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Unter Tage: Der Bau der Wasserversorgung in Talheim war umstritten

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Hohe Kosten riefen schon vor der Wende zum 20. Jahrhundert Gegner auf den Plan. Zur Finanzierung verkaufte die Gemeinde Talheim Wald.

Der Schlossbrunnen am Ende der Bachstraße wird in Talheim als Reservebrunnen vorgehalten. Aus dieser Quelle werden die Sportplätze bewässert.
Foto: Mario Berger
Der Schlossbrunnen am Ende der Bachstraße wird in Talheim als Reservebrunnen vorgehalten. Aus dieser Quelle werden die Sportplätze bewässert. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Unter der Erde in Talheim sind 40,5 Kilometer Wasserleitungen vergraben. 264.000 Kubikmeter beträgt durchschnittlich der Verbrauch pro Jahr. Seit mehr als 50 Jahren wird die Gemeinde mit Bodenseewasser versorgt.

Damals war Talheim seinen Nachbarn weit voraus, schrieb Ortshistoriker Dietrich Gaa 2009 in seinen Artikeln zu 100 Jahre moderne Wasserversorgung. Erstaunlich ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhundert dieser Forschritt umstritten war. Gegner wollten ihn sogar verhindern. Wegen der Kosten. Diese waren der Grund, warum die Realisierung des Leitungsnetzes Jahre dauerte.

Wasser wurde aus den Brunnen geholt

Mindestens ein Dutzend Brunnen gab es laut Gaa damals im Ort. Dort wurde das Wasser für Haus und Hof geschöpft, teilweise wurde das Vieh aber auch an der Schozach getränkt. Wer eine längere Strecke zum nächsten Brunnen hatte, für den war das Wasserholen beschwerlich. Eine Verbesserung war so schnell nicht in Sicht.

Aus Gemeinderatsprotokollen und Akten geht hervor, dass Schultheiss Münzing 1888 den Bau der Wasserleitungen vorantreiben wollte. Er scheiterte am Gemeinderat, dem die Kosten von 25.000 Mark und ein Wasserzins pro Hahn von fünf Mark zu hoch waren.

Auch Vieh sollte in Berechnung einbezogen werden

Zehn Jahre später war das Thema wieder aktuell. In einer Petition baten rund 30 Bürger, dass in ihrer Straße ein Brunnen gebohrt werden sollte. In einer Gegenaktion vom März 1899 wurde jedoch argumentiert, dass die Versorgung mit wenigen Ausnahmen ausreichend sei. Wieder wurden die Kosten vorgebracht. Diese, so hatte Gaa recherchiert, waren inzwischen auf 50.000 Mark gestiegen. Kleine Familien sollten sieben bis acht, mittlere zehn bis zwölf und große ab fünf Personen 15 bis 20 Mark pro Jahr an Wasserzins berappen. Und auch für das Vieh sollte bezahlt werden: 1,50 Mark für jedes Großvieh und 50 Pfennig für jedes Schwein.

Gegner sammelten Unterschriften

Im Oktober 1907 schließlich beauftragte der Gemeinderat den Schultheiß, Vorerhebungen für den Bau der Wasserleitungen machen zu lassen. Der Kostenvoranschlag im März 1908 ergab 93.000 Mark. Das rief die Gegner wieder auf den Plan. Im Amtsblatt des Oberamts Heilbronn vom 10. Mai 1908 wird über dieses "Tagesgespräch" berichtet. "Acht lange Jahre beschäftigte dieses Projekt die bürgerlichen Kollegien und haben diese nun endlich einem viel gehegten Wunsch der Bürgerschaft entsprochen. Da auf einmal tritt eine Gegenaktion auf. Ihre Anhänger scheuen sich nicht, beinahe von Haus zu Haus, um Unterschriften gegen diese wohltätige, sonst überall erwünschte Einrichtung zu sammeln." 108 Unterschriften kamen zusammen.

Kosten hatten sich deutlich verteuert

Wer keinen Anschluss wollte, sollte mit einer Sperre von drei Jahren bedacht werden. Als im Juli 1909 Wasserleitung und Hausanschlüsse fertig waren, standen 118.000 Mark zu Buche. Um die Schulden abzubauen, erteilte das Oberamt die Erlaubnis, weitere 30,5 Hektar Wald zu roden und die Fläche landwirtschaftlich zu nutzen. So entstand der Talheimer Hof.

Wasserverhältnisse waren weiterhin trostlos

Die Quelle im Osängle beim Landgraben, die die Gemeinde fassen ließ, hatte keine ausreichende Schüttung. Ein zweiter Brunnen musste gebohrt werden. Klagen über Wassermangel verstummten nicht, von "trostlosen Wasserverhältnissen" war die Rede. Pumpstationen wurden gebaut, 1949 wurde der erste Tiefbrunnen gebohrt. Talheim war durch den Zustrom von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen. Die Schüttung des zweiten Tiefbrunnens 1961 in der Soultzmatter Straße durfte nicht ins Wassernetz eingespeist werden, weil das Heilwasser zu aggressiv für Metall und Beton war. 1963 erfolgte die Tiefbohrung in den Schlosswiesen - die heute noch als Reservebrunnen dient. 1963 wurden die beiden Hochbehälter auf und unter dem Haigern gebaut. Weil sich der Bau der Leitung ins Unterland verzögerte, floss erst 1970 das Bodenseewasser. Damit benötigte man Tiefbrunnen und Quellen nicht mehr.

Obwohl schon 1930 diskutiert, wurde erstmal davon abgesehen, Wasseruhren einzuführen. Angesichts des Wassermangels wollte man durch die Abrechnung nach Verbrauch die Bevölkerung zum sparsamen Umgang anhalten. Laut Ortshistoriker Dietrich Gaa war das Ende vom Lied, dass größere Betriebe stärker zur Kasse gebeten wurden. Man befürchtete, dass das harte Talheimer Wasser den Uhren schaden und damit noch mehr Kosten entstehen würden.

Bis ungefähr vor drei Jahren versorgte sich der Hohrainhof noch mit Eigenwasser. Dieses kam aus dem hinteren Frankelbachtal und wurde über das Pumphäuschen in das Reservoir auf dem Sonnenberg gepumpt. Ein Anschluss ans Talheimer Leitungsnetz wäre wegen der langen Strecke sehr teuer gewesen. Deshalb befreite die Gemeinde laut Kämmerer Dieter Uhler den Hohrainhof von dem Anschlussbenutzungszwang, so dass die Staatsdomäne an die Ilsfelder Trinwasserversorgung in Schozach angekoppelt werden konnte.

Auf dem Talheimer Hof werden die eigene Quelle und das Pumpenhaus noch für das Brauchwasser genutzt. Das Trinkwasser kommt aus der Bodenseeleitung. Von der Bodenseewasserversorgung bezieht Talheim jährlich rund 340.000 Kubikmeter Wasser, 76.000 Kubikmeter fließen nach Flein ins Gewerbegebiet Fischäcker und in ein Wohngebiet.

Für die Unterhaltung der Wasserversorgung stellt der Kämmerer im diesjährigen Etat 102.000 Euro ein. Für Investitionen 630.000 Euro.

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