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Polizistenmord Heilbronn: Am Tatort fahren viele vorbei

Heilbronn - Am Samstag jährt sich der Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter auf der Heilbronner Theresienwiese zum zweiten Mal. Noch immer gibt es keine Spur von den Tätern, noch immer hat sich kein Augenzeuge der Tat gemeldet. Kann das sein? Ein Test auf der Theresienwiese zur Tatzeit von damals ergab heute Überraschendes.

Von Carsten Friese
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Heilbronn - Drei Tage vor dem zweiten Jahrestag des Polizistenmordes auf der Theresienwiese ist die Gedenktafel für die erschossene Beamtin mit frischen Hortensien geschmückt. „Es gibt noch immer keine Augenzeugen der Tat, das ist erstaunlich“, hatte Soko-Chef Frank Huber vor einem Jahr gesagt. Der Satz hat bis heute Gültigkeit.

Es ist wieder ein Mittwoch, wie am Tattag 2007, und wieder scheint in Heilbronn die Sonne vom blauen Himmel. Kann es wirklich sein, dass damals niemand die Täter gesehen hat, als sie auf die Polizisten schossen, die Türen des BMW-Streifenwagens öffneten und den Beamten die Pistolen abnahmen?

Am Tatort fahren viele vorbei
Blick auf die Theresienwiese: Vom Radweg zur Neckarbrücke ist der Ort neben dem Pumphäuschen, an dem die Polizistin starb, gut einsehbar. Foto: Guido Sawatzki  Foto:
Der Neckar hinter dem Backsteinhaus mit der Pumpstation, neben dem die Polizisten parkten, fließt ruhig dahin. In der Viertelstunde zwischen 13.45 und 14 Uhr - der Tatzeit - zieht nur ein Containerschiff entlang. Die Berufsschule in der Theresienstraße ist zu weit weg, um von dort etwas zu sehen. Das nahe Restaurant ist mittags zu. Auf der Schotterfläche am Nordrand der Theresienwiese parken zehn Autos. Friedlich liegt das Areal da, unwirklich friedlich angesichts des Wissens um die brutale Tat.

Einen Steinwurf ist der Radweg zwischen Bahnhof und Böckingen entfernt. Platanen und Linden am Rand tragen ein grünes Blattkleid, doch sie geben den Blick auf Theresienwiese und Pumphäuschen frei. Fünf Radfahrer und drei Fußgänger passieren in den ersten zwei Minuten den Ort des kaltblütigen Mordes, dann dauert es zwei Minuten, ehe die nächsten vorbeikommen. 21 Radfahrer und sieben Fußgänger zählen wir in diesen 15 Minuten.

Bahngeräusche

Von den Bahngleisen dringt das klackende Geräusch eines Schlagschraubers herüber. Eine Diesel-Lok fährt brummend vorbei, eine S-Bahn rattert Richtung Bahnhof. Doch es ist kein Lärm, der zwingend Pistolenschüsse überdeckt. Um 13.50 Uhr fährt das erste Auto zum Parken auf die Theresienwiese, fünf Minuten später kurvt Giovanni Peigottu mit dem Rad direkt am Tatort vorbei. Der 66-jährige Rentner kennt die Geschichte der Polizistin, er fragt sich auch, wieso niemand etwas gesehen hat. „Hier kommen doch viele mit dem Rad vorbei, das ist unglaublich.“ Zumal die Tat „so schnell doch auch nicht“ passiert sein könne. Eine Einschätzung über die Dauer gibt die Soko nicht ab. „Das ist Täterwissen“, heißt es einsilbig in Stuttgart.

Ist es Zufall, dass just an diesem Mittwoch Soko-Beamte am Pumphäuschen sind? Sie haben einen BMW mit offenen Türen am Tatort geparkt, eine Kamera dabei und begutachten die Szenerie. „Wir sind die neuen Kollegen und wollen uns ein genaues Bild vor Ort machen“, sagt ein bärtiger Polizist. Kurz danach sind sie wieder weg.

Als Mitarbeiter der Stadtreinigung vorbeikommen, um Müll auf der Theresienwiese einzusammeln, sagt einer, dass sie dies jeden Tag tun. „Aber zu unterschiedlichen Zeiten.“ Vor zwei Jahren, als die Schüsse fielen, waren sie zur Tatzeit nicht hier. „Zum Glück“, sagt einer in orangefarbener Weste.


Hintergrund: Gedenken an getötete Beamtin

Heilbronn - In aller Stille wird am zweiten Jahrestag des Polizistenmordes am kommenden Samstag auf der Theresienwiese der erschossenen Beamtin Michéle Kiesewetter gedacht. An der Gedenktafel für die von Unbekannten kaltblütig getötete Polizistin werden Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach und Polizeichef Roland Eisele eine Blumenschale niederlegen.

Keine Reden

Die Beamtin (22), die mit ihrem Kollegen im Streifenwagen auf der Theresienwiese gerade Vesperpause machte, starb nach einem Kopfschuss aus nächster Nähe. Ihr 24-jähriger Kollege überlebte einen Kopfschuss schwer verletzt.

Ohne Reden werden Stadtvertreter und Polizisten um 10 Uhr innehalten und still gedenken. Beamte aus Heilbronn und von Kiesewetters damaliger Einheit, der Bereitschaftspolizei in Böblingen, werden auf der Theresienwiese sein. Vor einem Jahr hatte die Böblinger Einheit am eigenen Standort eine Rotbuche für die erschossene Kollegin gepflanzt und an ihrem Geburtstag vor dem Baum einen Stein mit ihrem Namen aufgestellt. In Heilbronns Polizeidirektion erinnert eine weitere Gedenktafel an die Kollegin.

Betroffenheit

„Das Warum ist immer präsent, warum dieses junge Leben ausgelöscht wurde“, sagt Böblingens Polizeisprecherin Susanne Motz. „Wir denken nicht nur am Jahrestag an sie“, ergänzt ihre Heilbronner Kollegin Yasmin Daiber. Die Betroffenheit über die unfassbare Tat sei heute „noch genauso da wie damals, als es passierte“, sagt die 27-Jährige. Und das „wird sich auch nicht ändern“. cf


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