Künzelsau
Lesezeichen setzen Merken

Wie eine gehörlose Studentin im Hotel Anne-Sophie in Künzelsau ihren Arbeitsalltag meistert

In ihrem Praktikum in der Marketingabteilung des Hotels Anne-Sophie bearbeitet Julia Freßmann den Bereich der Sozialen Medien. Doch die Studentin ist gehörlos. Wie funktioniert das im Praktikums-Alltag?

Von Juergen Koch
  |    | 
Lesezeit  2 Min
Die gehörlose Studentin Julia Freßmann macht ein Praktikum im Hotel-Restaurant Anne-Sophie
 Foto: Koch, Jürgen

"Ich bin stolz darauf, gehörlos zu sein", sagt Julia Freßmann. Sagt? Passt dieses Wort überhaupt für jemanden, der wie sie seit Geburt gehörlos ist und sich statt mit gesprochener Sprache mit Gebärden ausdrückt? Die Antwort: ein klares Ja. Denn sie kommuniziert und spricht mit den Händen. In der Gebärdensprache, einer Sprache, für die das Hören keine Rolle spielt.

"Meine Muttersprache ist die Gebärdensprache und ich kann mich damit barrierefrei ausdrücken", so die 23-Jährige Studentin, die darin "kein Defizit" sieht und sich "gleichwertig" fühlt. Noch bis Ende August macht sie im Rahmen ihres Bachelor-Studiengangs Hotel- und Restaurantmanagement an der Hochschule Heilbronn ein halbjähriges Praktikum in der Marketingabteilung des Künzelsauer Hotel-Restaurants Anne-Sophie.

Mehr zum Thema

Schlossgymnasium wird Partnerschule der Olympiastützpunkte
Künzelsau
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Künzelsauer Schlossgymnasium wird Partnerschule der Olympiastützpunkte

Das Künzelsauer Schlossgymnasium ist eine Kaderschmiede für den Fechtnachwuchs. Ein Blick in den Schulalltag mit Sport und Lernen.

Inklusiver Ansatz im Anne-Sophie

Um mit Julia Freßmann reden zu können, muss man entweder selbst die Gebärdensprache (DGS) sprechen oder jemanden haben, der gesprochene Sprache in Gebärdensprache dolmetscht. Diesen Job übernimmt im Gespräch mit der Hohenloher Zeitung die Gebärdensprachdolmetscherin Anja Bäuerle aus Stuttgart. Trotz des vermeintlichen Umwegs läuft das Gespräch flott und reibungslos.

Das für seinen inklusiven Ansatz bekannte Hotel-Restaurant Anne-Sophie hat Julia Freßmann "vorher nicht gekannt". Weil es aber "zur Philosophie meiner Hausarbeit gepasst hat, hab" ich mich beworben, und es hat geklappt", sagt sie. In dieser Hausarbeit sollte sie "eine persönliche Vision" entwickeln: Für Julia ein "komplett barrierefreies Hotel, wo es selbstverständlich ist, auch in Gebärdensprache zu kommunizieren".

Ein gutes Gespür

Die gehörlose Studentin Julia Freßmann macht ein Praktikum im Hotel-Restaurant Anne-Sophie
In ihrem Praktikum in der Marketingabteilung des Hotel Anne-Sophie bearbeitet Julia Freßmann den Bereich soziale Medien, plant Stories und setzt sie um.  Foto: Koch, Jürgen

In ihrem Praktikum in der Marketingabteilung des Hotels bearbeitet sie den Bereich der Sozialen Medien. Konkret: "Stories planen und umsetzen, überlegen, was wir gerade brauchen, was unsere Follower interessieren könnte und mit welchen Fotos und Videos man die Posts ergänzen könnte", bringt Freßmann ihr Praktikum auf den Punkt. Immer wieder begleitet ein verschmitztes Lächeln ihre Gebärden. "Sie soll hier einen breiten Einblick in alle Marketingaufgaben bekommen", ergänzt Betreuerin Madeleine Burkert.

Die Assistentin der Hoteldirektion bescheinigt Freßmann ein "gutes Gespür für Fotos und Videos" und freut sich, "dass sie sehr selbständig arbeitet und sich total schnell ins Team integriert hat". Braucht sie aufgrund ihrer Gehörlosigkeit besondere Unterstützung? "Kommunikativ ist das eigentlich gar kein Problem.", meint die 23-Jährige. "Madeleine kann mittlerweile schon ein bisschen Gebärden und auch viele Kollegen haben sich einfache bildhafte Gebärden schon draufgeschafft." Außerdem könne man "ja auch mal was aufschreiben". Auch Madeleine Burkert bestätigt: "Sie braucht wenig Unterstützung durch mich." Und bei Teambesprechungen? "Da ist ein Dolmetscher dabei, das ist auch eine Unterstützung für die Kolleginnen." Wenn es allerdings darum geht, Videos in den sozialen Medien mit Musik zu unterlegen, hilft auch ein Dolmetscher nicht weiter. Dann müssen halt die Kollegen mit ran.

Keine kommunikativen Barrieren

Um kommunikative Barrieren erst gar nicht entstehen zu lassen oder zu überwinden, brauche es "beide Seiten", so Julia Freßmann. Ihre Erfahrung: "Oft werden Menschen unsicher und wissen nicht, wie sie reagieren sollen." Dabei könne man sich doch auch über "Mimik und Gestik verständigen oder was ins Handy tippen". Ihr Wunsch: "Mehr Offenheit und viel mehr Aufklärung über Gehörlosigkeit". Als "veraltet" empfindet sie den Begriff "taubstumm". Denn der beruhe auf der früheren und falschen Annahme, "wer nicht hören und sprechen kann, ist automatisch dumm". Dennoch tauche dieser Begriff "noch oft" auf. "Da sage ich dann auch mal was", meint Julia Freßmann und lächelt.

Könnte sie sich das Anne-Sophie auch als künftigen Arbeitgeber vorstellen? "Ja", signalisiert sie ohne zu zögern, "die Kollegen sind super, die Atmosphäre ist sehr herzlich und die Aufgaben sehr interessant." Auch Madeleine Burkert könnte sich Freßmann "auf jeden Fall" als künftige Kollegin vorstellen. "Schade, dass sie bald wieder geht", bedauert sie.

 
Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
  Nach oben