Gemmingen
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Die Geschichte derer von Gemmingen wird fortgeschrieben

Manfred Tschacher, Leiter der Seelsorgeeinheit Eppingen, hat sich mit Originalquellen zur Reformation in Gemmingen beschäftigt. Herausgekommen ist Erstaunliches - und mehrere Korrekturen. Die Geschichte wird fortgeschrieben.

Ulrike Plapp-Schirmer
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Die Geschichte derer von Gemmingen wird fortgeschrieben
Der Eppinger Pfarrer Manfred Tschacher hat sich ins Quellenstudium vertieft und neue Erkenntnisse zur Reformation im Kraichgau zutage gefördert. Foto: Plapp-Schirmer  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

Die Reformation im Kraichgau ist ein Thema, das Historiker und Heimatforscher immer wieder auf den Plan ruft. In der Vergangenheit war ihre Neugier oft von dem Ziel getragen, nachzuweisen, welcher Ort denn nun den ersten evangelischen Pfarrer hatte. Fürfeld, Weinsberg oder Gemmingen, wo der Ortsadel bei der Ausbreitung lutherischen Gedankenguts eine ganz zentrale Rolle spielte?

"Die Reformation", sagt Manfred Tschacher, Leiter der katholischen Seelsorgeeinheit Eppingen, "war ein Prozess, der überall gleichzeitig entstanden ist." Ausgehend von Luthers Disputation in Heidelberg am 26. April 1518 fielen dessen Thesen hier aber auf besonders fruchtbaren Boden: Die Reformation nahm im Kraichgau schnell ihren Lauf.

Die Konfession spielt keine Rolle

Es ist nicht das erste Mal, dass der Katholik Tschacher über die Umstürze im 16. Jahrhundert forscht. Die Literatur kennt er. Doch jucke ihn das Entziffern von Originalquellen mehr.

So wird erkennbar, wo der eine vom anderen abgeschrieben hat. Dabei spielt bei Tschacher die Konfession keine Rolle: Schon während des Theologiestudiums am Lehrstuhl Karl Lehmanns in Freiburg lag sein Schwerpunkt auf der Ökumene.

Er sieht Parallelen zwischen damals und heute, wo die großen Kirchen einem Reformstau gegenüber stehen und sich schwertun, Antworten auf dringende Fragen der Zeit zu finden. Luther, meint Tschacher, hätte aus heutiger Sicht durchaus in die katholische Kirche integriert werden können.

Er spricht von Wunden, die gerissen wurden - und bis heute nicht verheilt seien. Die Spaltung der Kirche kann aus Sicht Manfred Tschachers heute wieder passieren. Dann nämlich, wenn der Synodale Weg in Deutschland zu keinem Ergebnis führe, wie er sagt.

Wo Katholiken evangelisch predigten

In einem wissenschaftlichen Beitrag für das Freiburger Diözesan-Archiv überrascht er nun mit neuen Erkenntnissen. Er widmet sich darin der "Einführung der Reformation in Gemmingen durch Wolf von Gemmingen", schreibt über mittelalterliche Kirchengebäude, über die Lage des Mittleren Schlosses mit dem Stättle und über die Gründung und Bedeutung der bislang nicht erforschten adeligen Lateinschule und ihres vorreformatorischen Ursprungs.

"Als historisch interessierter katholischer Pfarrer von Gemmingen" sei es ihm ein Anliegen, der These, Gemmingen sei eine der ersten evangelischen Gemeinden weltweit gewesen, nachzugehen.

"Die Einführung der Reformation vollzog sich über einen längeren Zeitraum", lautet Tschachers zentrale Behauptung. 1524, also sieben Jahre nach der Veröffentlichung der Thesen zum Ablasshandel der katholischen Kirche, "ist dokumentiert, dass der Prediger Bernhard Griebler nicht nur reformatorisch predigte, sondern auch durch Spendung von Taufen in die Rechte des katholisch gebliebenen Pfarrers eingriff", sagt er. Im gleichen Jahr habe der Kaplan Andreas Rampacher mit dem Pfarrer Engelhard von Berwangen die Stelle getauscht.

Engelhard dürfte der erste von Wolf eingesetzte evangelische Pfarrer von Gemmingen gewesen sein: "1527 hat der katholisch gebliebene Diethelm Gemmingen verlassen."

Einzelne katholisch gebliebene Kapläne hätten noch bis 1533, beziehungsweise 1535 ihre Gottesdienste in der Kirche in Gemmingen gehalten. Tschacher vermutet aber auch, dass der verheiratete evangelische Pfarrer Veit Soldin während der Interimszeit 1548 bis 1552 wieder katholische Messen zelebriert hat.

Wo Hans der Reiche begraben liegt

Drei Jahre hat Manfred Tschacher an seinem 70 Seiten starken Aufsatz über die Reformation in Gemmingen gearbeitet. Während seines Quellenstudiums entdeckte er auch einen fast vergessenen Bruder Dietrichs, Philipps und Wolfs: Georg von Gemmingen war Geistlicher in Wimpfen. Außerdem vermutet Manfred Tschacher, dass Hans der Reiche nicht, wie lange Zeit gedacht, in Maulbronn begraben liegt, sondern in seinem Heimatort - unter dem Vorplatz der heutigen evangelische Kirche.

Neuerscheinung zur Familiengeschichte

Die Geschichte der Reformation im Kraichgau und die dabei tragende Rolle der Familie von Gemmingen ist noch lange nicht zuende geschrieben. Auch der gebürtige Stebbacher Wolfgang Ehret befasst sich damit. Im 13. Band der Kraichgauer Kolloquien "Gemmingen - Streiflichter auf die Geschichte einer Familie des Ritteradels aus dem Kraichgau" (34 Euro, erschienen im Thorbecke Verlag), beschreibt er unter anderem die genaue Lage der drei Schlösser.

Ehret und Tschacher stehen im regen Austausch. Tschacher betont, dass er Ehret für seinen Aufsatz über die Reformation der Kraichgaugemeinde entscheidende Informationen zu verdanken habe.

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