Eppingen
Lesezeichen setzen Merken

Kleingartacher Birnbäume haben 100 Jahre auf dem Buckel

Der Grenzsteinpfad birgt Geschichte, aber auch die Birnbaumallee zwischen Eppingen und Kleingartach, entlang der er angelegt ist

Susanne Schwarzbürger
  |    | 
Lesezeit 2 Min
Kleingartacher Birnbäume haben 100 Jahre auf dem Buckel
Alexander Krysiak vom Heimatverein Kleingartach setzt sich für das historische Gedächtnis ein. Der 100 Jahre alte Birnbaum könnte da einiges erzählen. Foto: Schwarzbürger  Foto: Schwarzbürger, Susanne

Ein hundertster Geburtstag und keiner geht hin und feiert? Das kann Alexander Krysiak so nicht hinnehmen. Doch erst einmal musste der zweite Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins Kleingartach (HuK) herausfinden, ob das mit dem Jubiläum überhaupt so stimmt. Denn er wusste nur von seinem Vorgänger im Ehrenamt, dem im vergangenen Herbst verstorbenen Gotthilf Sachsenheimer, vom ungefähren Alter der Birnbaumallee. Und Sachsenheimer, der den 2009 eingeweihten Grenzsteinpfad entlang der betagten Obstbäume initiiert und gepflegt hatte, kannte die Pflanzzeit auch nur vom Hörensagen: "Sein Vater hatte ihm erzählt, dass die Allee nach dem Ersten Weltkrieg angelegt wurde", weiß Krysiak.

Das Thema hat den gebürtigen Kleingartacher nicht mehr losgelassen. Der Liebe wegen ist der 38-Jährige zwar vor zwei Jahren nach Bretzfeld gezogen, doch seiner Heimat und dem Verein ist er treu geblieben. Zumal er zum Arbeiten noch täglich in die Gegend, nach Gemmingen, kommt.

Alter nicht nur durch Messen ermittelt

Vom Stammumfang her könnte das Alter hinkommen, hat Krysiak auf einer Internetplattform ausgerechnet. Zumindest bei einigen der rund 50 Bäume hat er Umfänge von 183 bis 234 Zentimetern gemessen. Doch der Heimatforscher wollte auf Nummer sicher gehen und kontaktierte Petra Binder. Die Eppinger Stadtarchivarin wühlte sich durch alte Zeitungsausschnitte und Gemeinderatsprotokolle. Und sie wurde fündig: "Ich kann das Alter bestätigen."

Im Gemeinderatsprotokoll vom 15. November 1922 ist zu lesen, dass die im Februar desselben Jahres neu angelegte Obstallee "im Holzbronnen mit circa 50 Birnhochstämmen der Sorten Champagnerbratbirne und Luxemburger Mostbirne auf Anregung des Oberamtsbaumwarts vor Wildschaden geschützt werden sollten". Bereits im März sollten eigentlich sogenannte Drahthosen beziehungsweise "Drahtschützer" verhindern, dass die jungen Setzlinge verspeist wurden, ohne je Früchte zu tragen.

Arme Bürger mit gesundem Obst versorgen

Das heißt, die Birnbäume mit den klangvollen Namen sind jetzt tatsächlich genau 100 Jahre alt. Sie wurden nach dem Ersten und nicht nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt, wie es fälschlicherweise auf der Hinweistafel zum "Landschaftselement" zu Beginn der Allee steht. Der Zweck, die arme Bevölkerung der damals noch selbstständigen Stadt Kleingartach mit gesunden Birnen zu versorgen, war jedoch in den zwanziger Jahren sicher der Gleiche wie in den Vierzigern.

Auch wenn das Obst heute nicht mehr nötig ist, um den Hunger der Bevölkerung zu mildern, markiere die Stadt heute noch, dass es gesammelt werden dürfe, erzählt Frank Edlinger. Der Leiter der Grünplanungsabteilung in der Eppinger Stadtverwaltung bestätigt auch den Eindruck, dass nicht alle Bäume so betagt sind. "Darunter sind auch junge Bäume", weiß er. Nur etwa 15 stammten noch aus der Anfangszeit, der Rest sei "je nach Abgangszeit nachgepflanzt" worden. Das Erscheinungsbild würde erhalten, zumal der daran gekoppelte Grenzsteinpfad eine wichtige Einrichtung in Kleingartach sei.

Bestand alter Sorten nimmt ab

Alexander Krysiak möchte nun gerne den stolzen, runden 100. Geburtstag der Birnbaumallee ins Bewusstsein der Kleingartacher rücken. Die Bäume sollten besonders geschützt und gepflegt werden, "da der Bestand alter Sorten abnimmt".

Daher hat Krysiak das Thema in den Ortschaftsrat gegeben. Und schon eine Hinweistafel in Auftrag gegeben, die er stiften möchte, um an den 100. Geburtstag zu erinnern. Wenn er am Tag des Offenen Denkmals, am 11. September, interessierte Bürger über den Grenzsteinpfad führt, will der Heimatforscher auch daran erinnern.

Aber ob es auch ein Fest geben wird? "Das müssen wir noch andiskutieren", meint Krysiak lachend.


Grenzsteinpfad

Zur Birnbaumallee beziehungsweise zum Grenzsteinpfad gelangt man über die L1110 zwischen Eppingen und Kleingartach. Im 19. Jahrhundert, vor dem Bau der Landstraße, war der "Altgartacher Weg" die direkte Verbindung zwischen den beiden Orten. Jetzt folgt man von Eppingen kommend kurz nach Waldende, auf Höhe der Weinberge, links dem Hinweisschild Leinburg/Grenzsteinpfad. Zuletzt geht es links über einen Schotterweg zum Ziel.

Zwischen den Birnbäumen zeugen 45 Grenzsteine aus der Zeit von 1555 bis 1901. Sie wurden 2009 restauriert, aufgestellt und beschildert. Der Heimat- und Kulturverein Kleingartach bietet immer mal wieder lehrreiche Führungen zu den Zeugen der Vergangenheit an. Einen Überblick über die Vereinsaktivitäten finden sich unter www.huk-kleingartach.de.

Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
  Nach oben