Bad Rappenau
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Siedlung am Lerchenberg: Wo Freud und Leid immer geteilt wurden

Die Siedlung am Lerchenberg, im Volksmund auch Koreasiedlunggenannt, entstand in den 1950er Jahren als Wohnungsbauschwerpunkt für Vertriebene. Bis heute ist sie ein besonderes Wohngebiet, der Zusammenhalt dort ist groß.

Ulrike Plapp-Schirmer
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Lesezeit 2 Min
Wo Freud und Leid immer geteilt wurden
Die 86 Jahre alte Rosel Ganter kennt Klaus Fischer (66) von Kindesbeinen an. Wie"s früher war: Darüber tauschen sich die beiden gerne aus. Fotos: Ulrike Plapp-Schirmer  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

Gut lebt es sich in Bad Rappenau in der Siedlung am Lerchenberg, die im Volksmund Koreasiedlung genannt wird. Das wird klar, wenn Klaus Fischer anfängt zu erzählen.

Vor 66 Jahren ist er in dem Haus, in dem er heute noch lebt, geboren. Einige seiner Nachbarn sind nicht mehr da, sind weggezogen oder verstorben. Und trotzdem kennt Fischer noch viele, die da wohnen. Die 86 Jahre alte Rosel Ganter zum Beispiel, die trotz der hohen Temperaturen Unkraut jätet. Oder Heinz Eisele, der ein paar Straßenzüge weiter gegenüber der ehemaligen Metzgerei Reinhardt wohnt, da, wo früher auch mal ein Sparladen war - mit "dem ersten Telefon in der Siedlung".

Klaus Fischer kann sich keinen schöneren Ort zum Leben vorstellen als den, an dem zu Beginn der 50er Jahre eine neue Heimat entstand für Menschen, die ihre alte Heimat verloren hatten.

Erinnerungen in allen Straßen

Die Straße sind eng, die Häuser klein. Manche von ihnen sind modernisiert, andere vom Charakter her noch als kleiner Bauernhof erkennbar mit Garage, Scheune und großem Garten. Wer hier bauen durfte, war in der Regel Selbstversorger, sagt der ehemalige Bauhofmitarbeiter der Stadt Bad Rappenau.

Klaus Fischer sprudelt nur so, wenn er durch die Straße der Koreasiedlung führt. Dort lebte eine Familie mit zwölf Kindern in einem Haus. Hier gab es Differenzen: Wer evangelisch war, habe es unter den ganzen Katholiken schwer gehabt, erzählt er.

"Familie Tänzer hatte ein Elektrogeschäft" - und den ersten Farbfernseher in der Siedlung." Fischer lacht: "An den ersten Film kann ich mich noch ganz genau erinnern." Die Kinder aus der Nachbarschaft saßen auf einer Bank, schleckten ein Eis - und im Fernsehen lief "Der Klosterjäger".

Wo Freud und Leid immer geteilt wurden
In Klaus Fischers Garten hängt ein altes Ortsschild, das der ehemalige Bauhofmitarbeiter der Stadt Bad Rappenau um den "Stadtteil Korea" ergänzt hat.  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

"Ich bin ein Koreaner", sagt Klaus Fischer, und drückt damit seine Identifikation mit dem Ort aus, an dem er großgeworden ist. Erst voriges Wochenende hätten die Nachbarn wieder miteinander gegrillt - und eine Wasserschlacht veranstaltet. "Der Zusammenhalt hier war immer groß", sagt Fischer, der die Gemeinschaft schätzt.

Auch, als in seiner Kindheit zeitweise 13 Personen unter einem Dach lebten, vier Fischers, eine Tante und acht Mieter, wurde es ihm nicht zu eng: "Die haben alle mitgeholfen." Das Leben war, wie es war. "Der Vater der Familie Schwarz war Sprengmeister", erzählt er, der hat an Silvester für uns Kinder um 20 Uhr ein Extra-Feuerwerk gemacht: Da schwärmen wir noch heute alle davon."

Familien mit vielen Kindern

Wo Freud und Leid immer geteilt wurden
"Ein Paradies" ist die Siedlung am Lerchenberg für Klaus Fischer.  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

In dem Haus, in dem seine Tochter Jasmin mit ihrem Mann und dem Neugeborenen heute wohnt, lebte einst die Familie Laute: "Sie machte die besten Bratkartoffeln", sagt Fischer - und kann sie fast schmecken, denn manches, was er erlebt habe, erscheine ihm, als wäre es gestern gewesen. "Wenn wir Völkerball gespielt haben, waren ruckzuck alle da. Eine Familie allein konnte schon eine ganze Mannschaft stellen."

Freud und Leid habe man geteilt. Ist etwas Schlimmes passiert, war man damit nicht allein

Das Leben in der Siedlung hat sich verändert, seit immer mehr Häuser verkauft und umgebaut wurden. Und doch schwebt über dem Wohngebiet ein besonderer Geist. Noch immer grüßt man sich freundlich auf der Straße, winkt sich zu. Eine Frau mit Kind geht vorüber. "Die nächste Generation ist schon da", sagt Klaus Fischer.

Informationen

Die Siedlung am Lerchenberg, im Osten Bad Rappenaus Richtung Zimmerhof gelegen, entstand Anfang der 50er Jahre in der Zeit des Koreakriegs, daher wird sie bis heute im Volksmund "Koreasiedlung" genannt. Ihre Bewohner waren in der Regel Vertriebene aus Böhmen, Ungarn und Tschechien. Klaus Fischers Vater war als Deutschstämmiger in Jugoslawien geboren. Die Männer fanden Arbeit bei der Firma Botsch, die Frauen gingen nach Gundelsheim in die Konservenfabrik oder arbeiteten später am Ort bei der Firma Benger-Ribana.

 
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