Neuenstein
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Helfen als Lebensprinzip: Frieder Diem engagiert sich seit Jahren für Geflüchtete

Der Neuensteiner ist eine Institution der Flüchtlingshilfe und der Aufarbeitung lokaler Geschichte: Ein Porträt im Rahmen der HZ-Jubiläumsserie "75 Gesichter, 75 Geschichten".

Christian Nick
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Helfen als Lebensprinzip: Frieder Diem engagiert sich seit Jahren für Geflüchtete
 Foto: Nick, Christian

Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere auch. Doch das ist genau der Grund, warum Frieder Diem - damals Mitte 40 und Lehrer im fränkischen Freudenberg - an jenem Morgen einfach weiterfährt auf seinem Fahrrad. Vorbei an der Hauptschule, vorbei an der täglichen Lehrerkonferenz, vorbei an der Routine, die ihn zu erdrücken droht und die für wenig Lebensfreude in Freudenberg sorgt. Keine Lust mehr. "Ich hatte damals einen richtigen Durchhänger", erzählt Diem, heute 73 Jahre alt, im Wohnzimmer seines Neuensteiner Hauses.

Dass Frieder Diem stets neue Impulse braucht, um sich lebendig zu fühlen: Das ist so geblieben. Sonst wäre er wohl auch nicht Mitglied in fast zehn Vereinen geworden - und mittlerweile eine Institution der örtlichen Flüchtlingshilfe und Erinnerungskultur an die Verbrechen des NS-Regimes. Doch dazu später mehr.

Die Leere wieder gefüllt

Zurück in die Neunzigerjahre: Diem hat Glück. Zunächst lernt er seine spätere Frau Eva, damals Kollegin, kennen - und dann ein Mittel gegen die verzehrende Gleichförmigkeit im Job: Beide beschäftigen sich mit der damals noch jungen PC-Technik, lernen zu programmieren, steigen in die Lehrerfortbildung ein. Das Level 2.0 sorgt für Abwechslung und neue Motivation. 1994 zieht das Paar nach Kupferzell, wo Diem Konrektor wird, ehe er 2002 dann die Stelle als Schulleiter an der damaligen Creutzfelder-Schule in Pfedelbach antritt.

Nach der "pädagogischen Midlife-Crisis", wie er es nennt, "habe ich mich wieder richtig wohlgefühlt". Denn dass Diem ein guter Lehrer sein könnte - das stellt schon damals in Heidelberg der Rektor jener Mittelschule fest, wo der noch schüchterne Junge selbst die Schulbank drückt. Seine Kindheit ist behütet - und reich an Zuwendung: "Meine Frau schimpft immer: ,Du bist viel zu sehr verwöhnt worden!"" Denn: "Ich hatte drei Mütter: eine leibliche und zwei Tanten", lacht Diem. Der Vater kommt 1947 aus russischer Gefangenschaft - und 1948 kommt Frieder zur Welt.

Im Internat bei Adelsheim macht der junge Mann dann Abitur. Er ist gerne dort. "Eine Zeit, die ich sehr genossen habe." Danach der Wehrdienst: Ausbildung zum Gebirgsjäger in Bayern. Dort entdeckt er die Liebe zur Bewegung. "Außer Fußball habe ich danach fast alles gemacht." So 2006 etwa auch einen Marathon. Im durchaus schon reiferen Alter. "Wenn Sie wirklich wollen, dann machen Sie das."

Wollen - und eben auch machen: Dieses Credo ist auch im Leben des Frieder Diem ein Langstreckenlauf. Denn nach der Pensionierung ist für ihn klar: "Nur Opa zu sein, das wäre mir zu langweilig." Zuerst hilft er bei der Öhringer Tafel, engagiert sich dann bei der regionalen Arbeitsgruppe des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie", wo er 2014 eine Homepage über jüdisches Leben in Öhringen mitgestaltet. "Die findet heute fast weltweit Beachtung." Immer wieder zieht Diem sich zurück ins Ludwigsburger Staatsarchiv, um dort die Lebenslinien jüdischer Menschen aus den Quellen zu rekonstruieren - und immer wieder steht Wertschätzung in Form von Besuch der Nachfahren jener Verfolgten vor der Tür.

Etwas zurückgeben

Und die Tür der Diems - sie ist eine offene: 2016 gründet man den Verein "Mitmachen in Neuenstein" mit, der aus einem lockeren Hilfe-Netzwerk entsteht. Die Diems organisieren, geben Sprachunterricht. Die neuen Bindungen wachsen schnell. Weil eben nicht nur die Türen, sondern auch die Herzen weit geöffnet sind. Mit einem jungen Mann aus Syrien kochen sie jeden Sonntag, laden ihn zu Weihnachten und zum Osterfest ein.

Das Ehepaar müsste das alles nicht tun. Man könnte im schönen Garten dem Gras beim Wachsen zuschauen oder noch viel länger mit dem - gemieteten - Motorboot auf Törn gehen. Doch da würde das Herz eben nur in halbem Takt schlagen. Denn privilegiert leben zu können: Das empfinde er als Verpflichtung, sagt der Vater einer Tochter. "Wir versuchen, etwas zurückzugeben, weil es uns selbst gut geht." Und so ist Frieder Diem seit Anfang März erneut ein vielbeschäftigter Mann und in vollem Einsatz für die Menschen, die vor Putins Krieg aus der Ukraine geflohen sind - von jenem Stück Erde, auf das sein Vater einst als Eroberer mit Hitlers Wehrmacht gekommen war.

Ob er mit all dem Engagement für andere etwas im eigenen Leben zudeckt? "Das weiß ich nicht", sagt Diem. Wie er sich beschreiben würde? "Ausgeglichen und ungeduldig." Ein großer Fehler? "Vielleicht habe ich mich zu wenig um meine Eltern gekümmert, als sie noch lebten." Sein größtes Glück im Leben? "Dass ich meine Frau kennengelernt habe und wir gesund sind."

 
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