Holz oder Plastik.

Der Dreh mit der Steinnuss

Auf Papptafeln sind sie alle aufgereiht. Mit solchen Präsentationsobjekten fahren die Eppinger zu Messen in ganz Deutschland. Dort kennt man den Namen Budke, spätestens seit Wackes im Flugzeug einen Einfall hatte. Aus jedem Bordmagazin sprang ihm der Lifestyle-Trend entgegen: vegan überall. In Berlin gebe es Geschäfte mit veganen Fahrrädern. Erotikshops offerierten ein Sortiment, für das kein Tier sein Leben lassen musste.

Warum nicht einen veganen Knopf fabrizieren lassen? Wackes' Lösung hieß Steinnuss, hergestellt aus dem Samen einer Palme, angenehm anzufassen, schwer zu färben. "Da hatten wir anfangs Probleme." Jetzt ist ein Partner gefunden, der rein pflanzliche Farbe auf die Knöpfe bringt. Warum etwa Holz nicht vegan sein soll, mag verwundern. Es wird mit Bienenwachs behandelt, was es in den Augen mancher strenger Veganer suspekt macht.

Plastik wiederum ist aus Kohlenstoffverbindungen hergestellt. Daher der Dreh mit Steinnuss − und der Laden läuft. "Das ist eine Nische, klar", sagt Wackes. Aber ein paar Hunderttausend vegane Knöpfe haben die Eppinger schon abgesetzt, meist an kleinere Hersteller, die auf Naturprodukte setzen.

Knöpfe bis an die Decke

Das Knopfgeschäft ist schwierig, dominiert von Billiganbeitern aus Fernost. Viele große deutsche Traditionsanbieter haben das Spiel mitgespielt, Dependancen in Asien gegründet, sich auf den ruinösen Preiskampf eingelassen. Die ganz Großen brachten im Jahr mehr als eine Milliarde Stück auf den Markt. Zuletzt gab es vermehrt Berichte von Produktionsverlagerungen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wohl dem, der seine Nische gefunden hat. 

Reine Knopfsache
Messe-Hit: Marianne Rentel-Bardiau mit ihrem Knopf-Sakko.


"Mein Traum ist es, Design mit Öko zu verbinden", sagt Frank Wackes. Knopf hat Zukunft, davon ist das Nordlicht, das es in den Kraichgau verschlagen hat, überzeugt. Trommeln gehört zum Handwerk, weiß der gelernte PR-Fachmann. "Die Branche hat ein devotes Verhalten", kritisiert er und plädiert für mehr Selbstbewusstsein und Individualität.

So individuell wie der Firmensitz. Im Erdgeschoss fällt fahles Tageslicht durch ein Fenster über der Tür. Der Raum wirkt wie ein aus der Zeit gefallenes Aktenlager. Eng stehen die Regale, alle bis zum Rand voll mit Pappschachteln. Darin: Knöpfe bis zur Decke. Alles ist handschriftlich markiert. "P" steht für Perlmutt, "BE" für Bein. So ist das in jedem Raum des Budke-Labyrinths.

Das Fernsehen war auch schon zu Gast

Das Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert, früher soll es auch einmal für kirchliche Zwecke gedient haben. In jedem Fall gehört es zur Häuserzeile, die nach dem großen Eppinger Brand 1874 noch ältere Gebäude ersetzte. Ein stadtbekannter Pyromane und Trunkenbold hatte das Feuer damals gelegt. Es ist eine Gegend voller Geschichte und Geschichten. In den Gewölbekellern geht es weiter mit der Knopf-Parade, über eine Million Stück dürften in dem Gebäude lagern. 

Reine Knopfsache
An den Lifestyle-Trend anknöpfen: Nevenka Leibner, Frank Wackes und zwei Handvoll vegane Steinnuss-Buttons.

Hier im Untergrund sind manche Regale von Spinnweben überzogen. Das war ein optisches Fest für das Fernsehteam, das kürzlich zu Gast war. Wackes ist gefragt seit der Nummer mit der Vegan-Mode. Wackes hat bereits versucht, sich seinen Einfall patentieren zu lassen. Das erwies sich als nicht so einfach. Mittlerweile sind schon die ersten Konkurrenten auf den Lifestyle-Zug aufgesprungen.

Das Eppinger Unternehmen beschäftigt rund ein Dutzend Leute. Weitere Verstärkung wird dringend gebraucht, sei aber schwer zu finden, sagt der Chef. Eine der Mitarbeiterinnen ist Marianne Rentel-Bardiau. Die Französin soll den Markt im Nachbarland sondieren, für Messen hat sie ein besonderes Kleidungsstück: ein Sakko, dicht benäht mit 280 der unterschiedlichsten Knöpfe.

Einige sind groß wie Espresso-Untertassen, andere dreieckig, wieder andere klein und filigran. In einem anderen Raum, ebenfalls eingerahmt von Regalen, sortieren Mitarbeiterinnen die neueste Lieferung. Klack, klack, klack. "Die guten ins Töpfchen", scherzt Wackes. Der Qualitätscheck ist Routine.

Nur ein Gegner bleibt

Rund 10 000 Modelle umfasst das Sortiment. Hergestellt werden sie in aller Welt, in Portugal, Indien oder anderen Ländern. Aber auch "Made in Germany" reizt den Unternehmer. Wackes schwebt eine "Manufaktur" vor, die nur Rohlinge bezieht, den individuellen Feinschliff aber selbst erledigt. Doch hier kommt das alte Gebäude ins Spiel. Es ist zwar urig und pittoresk, aber eben auch unpraktisch.

Wackes liebäugelt mit einer Halle im Gewerbegebiet, erste Gespräche mit der Eppinger Verwaltung und mit Nachbarkommunen hat es schon gegeben, entschieden ist noch nichts. Ein wenig schade wäre es um das Labyrinth der Knöpfe. Bang ist Wackes jedenfalls nicht. "Jeder Deutsche trägt mindestens drei Knöpfe am Tag, das macht 240 Millionen." Da sollte für die Eppinger eine Nische bleiben, meint er. Nur ein Gegner bleibt: "Der Feind ist der Reißverschluss."

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