Hohenlohe
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75 Jahre Bauernverband: Viel Hilfe, aber nicht immer eitel Sonnenschein

Landwirte in Hohenlohe zählen seit 75 Jahren auf die Unterstützung durch den Bauernverband. Er ist Dienstleister und politisches Sprachrohr. Der Jubiläums-Bauerntag in Kupferzell beginnt zahm und nimmt am Ende noch mal Fahrt auf.

Ralf Reichert
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Lesezeit 3 Min
75 Jahre Bauernverband: Viel Hilfe, aber nicht immer eitel Sonnenschein
Trübe Stimmung: Landwirte stehen derzeit unter besonderer Beobachtung. Tiere, Umwelt und Klima zu schützen − und Lebensmittel so zu produzieren, dass genügend da und bezahlbar ist und der Verdienst stimmt: Das ist ein schwieriger Spagat. Foto: dpa  Foto: Julian Stratenschulte

Hohenlohe ist Bauernland. Nicht erst seit 75 Jahren. Doch 1947 formierten sich hier erstmals vier Bauernverbände, um für die Belange der Landwirte zu kämpfen. Und vor allem: Um ihnen in jeglicher Hinsicht zu helfen. Für Helmut Bleher ist das die "Kernkompetenz" eines jeden Bauernverbands. Seit 34 Jahren ist er dabei.

Heinrich Mangold, einst Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Reutlingen, hatte ihm den größten Reiz dieses Gebildes einmal so erklärt: "Weil wir so viel helfen können." Diese Worte haben dem damaligen Studenten derart imponiert, dass er Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Schwäbisch Hall wurde. Und sie beim Jubiläums-Bauerntag am Freitag in Kupferzell immer wieder benutzt.

Behörden können Bauern zur Weißglut bringen

Diese Hilfe fängt bei der Rechtsberatung an und hört bei der Sozialversicherung noch lange nicht auf. Behörden und Ämter können Bauern zur Weißglut bringen, denn: "Die Verwaltungssprache ist nicht immer kompatibel mit dem bäuerlichen Urschrei." Penible Vorschriften, um Höfe oder Ställe zu erweitern, sind nur eine von vielen Tretminen. Da ist guter Rat gefragt.

Nicht immer eitel Sonnenschein

75 Jahre Bauernverband: Viel Hilfe, aber nicht immer eitel Sonnenschein
Gut besucht war der Hohenloher Jubiläums-Bauerntag am Freitag in der Kupferzeller Carl-Julius-Weber-Halle.  Foto: Reichert, Ralf

"Manchmal muss es auch knirschen": Mit diesem Gedanken umschreibt Bleher nicht nur das mitunter angespannte Verhältnis zu den Genehmigern, sondern er spinnt ihn sehr ehrlich weiter bis ins Binnenklima des Bauernstands, wo eben nicht immer eitel Sonnenschein herrscht, sondern sich Strömungen und Positionen in schöner Regelmäßigkeit beharken und widersprechen. Dies trifft sehr gut den Bonmot der Unmöglichkeit, drei Bauern unter einen Hut zu bekommen, um mit dem Bauernverband am Ende doch eine starke berufsständische Vertretung etabliert zu haben. Oder die einstige Spaltung der Bauernschaft sogar entlang von Kreisgrenzen.

"Da grenzt es fast an ein Wunder, dass wir heute als ein Bauernverband so gut zusammenarbeiten können", schmunzelt Bleher - also Künzelsau und Öhringen, Schwäbisch Hall und Crailsheim. Und seit 2008 noch Rems-Murr, so dass der runde Geburtstag 2022 als Bauernverband Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems gefeiert wird.

Kein Vergleich zu früheren Hochämtern bäuerlicher Widerspenstigkeit

Doch natürlich ist der Bauernverband nicht nur Dienstleister, sondern politisches Sprachrohr. Und das nicht zu leise. Verglichen mit früheren Hochämtern bäuerlicher Widerspenstigkeit und der aktuell äußerst angespannten Lage in der Branche wirkt dieser Jubiläums-Bauerntag fast ein bisschen zahm. Lange hat es den Anschein, nach der langen Corona-Pause möchte man vor allem eines: Wiedersehen feiern und Harmonie pflegen.

Dann entfährt dem Vorstandschef doch die erste Spitze

Bis dem Vorstandsvorsitzenden Jürgen Maurer doch tatsächlich diese Anklage gegen den Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir entfährt: "Legen Sie endlich die alten Sprechzettel weg." Er solle "nicht zu realisierende Phantasien" ablegen und "endlich in der Realität ankommen". Tierschutz, Umweltschutz, Klimaschutz: Das seien "keine Erfindungen der Neuzeit". Bauern hätten schon immer "über Generationen und ganzheitlich gedacht". Summa sumarum: "Landwirtschaft ist multifunktional". Man sei bereit für den Dreiklang "Ökologie, Ökonomie und Ernährungssicherheit", die Politik sei es "nicht in allen Bereichen".

Und Joachim Rukwied legt am Ende nochmal ordentlich nach

75 Jahre Bauernverband: Viel Hilfe, aber nicht immer eitel Sonnenschein
Sorgte dafür, dass es doch noch lauter wurde: Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands. Fotos: Reichert  Foto: Reichert, Ralf

Dass dieser Bauerntag am Ende doch noch Fahrt aufnimmt, dafür sorgt Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands. Er versinnbildlicht die Rolle des politischen Vorkämpfers in diesem Amt. Es ist eine nicht zu unterschätzende Position, die mal mehr, mal weniger Macht auf die Politik in Brüssel oder Berlin auszuüben vermag.

Im Falle der arg gebeutelten Schweinehalter kann Rukwied einen Erfolg reklamieren: Noch viel mehr wären heute am Ende, wenn der Bauernverband nicht die Coronahilfen durchgesetzt hätte. Doch es läuft nicht immer so rund: "Beim Mindestlohn konnten wir uns nicht durchsetzen." Nun ist Rukwied in großer Sorge, dass dieser immer mehr Wein-, Obst- und Gemüsebauern zum Aufgaben zwingen werde.

Ökologie ohne Ökonomie? Unmöglich

Eine "Zeitenwende" bahne sich an in der Agrarpolitik. Klimaschutz und "Ernährungssouveränität" seien die Top-Themen. Diese nehme man ernst. Nur: Ökologie sei wichtig, "aber wenn ich kein Geld habe, kann ich gar nichts machen". Wirtschaftlichkeit bleibe also oberste Pflicht, es dürften keine Flächen aus der Produktion genommen werden. Die Besucher goutieren es mit Applaus. Und hoffen, dass der Verband ihnen auch dabei viel helfen kann.


Entwicklung

Seit 75 Jahren gibt es in Hohenlohe Bauernverbände. Heute sind sie alle vereint. Mit den Organisationen in Künzelsau, Öhringen, Crailsheim und Schwäbisch Hall fing 1947 alles an. 1973 fusionierten Künzelsau und Öhringen zum Bauernverband Hohenlohe, 2004 schlossen sich Crailsheim und Schwäbisch Hall an, 2008 wurde der Verband um Rems-Murr erweitert. Damals zählte er 6600 Mitglieder und blieb der größte im Land, heute sind es noch 4200. Vorsitzender ist seit März 2019 Jürgen Maurer aus Feßbach. rei

 
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