Künzelsau
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Persönliche Töne eines echten Strooßekööters

Legendär wie die Glocken des Kölner Doms: Niedeckens BAP hat vor 1550 Leuten im ausverkauften Carmen-Würth-Forum ein großartiges Konzert abgeliefert.

Von Ulrike Plapp-Schirmer
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BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken im Carmen Würth Forum in Künzelsau. Fotos: Ralf Seidel

Im März war Wolfgang Niedecken schon einmal im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau. Damals gab er tiefe Einblicke in sein Leben als Musiker, Maler, Autor, Familienmensch und Gründer des Hilfsprojekts „Rebound“, das Kindersoldaten und Kinderprostituierten in Uganda ein neues Leben schenkt. Ohne diese Offenheit zwischen den Liedern wären die Texte Niedeckens auch beim ausverkauften, fast dreieinhalbstündigen Konzert am Samstag in Gaisbach eigentlich nur eine Klangfarbe.

Dialekt als eigene Klangfarbe

Das Publikum besteht zu fast 100 Prozent aus eingefleischten BAP-Fans.

Hochdeutsch und Englisch sind leichter zu verstehen als das, was dieser Mann singt: Kölsch. Doch das Publikum besteht zu fast 100 Prozent aus eingefleischten BAP-Fans. Es singt jedes Wort mit. Niedecken ist begeistert: „Ihr habt doch eigentlich euren eigenen Dialekt“, sagt er. Dabei weiß man schon seit den ausgehenden 70er Jahren, dass es kaum eine Sprache gibt, in der Melancholie und Frohsinn einen wohlklingenderen Bund eingehen als diese rheinische Abart des Mittelfränkischen, die er spricht.

BAP ist legendär wie die Glocken des Kölner Doms, mit dem das Konzert im Carmen-Würth-Forum beginnt. Neu ist die Erkennungsmelodie des Südstaatenklassikers „Vom Winde verweht“. Sie verweist auf die aktuelle CD „Reinrassije Strooßekööter – Das Familienalbum““, das Wolfgang Niedecken in New Orleans aufgenommen hat, und aus dem er etliche Stücke bringt. Ganz persönlich wird er zwischendrin in einem ruhigen, akustischen Teil.

Da erzählt er vom Großvater, der als Kirchenmaler in den schlechten Jahren keine Anstellung fand; vom Vater, der in Köln einen kleinen Lebensmittelladen hatte; von der Mutter, deren Verlobter an der Ostfront fiel, und die dann den Vater heiratete: „Zum Glück“, schreit ein Zuschauer von hinten vor. Da hat Niedeckens BAP schon Klassiker wie „Waschsalon“, „Bahnhofskino“ oder die herzzerreißende Sozialstudie vom „Jupp“ geliefert.

Der Big-Band-Sound ist neu

Neuerdings bilden neben Beats und Rock'n'Roll auch ein echter Big-Band-Groove den Sound der Strooßekööter-Tour.

Treibende Beats, klassischer Rock’n’Roll und neuerdings auch ein echter Big-Band-Groove bilden den Sound der Strooßekööter-Tour.

Auf der Bühne agieren neun Musiker perfekt zusammen. Unter ihnen sind langjährige BAP-Mitglieder wie der Keyboarder Michael Nass, der Gitarrist Ulrich Rode, die Multiinstrumentalistin Anne De Wolff und Schlagzeuger Sönke Reich. Alle sind sie präsent, ohne Niedecken den Rang als Primus inter pares streitig zu machen.

Die drei Bläser, die auch Klassikern wie „Et ess wie’t ess“, „Anna“ oder später „Nemm mich mit“, „Kristallnaach“ und als Zugabe natürlich „Verdamp lang her“ eine ganz eigene, teilweise intime Note geben, seien ihm irgendwann zugelaufen, erzählt Niedecken. Keiner kann so schön über einen grauen Morgen sinnieren wie er.

Und egal, was der Mann sagt oder singt: Er ist immer verbindlich. Der Gründer und Frontman von BAP ist heimatverbunden und weltoffen, Familienmensch und Solist, liebevoll streitbar und, wie es scheint, dankbar für das Leben, das ihm nach seinem Schlaganfall 2011 noch einmal geschenkt wurde: 67 Jahre alt ist er. Stimmlich immer noch in Topform. Gut gelaunt in Künzelsau.

Jraaduss, Verdamp lang her und Kristallnaach

Dreimal lassen sich die Musiker bitten, auf die Bühne zurückzukehren. Es ist schon ein Ritual.

BAP wird getragen von einer Sympathiewelle, die auf das Publikum zurückfällt. Die Stimmung im Carmen-Würth-Forum ist familiär. Die Fans kennen ihn nun schon lange. Sie honorieren, dass Wolfgang Niedecken sich immer treu geblieben ist, eine Konstante in ihrem Leben, ein Stück deutsche Musikgeschichte. „Jraaduss“ eben. So heißt auch der letzte Song eines großartigen, sehr persönlichen Konzerts.

 

BAP Konzert in Künzelsau | Künzelsau | 28.10.2018 | 22 Bilder | Fotograf: Ralf Seidel

 

Konzert verpasst?

Wer fürs Carmen-Würth-Forum keine Karten mehr bekommen hat, kann sich trösten: Niedeckens BAP spielt den dritten Teil das Strooßekööter-Programm auch beim 6. blacksheep Festival in Bonfeld. Dort tritt die Band am Donnerstag, 27. Juni, als Topact auf. Vorverkaufsstart ist der 15. Dezember. Die Kulturinitiative feilt derzeit noch am Line-up: Bekanntgabe ist spätestens am Sonntag, 6. Januar.

 

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