Flucht, Folter und Freiheit: Mario Röllig berichtet am Robert-Mayer-Gymnasium aus seinem Leben in der DDR
Nach einem gescheiterten Fluchtversuch saß Zeitzeuge Mario Röllig im Stasi-Gefängnis. Heute hält er weltweit Vorträge über seine Erlebnisse.
„Für diese Schweine keine Träne“ – das ist der trotzige Gedanke, der Mario Röllig aufrecht hält, als er 1987 in der ehemaligen DDR im Gefängnis sitzt. Röllig hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Als Teenager outet er sich in der DDR als schwul, landet nach einem gescheiterten Fluchtversuch im Stasi-Gefängnis.
Röllig muss im Stasi-Gefängnis Schikane erdulden
Seit vielen Jahren setzt sich Röllig für die Rechte queerer Menschen ein und reist durch Deutschland und die Welt, um an Schulen über seine Erlebnisse zu sprechen. Röllig möchte als Zeitzeuge darüber aufklären, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Am Donnerstagvormittag erzählt er Schülern der Jahrgangsstufe zwei am Robert-Mayer-Gymnasium von seiner Kindheit in der DDR, der Folter im Stasi-Gefängnis und seinem Neuanfang im Westen.

Mario Röllig wird 1967 in Köpenick in Ost-Berlin geboren, wo er auch aufwächst. Seine Kindheit ist geprägt von der Erziehung durch den Staat. Fahnenappell vor Schulbeginn, Schießtraining im Wehrlager und Marschtraining für die Militärparade gehören zu seinem Alltag. Im Urlaub in Ungarn verliebt er sich als Teenager in einen Mann aus West-Berlin. 1987 wagt Röllig die Flucht über die damalige jugoslawische Grenze – und wird festgenommen. Er landet im zentralen Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Dort wird Röllig verhört und schikaniert.
Die Zelle ist auf vierzig Grad beheizt. Jede seiner Bewegungen wird beobachtet, auch der Toilettengang. Nachts darf er nur auf dem Rücken schlafen, sonst hämmert der Wärter an die Zelle. „Manche Spuren wird man nicht mehr los“, sagt Röllig. Bis heute wacht er manchmal nachts auf und kontrolliert panisch, ob er auf dem Rücken liegt.
Durch sein Engagement kann Röllig sein Trauma überwinden
Zu lesen bekommt er in der Zelle ausschließlich Reiseliteratur. Für jemanden, der nicht weiß, ob er je wieder freikommt, sei das die schlimmste Folter gewesen, sagt Röllig. „Da war die Einsamkeit besser.“ Drei Monate war Röllig „staatlich entführt“. Dann hat er Glück. Die DDR will ihn loswerden. Über Kontakte in den Westen wird er freigekauft. „Seitdem feiere ich zwei Mal im Jahr Geburtstag“, sagt Mario Röllig.
Wegen der Ungerechtigkeit, dass viele ehemalige Funktionäre nach der Wende ein gutes Leben führten, verzweifelt Röllig lange. 1999 trifft er den Stasi-Funktionär wieder, der ihn damals verhört hat. Doch der Mann zeigt keine Reue. Die Begegnung stürzt Röllig in Depressionen und Panikattacken. Nach einem Suizidversuch rät ihm ein Arzt, sich seinem Trauma zu stellen. Mittlerweile leitet Röllig die Stiftung der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Immer mit dabei bei seinen Vorträgen: Hund Othello, sein therapeutischer Begleiter auf vier Pfoten. Heute sagt Röllig: „Ich bin kein Opfer. Ich kann mich wehren.“
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