Wilde, herrliche Natur im Nationalpark Schwarzwald

Reise  Von Baiersbronn aus lässt sich der Nationalpark Schwarzwald erkunden, mit allen Generationen und sogar mit Ranger. Neben Wanderwegen beeindruckt das neue Nationalparkzentrum.

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Die Bannwald-Tour ist ein besonderer Wanderweg mit viel Pfadanteil.

Friederike Schneider stockt. Mitten im Erzählen. Der Blick der Rangerin ruht plötzlich fest auf dem Wilden See weit unterhalb. Und so hält ihre Besuchergruppe, die an diesem Abend mit ihr im Nationalpark Schwarzwald unterwegs ist, ebenfalls inne. Der See befindet sich inmitten eines mehr als 100 Jahre alten Bannwalds im Nationalpark Schwarzwald. Keinen Parkplatz gibt es hier in der Nähe, keine Infrastruktur. Nur: Wildnis. Eigentlich.

Baiersbronner Himmelswege

Wanderer passieren den See tagsüber etwa auf der Bannwald-Tour, einem der "Baiersbronner Himmelswege", der auf vielen Pfaden 14 Kilometer durch den Nationalpark führt. Unweigerlich legt man auf jener Wanderung eine Pause am See ein. Er ist zu schön. Wer am Ufer sitzt, sieht - wenn er will - viel und hört: nichts. Genau so soll es hier sein. Geschützt. Ursprünglich. Leise. Und nachts? Einsam. Zelten ist im Nationalpark streng verboten. Denn Camper verbreiten massive Unruhe für die Waldbewohner, sie hinterlassen oft Müll, sie gehören schlicht nicht hier her. Um das Nachterlebnis im Wald dennoch zu ermöglichen, gibt es im Schwarzwald neun offizielle Trekkingcamps. Aber hier, am Wilden See, ist definitiv keines.

Am Abend auf Wolfstour

Wilde, herrliche Natur im Nationalpark Schwarzwald

Friederike Schneider, hier mit Wolfshund Aquila, ist eine der Rangerinnen.

Friederike Schneider sieht es sofort. Das Zelt. Und das bedeutet: Einer der Nationalpark-Ranger aus ihrem Team muss hinunter zum See. Es ist eines von vielen ihrer Einsatzgebiete im Nationalpark. Also eine Waldpolizei? Den Begriff hören sie ebenso ungerne wie einen Vergleich mit dem Ordnungsamt. "Wir möchten von den Menschen positiv gesehen werden", erklärt sie. "Wir haben als Ranger die Chance, die Menschen für den Nationalpark zu begeistern und einen Bezug herzustellen. Es ist wichtig, dass die Gäste dieses Gebiet wirklich erleben. Aber es gibt eben Grenzen."

Die werden gerne überschritten. Weil die Natur in diesem besonders ursprünglichen und damit herrlich wilden Wald eine unglaubliche Anziehungskraft auf manch gänzlich unbedarften Hobby-Indiana-Jones hat, der in ein spannendes Abenteuer aufbrechen will. Nur dass der Nationalpark eben nicht Freizeitpark-gleich für unseren Konsum geschaffen wurde. So droht Pilz- oder Heidelbeersammlern, Lagerfeuer-Anzündern, aber eben auch Wildcampern ein saftiges Bußgeld, wenn sie von den Rangern auf deren Gebietskontrollen erwischt werden.

Das Gespräch suchen

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Die große Mehrheit der Besucher erlebt die Ranger aber in einer anderen Funktion: als Experten, die auf bemerkenswerten und noch dazu kostenlosen geführten Touren durch den Nationalpark leiten, die aufklären, informieren, das Gespräch suchen. Zum Beispiel bei eben jener Wanderung mit Friederike Schneider: "Rotbäckchen und der liebe Wolf". Denn auch im Schwarzwald ist er zurück. Allerdings nur ein einziger. Wo er lebt, das wird nicht verraten, denn Foto-Jäger sind nicht willkommen. Aber das Interesse an dem Deutschland-Rückkehrer ist groß und Friederike Schneider hat quasi selbst einen dabei an diesem lauschigen Sommerabend. Aquila heißt der Europäische Wolfshund an ihrer Seite. Und es ist schon beeindruckend, für kleine wie große Gäste, wie viel besser sich der Wolf beschreiben lässt, wenn ein naher Verwandter neben einem steht.

Wandern und erzählen, beides wechselt sich ab an diesem Abend, der mit einem Einblick in die (literarische) Geschichte des Wolfes beginnt und mit der tatsächlichen Rückkehr des Tiers in unsere Wälder endet. Nicht wertend, sondern erklärend. Eine Meinung darf sich nach der Tour jeder selbst bilden. Rund zwei Stunden streift die Gruppe mit der Rangerin durch den Nationalpark. Entlang hoher Tannen, auf Pfaden und schließlich mit herrlichem Blick hinunter in die endlos scheinende Rheinebene. Der Wald zeigt einmal mehr seine Kraft, die er auf den Menschen hat und schenkt uns eine große Portion tiefzufriedener Ruhe. Schließlich bahnt sich die Sonne kurz vor Untergang ihren Weg durch die dicke Wolkendecke und taucht den Schwarzwald in gelb-oranges Licht.

Beeindruckendes Nationalparkzentrum

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Abends zu wandern, hat einen ganz eigenen Charme.

Zurück am Ruhestein, Basislager der Ranger, hat sich die Nacht über das nagelneue, 35,5 Millionen Euro teure Nationalparkzentrum gelegt, das wir vor der Wolfstour besucht haben. Hochmodern ist es, und doch werden trotz - oder gerade mit Hilfe - der immensen Technik einfühlsam, manchmal gar anrührend poetisch, die natürliche Waldentwicklung aufgezeigt und der Naturschutz erklärt. Beeindruckend ist das. Ein Museum für alle Sinne und vor allem: für alle Generationen. Nun, um 21 Uhr, sind die Füße müde, und zum Glück ist es ab hier nicht weit nach Baiersbronn mit seinen vielen Übernachtungs- und Einkehrmöglichkeiten. Der hübsche, ruhige Ort ist idealer Standpunkt, um den Nationalpark zu erkunden. So endet ein langer Tag, dessen Vormittag mit einer Wanderung entlang des Wildnispfads begonnen hatte. Der liegt im nördlichen Bereich des zweigeteilten Nationalparks, gut eine halbe Stunde Fahrzeit vom Ruhestein entfernt. Wie im Süden, gibt es auch im Norden des Parks viele Wanderwege.

Der dreieinhalb Kilometer lange Wildnispfad etwa führt auf schmalem Pfad durch einen wahrlich wilden Wald mit kreuz und quer liegenden Stämmen und großen Wurzeltellern. Vor bald 22 Jahren hatte Orkan Lothar einen großen Teil der 150 Jahre alten Bäume in diesem Gebiet umgeworfen. Heute können Wanderer beobachten, wie sich der Wald wieder entwickelt, frei und natürlich. Hier zu laufen ist einfach schön. Es macht unglaubliche Freude. Über dicke Stämme geht es - und auch mal drunter durch.

Wichtiges Totholz

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Eine weit verbreitete Meinung, so sagt Friederike Schneider noch, sei es, dass Wald absterbe, wenn man nichts an ihm mache. Dem sei nicht so. "30 Prozent stehendes Totholz ist normal, der Wald erneuert sich trotzdem." Zudem seien rund 30 Prozent der im Wald lebenden Arten auf Totholz angewiesen. Der 2014 gegründete Nationalpark - der einzige Baden-Württembergs - nimmt nur etwa 0,7 Prozent der Landeswaldfläche ein. Ob auf dem Wildnispfad, dem daneben liegenden Luchspfad oder dem nur wenige Kilometer entfernten Lotharpfad, die Idee hinter den Routen ist dieselbe: "Nicht die Natur soll es sein, die den Weg für den Menschen glättet. Der Mensch muss es sein, der sich den Weg sucht. Auf diese Weise fühlen wir uns auch vielmehr als Gast."

Der Nationalpark und seine Ranger als Chance, die Menschen zu begeistern - so hatte es Friederike Schneider formuliert. Und es stimmt genau.


Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin "Freizeit" um den Reiseteil der Zeitung sowie um die Kinderstimme.

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