Hohenlohe
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Hohenloher Jugendhilfe ist bei Ukraine-Flüchtlingen sofort gefordert

Fast die Hälfte der Geflüchteten aus der Ukraine, die derzeit im Hohenlohekreis leben, sind unter 21 Jahre alt. Das Jugendamt muss sich von Beginn an um sie kümmern. Und in den Kommunen haben sie gleich einen Rechtsanspruch auf den Besuch von Schulen und Kitas.

Ralf Reichert
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Lesezeit 3 Min
Hohenloher Jugendhilfe ist bei Ukraine-Flüchtlingen sofort gefordert
Junge Flüchtlinge aus der Ukraine sprechen am 2. Juni im neuen Willkommenspunkt in der Öhringer Spitalkirche mit dem ehrenamtlichen Helfer Daniel Febel (r.). Foto: privat  Foto: Privat

Die Geflüchteten aus der Ukraine stellen das Landratsamt vor ganz neue Herausforderungen. Ein großer Unterschied zur letzten Flüchtlingskrise, die 2015 und 2016 ihren Höhepunkt erreichte, ist die Altersstruktur. Fast die Hälfte der bisher im Hohenlohekreis angekommenen Menschen aus der Ukraine sind zwischen fünf und 21 Jahre alt. "Das hatten wir so bisher noch nicht bei der Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen", sagt Mark Tobias Wittlinger, der das Hohenloher Integrationsbündnis 2025 von Seiten des Landkreises managt.

Aktuell leben 474 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Kreis

Viele Fluchtgemeinschaften und Familie müssten versorgt werden. Gruppen von Verwandten und Bekannten, vorwiegend Mütter und Begleitpersonen - und damit aktuell auch 474 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Flüchtlinge vor sechs Jahren waren im Gegensatz dazu meist männliche Asylbewerber jüngeren Alters, die sich alleine auf den Weg gemacht hatten, vor allem aus Syrien, ergänzt Tobias Hanselmann, der den Allgemeinen Sozialen Dienst leitet. Dass beide Experten gleichzeitig an diesem Thema arbeiten, ist ebenfalls neu. Wittlinger ist zuständig für Integration im Amt für Kreisschulen und Bildung, Hanselmann betreut jene Sozialpädagogen im Jugendamt, die im Außeneinsatz tätig sind.

Rechtsanspruch auf Schulunterricht und Kita-Betreuung

Jetzt informierten sie den zuständigen Ausschuss des Kreistags über die Lage. Das Gremium befasst sich mit allen Belangen der Jugendhilfe, und genau hier schlagen alle Fälle aus der Ukraine von Beginn an auf. Sämtliche "Bestandteile" des Kümmerns auf dieser Ebene seien Sache des Hohenlohekreises, sagt Erster Landesbeamter Gotthard Wirth. "Wir müssen uns anschauen, ob die Lebensverhältnisse stimmen, ob sie einen Erziehungsberechtigten haben oder eine gesetzliche Vertretung brauchen." Alle Minderjährigen aus der Ukraine würden als "ganz normale Schüler angesehen" und "sollten sofort beschult" werden. Gleiches gelte für die Jüngeren und ihre Betreuung in Kindergärten. Ein Rechtsanspruch auf Plätze bestehe in beiden Fällen. "Das sind alles zusätzliche Aufgaben, die unsere Jugendhilfe nun erledigen muss."

Fachkräftemangel ist großes Problem

Dass dabei nicht immer alles reibungslos abläuft, liegt auf der Hand. Viele Kommunen wussten schon vor Ausbruch des Ukraine-Krieges nicht, wie sie mehr Kita-Plätze schaffen sollen. "Hinzu kommt der große Fachkräftemangel, der sich durch Corona weiter verschärft hat", sagt Tobias Hanselmann. "Da kommen manche Gemeinden an ihre Grenzen." Alle bemühten sich nach Kräften - auch in den Schulen. 189 Schüler aus der Ukraine sind aktuell im Kreis. Hier komme es darauf an, die richtigen Formen zu finden zwischen digital und analog sowie speziellen Vorbereitungsklassen zum Spracherwerb oder der Integration in den normalen Unterricht.

Russlanddeutsche bieten Hilfe an

Geflüchtete Ukrainer in Kitas und Schulen bestmöglich zu betreuen: Die Kommunen kämen damit unterschiedlich gut zurecht. "Für manche ist es schwer, das Angebot aufrecht zu erhalten", so Hanselmann. Lehrkräfte oder Erzieherinnen, die russisch oder ukrainisch sprechen, seien gefragt und würden auch gefunden. Vor allem Russlanddeutsche böten ihre Hilfe an, die Mehrheit habe kein Problem damit, dass die Kinder und Jugendlichen Ukrainer seien, ergänzt Wittlinger.

Glasklare Rechtssicherheit ist auch ein großer Vorteil

Digitale Lerngeräte seien vorhanden. In den Willkommenspunkten Künzelsau und Öhringen gebe es auch PC-Tastaturen in deutsch-kyrillischer Sprache. Auch wenn der Aufwand für die Jugendhilfe höher ist als bei den anderen Asylbewerbern: Ein großer Vorteil ist die glasklare Rechtssicherheit, die von Anfang an herrscht. Da gibt es keine monate- oder jahrelangen Hängepartien, ob Flüchtlinge abgeschoben oder geduldet werden. Sondern die Ansprüche gelten sofort - gemäß Massenzustrom-Richtlinie der EU. "Sie haben damit gleich ein Aufenthaltsrecht", präzisiert Gotthard Wirth. Bildung und Ausbildung: Alles ist möglich.

Was die Ukraine-Flüchtlinge sonst noch von anderen Geflüchteten unterscheidet

Welche Unterschiede gibt es noch zwischen diesen und den anderen Flüchtlingen? "Die zeitliche Perspektive ist völlig unklar, die meisten wollen wieder zurück", sagt Mark Tobias Wittlinger. "Ob man da einen zehnmonatigen Jugendintegrationskurs anfängt?" Diese Frage müsse man sich stellen. Die "Einbürgerung" sei nicht wie sonst das Hauptziel. Die meisten bräuchten keine Sprach-Zertifikate, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erlangen, sondern wollten Deutsch eher ungezwungen und nebenbei lernen. "Es herrscht eine große Neugier auf unser Land und die Lebensweise. Ausflüge ins Freilandmuseum oder Spaziergänge sind beliebt." Das liege vor allem daran, dass Kinder dabei seien und oft schon verwandschaftliche Beziehungen bestünden.


Ukrainische Flüchtlinge im Hohenlohekreis: Das sind die aktuellen Zahlen

Insgesamt 1073 Geflüchtete aus der Ukraine leben derzeit im Hohenlohekreis. 88 sind in Sammelunterkünften des Kreises und 985 im privaten Umfeld untergebracht. Vom 28. März bis 3. April kamen die meisten an (228), zuletzt waren es nur noch 37 pro Woche. Die Mehrzahl wohnt in Öhringen (194), Künzelsau (174), Pfedelbach (156) und Bretzfeld (126), die wenigsten in Krautheim (17), Weißbach (15), Mulfingen (15) und Zweiflingen (11). Größte Altersgruppe ist die zwischen 30 und 39 Jahren (187), gefolgt von den 40- bis 49-Jährigen (137), den Zehn- bis Dreizehnjährigen (117) und den Sechs- bis Neunjährigen (115). Insgesamt 474 Geflüchtete sind jünger als 21 Jahre und fallen in die Zuständigkeit der Jugendhilfe des Kreises. Das sind fast die Hälfte aller Kriegsflüchtlinge, die derzeit hier leben.

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