Wo nichts mehr kommt, doch so viel ist

Idealer Urlaub für alle Generationen: Das Bergsteigerdorf Vent am Ende des Ötztals ist ein Juwel für alle, die Berge ohne Trubel lieben

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Manchmal verlässt man einen Ort und weiß genau: Ich komme wieder. Ganz sicher. Bei der Fülle an Möglichkeiten, die wir heutzutage haben, keine Selbstverständlichkeit. Es gibt genug Neues, das man sich Jahr für Jahr erschließen kann. Und doch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man bei einem Besuch in dem kleinen Dorf Vent ein wenig sein Herz verliert, ziemlich groß. Zumindest dann, wenn man die raue Natur der 2000- und 3000-Meter-Welt liebt, die Abgeschiedenheit am Ende eines Tales und zum Glücklichsein nicht viel mehr als eine gemütliche Unterkunft braucht, Wanderwege direkt vor der Haustür und Bergluft, die einen abends müde und zufrieden ins Bett sinken lässt.

Vent, das ist kein Geheimnis, hat einen großen starken Bruder, der den Ton im Ötztal angibt. Aber mit Sölden will das Gebirgsdorf, das nur 130 Einwohner hat, auch gar nicht konkurrieren. Es ist gut, dass durch seine Lage niemand zufällig dort landet. Man muss schon gezielt den Weg hierher suchen. Und wer es tut, findet: Ruhe. Alleine, zu zweit, aber auch als Familie.

Viele Ideen für den Bergsommer

Kinder fühlen sich pudelwohl hier, die Umgebung ist voll mit Animation: Murmeltiere beobachten, Steinmännchen bauen, Stöcke sammeln (und selbst den Berg hinunter schleppen), Sessellift fahren, Kaiserschmarrn futtern, über die Hängebrücke schreiten und Steinzeitlager - immerhin wurde ganz in der Nähe Ötzi gefunden - entdecken. Nicht zu vergessen: Geocaching. Wer mag, lädt sich die GPS-Daten für zwei Touren herunter, noch schöner ist es aber, ganz analog mit Schatzkarte loszuziehen. Die bekommen Kinder in der kleinen Touristinfo. Drei Stunden ist man rund ums Dorf unterwegs - für Erwachsene ein wunderschöner Panoramaweg über Wiesenpfade oberhalb von Vent, für Kinder ein spannendes Abenteuer. Acht Boxen sind entlang der Strecke versteckt, in jeder steckt ein Buchstabe. Da schmerzen keine Füße vom Laufen, da gibt es keine Müdigkeit und keinen Hunger. Dafür einige Male ein: "Mama, schneller!"

Nicht nur die Schatztruhe in der Touristeninfo, aus der man sich am Ende etwas aussuchen darf, ist aufregend. Einen Stempel für den Wanderpass gibt es noch dazu. So kann man sich innerhalb eines Urlaubs die Bronzene, Silberne oder Goldene Ötztaler Wandernadel erlaufen. Natürlich kann Wandern auch ohne Belohnung funktionieren. Ziehen tut es trotzdem. Irgendwie ja auch bei den Großen. Die genehmigen sich nach einem langen Wandertag schließlich gerne ein gutes Essen und ein zweites Glas Wein.

Nicht nur ein Winterziel

Schatzsuche und Wanderpass sind zwei von vielen Ideen, die umgesetzt wurden, um im Sommer für Gäste aller Generationen attraktiver zu werden. "Der Sommergast ist schwieriger zu bedienen", sagt Gloria Schultes vom Verband Ötztal Tourismus. "Im Winter wollen 90 bis 95 Prozent Skifahren, im Sommer will man aber nicht nur wandern, sondern auch Radfahren, Wellnessangebote und so weiter. Man sucht Abwechslung." Auch deshalb wurde die Ötztal Card ins Leben gerufen, die es bei der Übernachtung in vielen Betrieben dazugibt. Damit sind dann zum Beispiel Seilbahn- und Busfahrten frei sowie viele Freizeitangebote vergünstigt oder kostenlos nutzbar. Darunter sind das Ötzi-Dorf am Anfang des Tals, ein Outdoor-Museum, das den Fund des Steinzeitmenschen veranschaulicht, oder die Therme Aqua Dome in Längenfeld. Auch die wahrlich spektakuläre James-Bond-Erlebniswelt auf dem Gaislachkogel oberhalb Söldens, Drehort des 007-Thrillers "Spectre", ist von Vent aus gut erreichbar und absolut sehenswert. Selbst bei schlechtem Wetter kann man gewiss sein, in diesem Tal ein tagesfüllendes Programm zu finden.

Dennoch: So schnell zieht es uns nicht hinaus aus unserem schönen Nest Vent. Nicht einmal bei sehr tief hängenden Wolken. Es wäre gelogen, wenn man Sonne und Aussicht nicht vorziehen würde. Der Panoramablick, den man hier an so vielen Stellen hat, ist unvergleichlich. Genau den wünschen wir uns auch vom Wilden Mannle, einem 3000er, der selbst mit Kind gut zu meistern sein soll. "In den Bergen musst du aufstehen, aus dem Fenster schauen und dann entscheiden", sagte am Vortag Gloria Schultes. Nun ... der Blick hinaus sagt an diesem Morgen leider ziemlich eindeutig: Das mit dem Wilden Mannle, das wird wohl nichts. Herbstlich wirkt die Szenerie draußen, nebelig und feucht. Wir entschließen uns trotzdem für den Weg nach draußen. Irgendetwas Gutes findet man dort immer.

Hoch zur Alm

Zum Sessellift mitten im Ort sind es nur ein paar Meter, er bringt uns hinauf zur Stablein Alm. Noch immer ist es trüb und regnerisch und wir bekommen den Tipp, auch noch die zweite Bahn bis zur Bergstation Wildes Mannle zu nehmen und von dort Richtung Breslauer Hütte zu marschieren. Den Gipfel, den wir von hier aus in 1,5 Stunden erreichen würden, müssen wir uns tatsächlich abschminken. Zumal mit Kind. Leichtsinn ist gerade in den Bergen kein guter Ratgeber. Der Weg zur Hütte dagegen erweist sich als goldrichtig. Fast mystisch ist die Stimmung, wir erleben die Berge von einer ganz anderen Seite. Die Haare kräuseln sich, so feucht ist die Luft, wir laufen im Wolkenbett. Ab und an reißt der Himmel auf und wir erspähen die Gletscher, denen wir so nahe sind. Kaum eine Seele ist unterwegs. Wir sind weit weg von allem und allen. Wir bauen Steinmännchen und queren den Bach, der sich laut rauschend vom Berg stürzt. Wir hören Glockengeläut und ahnen, dass die Tiere nah sein müssen. Bis wir vor ihnen stehen. Gemächlich und ruhig liegen sie in der Wiese. Auch sie scheren sich nicht um Nebel oder Sonnenschein. Das Gras ist immer gleich gut. So wie die Bergluft.

Heißer Kakao und noch viel mehr

Auf der Breslauer Hütte ist es ein herrliches Einkehren. Es gibt heißen Kakao und Fotos zum Bestaunen. Von hier aus können Alpinisten sogar zur Wildspitze starten, Österreichs zweithöchster Berg. Wir aber treten den Weg nach unten an. Auf dem Pfad Richtung Vent sehen wir immer wieder tief hinein ins letzte Stück des Tals. Auch dort wartet Wanderweg um Wanderweg. Drüben, auf der anderen Seite am Berg, wo ein Ehepaar 1991 Ötzi fand, genauso. Dazu Hütten und noch mehr heißer Kakao. Ja, wir wollen auf jeden Fall wiederkommen. Auch ohne Schönwettergarantie.

Wo nichts mehr kommt, doch so viel ist

Aufstehen und ferngucken: Vom kleinen Hotel Macun in Vent aus blickt man bei gutem Wetter direkt in die Ötztaler Alpen, die Wanderwege beginnen unmittelbar am Haus. Auch viele Hüttentouren sind von hier aus möglich.

Wo nichts mehr kommt, doch so viel ist

Im Nebel hört man lange nur ihre Glocken, ehe man sie tatsächlich erspäht.

Wo nichts mehr kommt, doch so viel ist

Das Wetter wechselt in dieser Höhenlage schnell und häufig. Doch selbst an trüben Tagen geht es einem in Vent gut. Die Aussicht mag fehlen, das Naturerlebnis nicht.

Wo nichts mehr kommt, doch so viel ist
Wo nichts mehr kommt, doch so viel ist

Wo ist die Box? Geocaching − analog mit Schatzkarte − begeistert Kinder.

Wo nichts mehr kommt, doch so viel ist

Die Breslauer Hütte ist ein tolles Ziel. Ab hier geht es auch zur Wildspitze.


Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin vor allem um die Reiseseiten sowie den Bereich "Essen & Genießen".

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