Heilbronn
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In der DDR ein Star: Schauspielerin Renate Blume im Arthaus Heilbronn

Im Rahmen der Reihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft" des Heilbronner Theaters erinnert sich Renate Blume, die Hauptdarstellerin in der Verfilmung des Romans "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf, an die Entstehung des Films, ihre Karriere in der DDR und erklärt, warum für sie die Berliner Mauer einfach da war.

Claudia Ihlefeld
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In der DDR ein Star: Schauspielerin Renate Blume im Arthaus Heilbronn

Zuerst hatte Renate Blume gezögert, zuzusagen. "Ich habe so oft über den Film erzählt." Dann ist sie doch gekommen nach Heilbronn zur Filmvorstellung des Defa-Klassikers "Der geteilte Himmel" nach dem gleichnamigen Roman von Christa Wolf im Arthaus-Kino.

Das ist vor allem der Hartnäckigkeit Mirjam Meusers zu verdanken, Dramaturgin am Heilbronner Theater und Kuratorin der Veranstaltungsreihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft", die während dieser Spielzeit an 30 Jahre Mauerfall und deutsche Einheit erinnert in Podiumsdiskussionen, Filmsichtungen, Gesprächen. "Der Titel", sagt Renate Blume, "gefällt mir sehr gut."

Christa Wolf hat am Drehbuch mitgeschrieben

Zudem, so die Hauptdarstellerin von "Der geteilte Himmel", den Kritiker zu den 100 wichtigsten deutschen Filmen zählen, "leben die anderen nicht mehr, die etwas sagen könnten". Regisseur Konrad Wolf, ihr Filmpartner Eberhard Esche und weitere Kollegen, Christa Wolf, die mit ihrem Mann Gerhard das Drehbuch geschrieben hat.

Also hat sie sich Montagmorgen in Berlin in den Zug gesetzt - "ich liebe dieses langsam sich Annähern" -, um abends sich den Fragen des Publikums zu stellen (siehe unten). Und am nächsten Tag die Heimreise anzutreten. "Na klar" hat sie sich für die Anreise mit der Bahn Brote geschmiert. "Ich bin ein Kind der DDR. Wir waren das gewohnt." Offen für jegliche Fragen sitzt Renate Blume vor Vorstellungsbeginn bei einer Tasse Kaffee

"Die Sprache von Christa Wolf berührt mich immer noch", sagt die 75-Jährige. 19 Jahre jung war sie und Schauspielschülerin in Berlin im ersten Jahr, als sie für die Hauptrolle der Rita Seidel in "Der geteilte Himmel" ausgewählt wurde, 20 als 1964 die Literaturverfilmung erschien. Die Geschichte der ebenfalls 19-jährigen Rita und ihrem zehn Jahre älteren Freund Manfred, der in Chemie promoviert, spielt kurz vor dem Bau der Mauer 1961.

Altnazi mit SED-Parteizeichen im Knopfloch

Die beiden sind grundverschieden, sie vom Land und schwärmerisch, er aus der Stadt und kritisch-rational. In Halle leben sie bei seinen Eltern in einem Zimmer unterm Dach. Die Familienbeziehung ist angespannt, der autoritäre Vater, ein Altnazi, trägt nun das SED-Parteizeichen im Knopfloch.

Rita besucht das Lehrerseminar und arbeitet in einer sozialistischen Brigade eines Waggonbauwerks. Manfred stellt das sozialistische System zunehmend infrage. Als eine seiner Entwicklungen von den Wirtschaftsfunktionären der DDR abgelehnt wird, geht er in den Westen. Rita reist nach, fühlt sich aber fremd und kehrt zurück. Kurz darauf wird die Berliner Mauer gebaut: die endgültige Trennung der beiden.

Wie es sich für Renate Blume anfühlt, wenn sie den Film wiedersieht? "Anfangs konnte ich mir überhaupt nicht zusehen. Sich zu sehen, Kritiken anzunehmen, das hat mir Konrad Wolf beigebracht." "Aber Spaß", fügt sie hinzu, "macht es mir immer noch nicht."

"Ich habe mich total auf den Regisseur verlassen"

Den Roman kannte sie nicht. "Ich habe mich total auf den Regisseur verlassen." Um möglichst viel Aura von Christa Wolf einzusaugen, hat sie oft mit der Autorin gesprochen, hat bei ihr zu Hause übernachtet. "Die Rita hat viel von Christa Wolf." Wie Wolf selbst und Rita im Roman hat auch Renate Blume zur Vorbereitung in einem Waggonwerk gearbeitet, keiner wusste, dass die Praktikantin Schauspielschülerin war.

In der DDR ein Star: Schauspielerin Renate Blume im Arthaus Heilbronn
"Ich kannte Berlin nur mit Mauer": Renate Blume wurde als 19-jährige Schauspielstudentin für den Film "Der geteilte Himmel" besetzt. Foto: Andreas Veigel

Und wie hat Blume privat die deutsch-deutsche Teilung erlebt? "Ich kannte Berlin nur mit Mauer. Ich hatte keine Verwandten im Westen." An der Schauspielschule allerdings ging ein Riss durch die Jahrgänge. Die Älteren wussten, wie es war, wenn man mit der S-Bahn rüber fuhr ins Kino oder Theater. "Es hat mich nicht sehr berührt. Ich war zufrieden mit meinem Studium." Auch sie wäre "gerne mal kucken gegangen. Aber mehr auch nicht". Dabei spielte Renate Blume ab 1970 bis zur Wende als Mitglied des Schauspielensembles des Fernsehens der DDR in zahlreichen Serien, Fernseh- und Kinofilmen, war ein Star. "Na ja. Sagen wir mal etabliert. Star, das gab es nicht so bei uns. Der Ensemblegedanke, das ist alte Schule. Es war unsere Aufgabe, Stoffe zu erzählen. Und im besten Sinne Lebenshilfe zu geben."

Das Glück kam erst später

Mauerfall und Wiedervereinigung erlebt sie "zwischen Schock und Glück". Ihre Filmproduktionsstätten schließen. Viel schlimmer aber, ihr Sohn wird am 1. November 1989 zur Armee eingezogen und erzählt der Mutter, "wir beladen Lastwagen mit Munition". Renate Blume packt die Panik vor einem Bürgerkrieg, dass die "auf die eigenen Leute schießen". Das Glück kam erst später: das Glück, reisen zu können.


Zur Person

Im hessischen Bad Wildungen 1944 geboren, wächst Renate Blume in Dresden auf und studiert an der Staatlichen Schauspielschule Berlin-Schöneweide, heute Ernst-Busch-Hochschule. Bis 1970 Mitglied des Dresdner Staatstheaters, spielt sie später in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen der DDR. Blume war mit dem Regisseur Frank Beyer verheiratet und mit dem in die DDR übergesiedelten US-Sänger und Schauspieler Dean Reed. Nach der Wende ist sie in "Tatort"-, "Polizeiruf"-Folgen und TV-Serien zu sehen und immer wieder auf der Bühne.

 

Publikumsgespräch mit Renate Blume im Arthaus-Kino Heilbronn

Der erstaunlich kritische Blick auf die junge DDR, auf Missstände wie Planwirtschaft und Sturheit der Parteifunktionäre, aber auch die poetisch-ruhige Kameraführung, eine Collage-Technik, die an die Ästhetik der französischen Nouvelle Vague erinnert, machen die Literaturverfilmung "Der geteilte Himmel" von Konrad Wolf auch 56 Jahre nach Erscheinen zu einem Ereignis: so der Tenor beim Publikum im restlos ausverkauften Saal 1 der Arthaus-Kinos in Heilbronn.

Im Anschluss steht Renate Blume am Montagabend Rede und Antwort über die Entstehung des Films, ihre Begegnungen mit Christa Wolf, die Stimmung jener Jahre. Ob Regisseur Konrad Wolf mehr Freiheit hatte, weil sein Bruder Markus Wolf, Geheimdienstchef der DDR, seine schützende Hand über ihn hielt?

Christa Wolf war es wichtig, zu zeigen, dass Rita kein politischer Mensch ist

Konrad Wolf hätte lieber die Kamera weggeworfen, meint Renate Blume. Und betont, wie wichtig es ihr und Christa Wolf war, zu erzählen, dass Rita kein politischer Mensch ist, sondern ein warmherziger und beobachtender, der sich für die Heimat entscheidet. Wie viel Christa Wolf steckt in Rita? "Viel. Auch Wolf glaubte an das System, nicht aber an die Machart," sagt Blume. "Uns war daran gelegen, zu zeigen, dass sich der Himmel zuallererst teilt."

Ob er 30 Jahre nach dem Fall der Mauer wieder geschlossen ist? "Ich glaube nicht. Es ist ein anderer Himmel geworden." Auf den abrupten Verlust von Alltag und Arbeit, Blumes Produktionsstätten wurden mit der Wende geschlossen, folgten neue Erfahrungen. "Alle, die ich kenne, denen geht es besser, die sind glücklich, die können reisen."

"Der Film hat eine gewisse Schwere"

Die Figur von Manfred, ihrem Verlobten im Film, der in den Westen geht, hat sie damals gut verstanden. "Der ist sympathisch, trotz Sarkasmus." "Der Film hat eine gewisse Schwere", meint Blume nun beim Wiedersehen. Aber auch, dass dies den Kern trifft von Wolfs Roman und seiner besonderen Atmosphäre.

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