Bad Rappenau
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Der Schauspieler Frank Roder bringt Joachim Ringelnatz in den Bad Rappenauer Stadtwald

Eine Leiter und einen Koffer - mehr braucht Frank Roder nicht, um an den Dichter Joachim Ringelnatz zu erinnern. Das gelingt dem Hamburger nicht nur, weil er dem vor fast 90 Jahren gestorbenen Leipziger verblüffend ähnlich sieht.

Elfi Hofmann
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Lesezeit 3 Min
Der Schauspieler Frank Roder bringt Joachim Ringelnatz in den Bad Rappenauer Stadtwald
Schauspieler Frank Roder braucht für seine Darstellung des Dichters Ringelnatz nicht mehr als eine Leiter und seine starke Ausdrucksfähigkeit.  Foto: Hofmann, Elfi

Über allen Gipfeln ist Ruh - so kennt man den Bad Rappenauer Stadtwald. Doch am Dienstagabend erfüllt eine tiefe, durchdringende Stimme den Forst. Joachim Ringelnatz persönlich ist auf Einladung des Waldnetzwerks in die grüne Oase der Kurstadt gekommen. Zumindest gleicht der Mann, der da mit einer Leiter und einem Koffer auf die Lichtung vor der Sommerberghütte schreitet, dem Leipziger Dichter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ringelnatz wird zum Leben erweckt

In Wahrheit ist Hans Gustav Bötticher - so Ringelnatz" echter Name - seit fast 90 Jahren tot. Doch der Schauspieler Frank Roder versteht es, den Schriftsteller wieder zum Leben zu erwecken. Roder sei vielen aus dem Fernsehen bekannt, erzählt Detlef Piepenburg, Vorsitzender des Waldnetzwerks und ehemaliger Landrat.

Dass er vor allem als Theaterschauspieler und Darsteller des Doc Traugott Murksheimer bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg aktiv ist, wissen allerdings die wenigsten unter den rund 30 Zuschauern, als er - optisch ganz im Stil des armen Künstlers, der Ringelnatz einen Großteil seines Erwachsenenlebens war - vor das Publikum tritt. Und zuerst einen kräftigen Schluck aus einer kleinen Flasche undefinierten Inhalts nimmt.

Roder mischt seine Darbietung mit Gedichten und biografischen Inhalten, die sich vorwiegend auf Briefe stützen. Aber auch Zeitungsartikel über Ringelnatz trägt er vor. 1924 schrieb man über ihn, er habe "eine Visage wie für das Visier geschaffen". Er sei ein kleiner, dürrer Matrose, kein germanischer Typ von der Waterkant. Immerhin: "Er hat schöne grau-blaue Augen."

Die finanzielle Situation war zeitlebens prekär

Zu finanzieller Sicherheit führt das freilich nicht. Immer wieder wird klar, wie mittellos der Künstler oft war. Und immer wieder bittet er seine Gönner, ihm noch mehr Geld zu schicken. Eine 1913 begonnene Ausbildung als Schaufensterdekorateur gibt er schnell wieder auf, an Alma Baumgarten, die er Maulwurf nennt, schreibt er oft. Später dann auch an "Muschelkalk", Leonharda Pieper, die er 1920 heiratet.

Wie absurd die Inflation Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war, zeigt Frank Roder ebenfalls eindrücklich. Von Brief zu Brief wird das Geld merklich weniger wert. "Schau mal, ob es schon Milliarden sind", liest er ein Schreiben von Ringelnatz vor. Zwei Pfund Brot kosteten damals vier Milliarden Mark.

Sechs Zeilen, die bleiben

Auch wenn die Lage für Joachim Ringelnatz und viele andere keine einfache war: Der Leipziger nahm sie zumindest schriftlich mit viel Humor. Mit dem gleichen Humor, mit dem er auch Gedichte wie "Bumerang" geschrieben hat. Sechs Zeilen, die im Kopf hängen bleiben. So geht es zumindest den Zuschauern, die die wenigen Worte aus dem FF mitmurmeln können.

Die etwas andere Version des Märchens über Rotkäppchen hingegen ist gänzlich unbekannt. Zwischen kräftigen Schlucken aus einer weiteren kleinen Flasche erzählt Roder, wie die Großmutter erst den Wolf, dann die Enkeltochter und schlussendlich den Jäger, der sie für einen Wal hält, frisst. Dornröschen spielt eine Nebenrolle.

Und auch "Ich habe dich so lieb" findet seinen Platz in dem Schauspiel im Bad Rappenauer Wald. Zur Erinnerung: Ringelnatz hat die oder den Adressaten so lieb, dass er ihm "ohne Bedenken eine Kachel aus seinem Ofen schenken" würde. Ein zu Recht bis heute viel rezitiertes Liebesgedicht. Doch zu Lebzeiten war das Werk kaum anerkannt.

Bis auf wenige Jahre, in denen er einen Verlag von sich überzeugen kann, putzt er erfolglos Klinken. Anfang der 20er erhält er ein Schreiben, in dem man sich bei ihm entschuldigt, aber die Ablehnung mit "Überlastung" begründet. Beim Rowohlt-Verlag findet er schließlich eine Heimat, die sich aber mit der Machtergreifung der Nazis 1933 zerschlägt. Ringelnatz bekommt Auftrittsverbot, seine Bücher werden verbrannt. Vergessen wurden sie bis heute nicht. Auch dank Menschen wie Frank Roder.

Nazis erteilen Joachim Ringelnatz Berufsverbot

Joachim Ringelnatz, 1883 in Wurzen im heutigen Landkreis Leipzig geboren, war Schriftsteller, Kabarettist und Maler. Als Berufsbezeichnung gab er schon mal "Artist" an. Nach seiner Zeit als Leichtmatrose Anfang des Jahrhunderts begann Ringelnatz, erste Gedichte zu verfassen und Gemälde zu malen. Er war Bibliothekar, im Ersten Weltkrieg wieder bei der Marine, Archivangestellter und kurze Zeit Schaufensterdekorateur. 1920 heiratete er die Übersetzerin Leonharda Pieper, die er Muschelkalk nannte. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Joachim Ringelnatz mit einem Berufsverbot belegt, seine Bücher wurden verboten und verbrannt. 1934 brach seine Tuberkulose-Erkrankung aus, im November starb er. Sein Grab ist mit einer Platte aus Muschelkalk bedeckt.

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