Heilbronn
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Eine Kindheit auf dem Heilbronner Killiansturm

An ihrem 85. Geburtstag kehrt Inge Püchler mit ihren Schwestern zu einem für sie wichtigen Ort zurück: den Heilbronner Kiliansturm.

Von Stefanie Pfäffle
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Lesezeit 2 Min
Eine Kindheit auf dem Heilbronner Killiansturm
Die drei Schwestern Inge Püchler (von links), Karin Maier und Ella Brodtbeck haben die Signatur ihres Vaters Karl Ziegelmaier entdeckt.  Foto: Pfäffle, Stefanie

Inge Püchler hat für diesen Moment trainiert. Jeden Tag ist die Seniorin aus Schöntal-Bieringen im Hohenlohekreis zu Hause 200 Treppenstufen mehr gelaufen, damit sie schafft, was sie sich zu ihrem 85. Geburtstag vorgenommen und gewünscht hat: die Besteigung des Kiliansturms.

Gemeinsam mit ihren Schwestern Ella Brodtbeck (88) und Karin Maier (78) sowie vielen weiteren Familienmitgliedern nimmt sie am Sonntag kurz nach dem Gottesdienst die Treppen in Angriff. Dabei schwelgen die drei Schwestern in Erinnerungen, denn dieser Ort spielte in ihrer Kindheit eine besondere Rolle.

Luftbeobachter im Zweiten Weltkrieg

Karin war noch ein Baby, als all das geschah, ist sie doch das Nesthäkchen der ursprünglich einmal vier Geschwister. Bruder Horst, der zweite des Quartetts, ist schon gestorben. "Unser Vater war hier oben als Luftbeobachter während des Kriegs im Einsatz", erzählt Ella Brodtbeck, die heute in Pfedelbach-Gleichen lebt. Entdeckten er und seine Kollegen in der Ferne Flugzeuge, mussten sie Alarm schlagen. Nachts achteten sie darauf, dass das Verdunklungsgebot eingehalten wurde. "Das war wichtig, sah er irgendwo ein Licht, ist er mit seinem Fahrrädle zu den Leuten gefahren, um das zu ändern", erzählt Inge Püchler.

Jeden Tag brachten die Geschwister dem Vater etwas zu essen. Dann wurde ein kleiner Korb mit dem Schlüssel zum Turm heruntergelassen, und die drei konnten nach oben. Meistens blieben die Kinder noch ein ganzes Weilchen in luftiger Höhe und spielten, vor allem Verstecken. "Natürlich waren wir auch ganz oben im Turm, auch wenn das nicht erlaubt war", sagt Ella Brodtbeck. Sie ist zum ersten Mal seit dieser Zeit wieder hier, ein berührendes Erlebnis.

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Glockengeläut aus nächster Nähe

Inge Püchler zählt. Nach 197 Stufen sind alle oben, das Training hat also sehr gut gepasst. Darauf erstmal einen Blutwürzlikör. "Ganz besonders war, wenn wir ab und zu einmal die Glocken läuten durften", berichtet das Geburtstagskind - kurz bevor das tosende Läuten jedes Gespräch erstmal unterbricht.

Irgendwo muss sich der Vater verewigt haben. An der Nordseite werden die Schwestern fündig. K.Z. 1940 steht da für Karl Ziegelmaier, eingeritzt in den Sandstein. "Ich habe hier als Kind mal irgendwo meinen Namen reingeritzt, weiß aber nicht mehr wo", sagt Inge Püchler.

Dem Inferno dank eines Zufalls entkommen

Als die Fliegerangriffe zunahmen, wurden die drei Ältesten zu Verwandten nach Gleichen auf den Bauernhof geschickt. Vater, Mutter und die zehn Monate alte Karin blieben zurück. Die Kleine soll dann auf dem Kiliansturm gezeugt worden sein. "Ich war total geschockt, als ich das gehört habe", sagt Karin Maier, doch ihre Schwestern nicken wissend. Am 3. Dezember bekam Karl Ziegelmaier einen freien Tag und fuhr nach Hohenlohe, wo der Metzger und Koch für alle ein Schwein schlachtete. "Das hat ihm das Leben gerettet", wissen seine Töchter. Denn von den Kollegen auf dem Turm überlebte nur einer unter Trümmern begraben die Nacht auf den 4. Dezember. "Wir standen auf einem Hügel und sahen die Angriffsflüge, wie sie Tannenbäume gesetzt haben und den Feuersturm", berichtet Inge Püchler.

Ob sie Mutter und Schwester wiedersehen würden? Das Bangen war groß, doch beide überlebten. Und so können die drei Schwestern an diesem 1. Mai in vorwiegend guten Erinnerungen an und auf dem Kiliansturm schwelgen.

Ein Album voller Erinnerungen

Inge Püchler hat ein kleines Fotoalbum mit sehr guten Bildern der ganzen Familie. Geschossen hat diese der Regisseur Leo de Laforgue aus Berlin. Er drehte damals wohl einen Film in Heilbronn und nahm zufällig auch den Tagesangriff am 11. September 1944 vom Kiliansturm aus auf. "Da brannte der ganze Dachstuhl, und er half beim Löschen", erzählt Ella Brodtbeck. An diesem Tag lernte der Regisseur Karl Ziegelmaier kennen, besuchte ihn und seine Familie in der Bahnhofsvorstadt mit seiner Frau und verschoss einen ganzen Film.

 

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