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Jüdische Bürger aus Öhringen: Zunächst geehrt und danach ausgegrenzt und verfolgt

Mit Jo Ann Potashnick, ihrem Sohn Jake Potashnick und Norman Hirsch kommen aus Chicago Nachfahren der einst in Öhringen ansässigen jüdischen Familien Hirsch und Rosenfeld auf Spurensuche nach Hohenlohe.

Bettina Hachenberg
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Jüdische Bürger aus Öhringen: Zunächst geehrt und danach ausgegrenzt und verfolgt
Tief berührt stehen Jo Ann Potashnick und Sohn Jake am Grabstein von Justin Rosenfeld, einem Mitglied ihrer Familie, der 1915 für Deutschland sein Leben ließ.  Foto: Hachenberg, Bettina

Nachdenklich steht Jake Potashnick (29) mit seiner Mutter Jo Ann Potashnick (64), geborene Rosenfeld, zwischen zwei Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof in Öhringen. Der vordere, eher schlicht, ist der Grabstein seines Urgroßvaters Max Rosenfeld (1871 bis 1929). Der hintere, eine hoch aufragende dunkle Stele aus Marmor, ist der mit militärischen Ehrenzeichen verzierte Grabstein von Justin Rosenfeld. Aus der Inschrift auf Deutsch und Hebräisch erfährt man, dass der 1895 geborene Sohn von Louis Rosenfeld sein Leben im Oktober 1915 als junger Gardeschütze am Hartmannsweilerkopf für Deutschland geopfert hat und hier am 26. November 1915 beerdigt wurde. "Es war ihnen egal, dass er Jude war. Justin starb als stolzer Deutscher, und sie waren stolz auf ihn", meint Jake.

Nur 23 Jahre später verließ dagegen Jakes Großvater Justin, der - 1920 geboren - den Vornamen seines gefallenen Cousins erhalten hatte, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten Deutschland und ging in die USA. Ebenso wie Jakes Großmutter Ellen Kahn, die in Gemmingen aufgewachsen ist. Beide junge Menschen waren zuvor wegen ihrer jüdischen Herkunft angefeindet und ausgegrenzt worden.

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Amerika wird zur neuen Heimat

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Justin Rosenfeld (Mitte), Jo Anns Vater mit seiner Tante Anna Rosenfeld, Cousine Alma, geborene Rosenfeld (r.), und deren Mann Hans Bodenheimer (l.). Foto: privat  Foto: Foto aus dem Buch Jüdische Bürger in Öhringen j

Die Eltern von Jo Ann und Großeltern von Jake lernten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika kennen, das ihre neue Heimat wurde. Justin Rosenfeld hatte zuvor als Soldat in der US-Armee gedient und war 1945 auch nach Öhringen gekommen. Hier ging er auf den jüdischen Friedhof, wo einige Grabsteine fehlten, die während des Krieges an Steinmetze versteigert worden waren. Justin machte sich auf die Suche nach den Steinen, brachte sie wieder an ihre angestammte Stelle oder besorgte neue. Zurück in den USA betrieb Justin Rosenfeld in Waco/Texas - wie sein Vater Max und sein Onkel Louis einst in Öhringen - einen Viehhandel. Mit ihren Töchtern haben Justin und Ellen Rosenfeld, ganz stolze Amerikaner, nie deutsch gesprochen, berichtet Jo Ann. Untereinander schon.

Begleitung auf der Suche nach den Wurzeln

Jüdische Bürger aus Öhringen: Zunächst geehrt und danach ausgegrenzt und verfolgt
Vor dem Gelben Schlössle zeigen Eva (l.) und Frieder Diem (Mitte) Fotos der einstigen Besitzerfamilie Israel und der jüdischen Schulklasse vom April 1937, auf der auch Vater Kurt und Onkel Bernd von Norman Hirsch (r. mit Ehefrau Ann) zu sehen sind.  Foto: Hachenberg, Bettina

An diesem sonnigen Apriltag 2022 in Hohenlohe wird Jake, der vier Jahre in Berlin als Koch in Gourmet-Restaurants gearbeitet hat, bevor er jetzt in seine Heimatstadt Chicago zurückkehrt, viel aus der Geschichte seiner Vorfahren erfahren. Mit seiner Mutter, seinem Onkel Norman Hirsch (67) und dessen Frau Ann wandelt er auf den Spuren ihrer Familien. Bereits im Oktober 2018 waren die Hirschs erstmals aus Chicago nach Hohenlohe gereist. Begleitet wird die Gruppe an diesem Tag, wie schon dreieinhalb Jahre zuvor, von Eva und Frieder Diem vom hiesigen Verein Gegen das Vergessen - für Demokratie und den Vereinsmitgliedern Barbara Bruhn, Karina Müller-Aichelin und Öhringens Stadtarchivar Eberhard Tröger.

Rundgang durch die Innenstadt

Jede Menge Eindrücke erwartet die kleine Besuchergruppe. Zunächst geht es zu den einstigen Häusern und Wohnungen der Familien Hirsch und Rosenfeld in der Innenstadt. Im Ehrenhof der Stiftskirche verweilt die Gruppe an den Tafeln für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, auf denen auch die Namen von Justin Rosenfeld und seines verwundeten und 1918 im Lazarett verstorbenen Cousins Josef Rosenfeld verewigt sind. Vor dem Gelben Schlössle in der Bismarckstraße erzählt Eva Diem von der Geschichte der Weinhändlerfamilie Israel, die 1937 nach Palästina auswanderte. Auch Julius Israel war einst ein stolzer Deutscher gewesen, hatte im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren.

Hier zeigt Eva Diem ein Foto der jüdischen Schüler aus Öhringen, die 1936 der deutschen Schulen verwiesen und dann in der Synagoge von Rabbiner Hans Bodenheimer unterrichtet worden waren. Eindrücklich auch die Lebensgeschichten, die Eva Diem und Barbara Bruhn an den Stolpersteinen der von den Nazis ermordeten Öhringer Max Kochertaler und der Familie August Thalheimer erzählen. Natürlich wird auch der ehemaligen Synagoge in der Unteren Torstraße ein Besuch abgestattet, wo Eva Diem eine Vergrößerung des einzigen Fotos zeigt, das den einstigen Thora-Schrein des in der Reichspogromnacht 1938 von den Nazis verwüsteten jüdischen Gotteshauses zeigt.

Altehrwürdige Schriften und Dokumente im Hohenlohe Zentralarchiv

Jüdische Bürger aus Öhringen: Zunächst geehrt und danach ausgegrenzt und verfolgt
Jan Wiechert (r.) zeigt dem Besuch aus Chicago im Hohenlohe-Zentralarchiv Dokumente aus der Geschichte der Juden in Hohenlohe. Fotos: Bettina Hachenberg  Foto: Hachenberg, Bettina

Nach dem bewegenden Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Öhringen geht es ins Hohenlohe-Zentralarchiv im Schloss Neuenstein. Archiv-Mitarbeiter Jan Wiechert hat extra für den Besuch altehrwürdige Schriften und Dokumente herausgesucht, die die Geschichte der Juden in Hohenlohe widerspiegeln. Ganz weit zurück in die Geschichte der Familien Hirsch und Rosenfeld geht es in Olnhausen, wo einst Ahnen lebten, und an den uralten Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof in Berlichingen. Zurück in Chicago schreibt Jake: "Ich verarbeite immer noch die Reise und lasse die Emotionen auf mich wirken."

Zwei Stolpersteine in Bad Wimpfen

Am Tag vor ihrem Besuch in Öhringen war die Gruppe aus Chicago in Bad Wimpfen. Hier erinnern zwei Stolpersteine, eine Gedenktafel und der Adolf-Baer-Platz an Jo Anns Urgroßvater Adolf Baer mütterlicherseits und seine Tochter Hedwig. 1854 geboren, war Adolf Bär, ein Antiquitätenhändler, 84 Jahre, als er am 10. November 1938 im Zuge der Reichspogromnacht von den Nazis verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht wurde. Er überlebte die dortigen Torturen nicht, starb am 1. Dezember 1938 auf dem Appellplatz. Seine Tochter Hedwig (50) , die ihren betagten Vater in Bad Wimpfen umsorgt hatte, wurde 1942 nach Izbica deportiert und dort ermordet.

 
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