Eine kaputte Familie: Premiere von "Vor Sonnenaufgang" am Theater Heilbronn
Sandra Strunz inszeniert Ewald Palmetshofers "Vor Sonnenaufgang" nach Gerhart Hauptmanns gleichnamigem Sozialdrama konsequent artifiziell. Eine so triste wie luzide Gegenwartsdiagnose mit vergnüglichen, schauspielerischen Momenten.

Eiskalt weht der Hauch der Familienhöflichkeiten. Wenig hält die Krauses zusammen. Weder bürgerliche Konventionen noch gelegentliche Sentimentalitäten täuschen darüber hinweg: Dies hier ist ein kaputter, neurotischer Haufen.
Für das Leben, wie es ist, scheint es keine besseren Gründe zu geben, so die Botschaft von Ewald Palmetshofers "Vor Sonnenaufgang" nach Gerhart Hauptmanns gleichnamigem Sozialdrama. Sorgte Hauptmanns Stück bei der Uraufführung 1889 für einen handfesten Theaterskandal, wird Palmetshofers Überschreibung an deutschsprachigen Bühnen gern gespielt und führt den ganz normalen Wahnsinn vor, den Riss, der durch Familien geht und unsere neoliberale Gesellschaft. In der Inszenierung von Sandra Strunz erlebt "Vor Sonnenaufgang" im Großen Haus des Heilbronner Theaters nun eine hochartifizielle Deutung.
Nach zwei Stunden blenden grelle Scheinwerfer das Publikum
Strunz und das präzise Ensemble sezieren eine Beziehungshölle und sich wechselseitig zerfleischende Figuren. Nicht, dass es früher besser gewesen wäre, nur anders, bringt es der österreichische Autor Palmetshofer auf den Punkt und soziale Bruchstellen ins Hier und Jetzt. Palmetshofer hat die Figurenkonstellationen und Themen von Hauptmann neu aufgestellt.
Eine Gegenwartsdiagnose, die auch den Konflikt zwischen einem elitären, linken Moralismus und rechter Seelenmassage zuspitzt. Nach zwei Stunden blenden auf der Bühne grelle Scheinwerfer das Publikum - ein Sonnenaufgang ohne Hoffnung.
Genervt von den Erwartungen an eine Mutter
Martha, die ältere Tochter aus Egon Krauses erster Ehe, erwartet ein Kind. Ihre Schwester Helene ist aus der Stadt gekommen, ihr beizustehen. Martha, bei Hauptmann eine stille Figur im Hintergrund, ist bei Palmetshofer ein Wrack, ein Psychobündel, genervt von den Erwartungen an eine Mutter. Ins Krankenhaus will sie auf keinen Fall, aus Panik, man könnte sie dort festhalten.
Lisa Schwarzer gibt Martha als exaltiertes Girlie mit hysterischen Ausbrüchen. Auch wenn Krause (Nils Brück) penetrant betont, "habe ich nicht schöne Mädels", ist Helene (Romy Klötzel) seine Favoritin. Wie er der Lene auf den Mund küsst, ist mehr als Vaterliebe.
Das toxische Miteinander unserer Gesellschaft
Krauses zweite Frau Annemarie (Judith Lilly Raab), eine übergriffige Person, liest ihrem Alten die Leviten, wenn er wieder mit den sehr viel jüngeren Saufkumpanen abstürzt. Die Trinkerfreunde haben Anni eines voraus, schenkt Egon ihr ein: "Sie hören zu." Szenen einer Ehe, die sich bei Martha und ihrem Mann Thomas wiederholen. Eine düstre Erzählung also über das toxische Miteinander unserer Gesellschaft: Auch das Verhältnis zwischen Thomas, Juniorchef einer mittelständischen Firma, und seinem einstigen Studienfreund Alfred ist vergiftet.
Thomas (Sven-Marcel Voss), Mitglied einer rechtspopulistischen Partei, weiß, was die Unzufriedenen hören wollen: eine Hyperrealität, man könnte es alternative Fakten nennen. Alfred (Arlen Konietz), Journalist eines linken Wochenblatts, wirft Thomas dessen Sinneswandel vor. Ihre Wortgefechte sind vorhersehbar - und doch luzide, wie vieles in diesem Stück.
Kurz vor dem Fall, wie fast alle hier
Konsequent zieht Regisseurin Sandra Strunz ihr Konzept einer betonten Künstlichkeit durch. Hauptmanns Naturalismus wird in sein schrilles Gegenteil gedreht. Raabs Annemarie ist eine köstlich überdrehte Königin der Nacht kurz vor dem Fall, wie fast alle hier, sollten sie noch nicht gefallen sein.
Palmetshofers Anweisung, die Figuren mögen sich wie Insekten in einem Glas bewegen, hat Ausstatterin Sabine Kohlstedt dazu inspiriert, ein fast die gesamte Bühne umfassendes Wasserbassin bauen zu lassen, eine überdimensionierte Petrischale, durch die die Schauspieler waten, in der sie planschen. Im Spiegel darüber wird das Spiel reflektiert. Man sieht, wer uns den Rücken zudreht, von vorne agieren und auch die ersten Zuschauerreihen. Schillernde Kostüme verleihen den Figuren das Flüchtige von Insekten oder Vögeln.
Anhaltender Applaus und einige wenige Buhrufe
Als tragischer Fantasie-Vogel irrlichtert Nils Brücks Krause über die Bühne, ruckelt und zuckt mit dem Kopf, versteigt sich in Ballettposen, rudert mit den Armen, trippelt und grinst und erweist sich als formidabler Darsteller. Vergnüglich auch, wenn die Freunde von einst, Thomas, Alfred und der Doktor (Pablo Guaneme Pinilla) bubenhaft verspielt wie Bauchredner kommunizieren.
Anhaltender Applaus vom Premierenpublikum, auch für Karsten Süssmilch, der diesen Lebenskampf auf mehreren Instrumenten begleitet, und einige wenige Buhrufe.
Weitere Vorstellungen: www.theater-heilbronn.de
Der Autor: Ewald Palmetshofer, Jahrgang 1978, studierte in Wien Theologie, Philosophie und Psychologie. Die Kritikerumfrage von "Theater heute" wählte ihn zum Nachwuchsautor 2008. Seine Stücke "hamlet ist tot. keine schwerkraft" 2008, "faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete" 2010 und "die unverheiratete" 2014 wurden zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen, die Burgtheaterinszenierung von "die unverheiratete" zum Berliner Theatertreffen. Palmetshofer erhielt den Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, den Mülheimer Dramatikerpreis, Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis und Gert-Jonke-Preis. Am Residenztheater in München ist er Dramaturg.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare