Hohenlohe
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Integrationsarbeit im Hohenlohekreis wird gestärkt

Der Kreistag beschließt fünf neue Stellen, steht aber nicht geschlossen dahinter. Kritiker monieren, man wisse noch gar nicht, wie es mit den Ukraine-Flüchtlingen weitergeht.

Ralf Reichert
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Integrationsarbeit im Hohenlohekreis wird gestärkt
Die Spitalkirche in Öhringen wird nächste Woche zu einem zweiten Willkommenspunkt für Flüchtlinge im Hohenlohekreis.  Foto: Reichert, Ralf

Außerdem gebe es noch keine Landesförderung. Der Landrat erwartet genau diese und sieht den Kreis in Flüchtlingsfragen künftig stärker gefordert.

Der Hohenlohekreis geht finanziell in Vorleistung, um die Integrationsarbeit zu stärken. Dies soll vor allem den Ukraine-Flüchtlingen zugute kommen. Landrat Matthias Neth erwartet gleichzeitig, dass die Themen Flucht und Vertreibung den Kreis darüber hinaus dauerhaft fordern werden. Krisen und Kriege würden nicht weniger, deshalb sei in den kommenden Jahren ganz allgemein mit mehr Flüchtlingen zu rechnen, die in die Hohenloher Gesellschaft aufgenommen werden müssten. Insgesamt fünf neue Stellen hat der Kreistag in seiner jüngsten Sitzung für Integrationsarbeit bewilligt - in der Hoffnung, dass diese Mehrkosten später ausgeglichen werden.

Landrat: Jetzt entschlossen handeln

Neth baut darauf, dass das Land entsprechende Förderprogramme auflegen wird. Man könne aber nicht so lange warten, bis diese Entscheidung getroffen sei, sondern müsse jetzt entschlossen handeln, so der Landrat.

Die Fraktion der Freien Wähler sieht das anders und beantragt, den Tagesordnungspunkt auf die Sommer- oder Herbstsitzung zu verschieben. Bereits jetzt dem Land vorzugreifen und finanzielle Mittel zu setzen, sei "schwierig", sagt Fraktionschef Achim Beck. "Es gilt erst die Frage der Förderung zu klären" - dies umso mehr, "als es wohl doch nicht ganz so extrem kommt, wie wir anfangs gedacht haben". Auch sein Kollege Jürgen Kienzle mahnt: "Ich befürchte, dass wir etwas zu schnell sind". Noch könne man gar nicht abschätzen, ob man die neuen Stellen tatsächlich brauche, das aktuelle Flüchtlingsgeschehen sei sehr dynamisch, wie viele Ukrainer tatsächlich im Kreis blieben, sei unklar.

Personal wird anderweitig beschäftigt, wenn sich Flüchtlingslage doch entspannt

AfD-Kreisrat Anton Baron will wissen: "Warum befristen wir die neuen Stellen nicht erst einmal nur für ein Jahr?" Darauf antwortet der Landrat: "Für diesen Zeitraum finden Sie auf dem Arbeitsmarkt niemand." Und er bekräftigt: "Sollten wir 2023 feststellen, es ist keiner mehr da, werden die Stellen wieder herausgenommen und wird das Personal anderweitig beschäftigt. Allein: Mir fehlt der Glaube daran." Neth ist überzeugt: "Wir werden auf Dauer mit deutlich höheren Flüchtlingszahlen leben müssen: ob aus der Ukraine, den Ländern um Russland oder aus Afrika. Wir werden in der Integrationsarbeit viel mehr brauchen, als wir heute glauben."

Experte im Landratsamt: Intergration ist "Daueraufgabe"

Erst wenn das Land den nächsten Doppelhaushalt beschließe, "wissen wir, was an Förderprogrammen kommt". Dies sei im Dezember und damit zu spät. Mark Tobias Wittlinger ergänzt: "Es ist keine Option, zu warten, bis alles in trockenen Tüchern ist, und erst dann anzufangen." Integration sei eine "Daueraufgabe" mit immer neuen Lagen. "Da braucht man einen langen Atem. Und der Erfolg hängt auch davon ab, was man in den ersten Wochen und Monaten macht", sagt der dafür zuständige Integrationsexperte.

Die Mehrheit des Kreistags sieht das genauso. Grüne, SPD und FDP haben Neth explizit ihre Unterstützung versichert. Deshalb wird der Antrag der FWV auf Vertagung mit elf Nein-Stimmen und einer Enthaltung abgelehnt. Der Vorschlag der Verwaltung geht danach bei sechs Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen durch.

Das Integrationsteam von Mark Tobias Wittlinger wird nun für zwei Jahre um zwei Stellen aufgestockt. Derzeit sind es 1,3 Stellen. Sie sollen Haupt- und Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe vernetzen und die Arbeit im Hohenloher Integrationsbündnis 2025 koordinieren.

Die von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege gestellten Integrationsmanager, die vor Ort in den Städten und Gemeinden des Hohenlohekreises tätig sind und bislang voll vom Land bezahlt werden, erhalten ebenfalls Zuwachs: Aus 7,74 werden jetzt 10,74 Stellen, sie sind ebenso auf zwei Jahre befristet. Die Vorfinanzierung dieser drei Stellen kostet den Kreis 420 000 Euro. Laut Sozialministerium sind diese Integrationsmanager nun auch für alle Ukraine-Flüchtlinge zuständig, die nicht in den Sammelunterkünften des Kreises leben. In Hohenlohe betrifft das die allermeisten Geflüchteten.

Zwei Willkommenspunkte runden Paket ab

Integrationsarbeit im Hohenlohekreis wird gestärkt
Der Willkommenspunkt im ehemaligen Krankenhaus Künzelsau ist seit 1. April in Betrieb.  Foto: Reichert, Ralf

Abgerundet wird das vom Kreistag beschlossene Integrationspaket durch zwei Willkommenspunkte, wo Geflüchtete und Ehrenamtliche zusammenkommen. Der in Künzelsau (ehemaliges Krankenhaus) ist seit 1. April in Betrieb, der in Öhringen (Spitalkirche) folgt nächste Woche. Die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung und von Firmen sei "überwältigend", Teile der Ausstattung wurden gespendet. Die Einrichtung kostet den Kreis in Künzelsau 9460 Euro, in Öhringen 9300 Euro. Hinzu kommen monatliche Beträge von 500 und 600 Euro.


Aktuelle Flüchtlingszahlen

Im Hohenlohekreis leben derzeit 928 Flüchtlinge aus der Ukraine. 449 sind erkennungsdienstlich erfasst, 455 haben Anträge auf Unterstützung gemäß Asylbewerberleistungsgesetz gestellt. Nur 63 ukrainische Kriegsflüchtlinge sind dem Kreis bislang offiziell zugewiesen worden. Die Eberhard-Gienger-Halle in Künzelsau war dafür als Notunterkunft mit 180 Plätzen hergerichtet worden, stand aber bislang leer. Sie wird jetzt zurückgebaut und kann voraussichtlich in zwei Wochen wieder von Schulen und Vereinen genutzt werden. Die Notquartiere im einstigen Krankenhausgebäude, im ehemaligen Pflegestützpunkt daneben sowie in einer Gewerbehalle in Schwabbach reichen aus, meldet das Landratsamt. Es geht davon aus, dass nach und nach immer mehr Ukrainer von den privaten Wohnungen in die Sammelunterkünfte des Kreises wechseln. Aktuell sind noch 865 Ukrainer privat untergebracht. Die Mobilität der Flüchtlinge erschwert die Planungen. Das gilt auch für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Kitas und Schulen. 

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