Luxus ist, was man nicht tragen muss

Wandern  Wer eine Weitwanderung plant und vorab für sich einige Fragen klärt, hat gute Chancen auf eine tolle Tour - Albsteig als Tipp

Email

Die reine Ausrüstung wiegt zirka fünf Kilogramm. Dazu kommt noch der Proviant. Das Zelt ist hier ebenfalls schon eingerechnet.

Weitwandern und Pilgern sind keine neuen Phänomene, aber dennoch zunehmend beliebt als Auszeit vom Alltag. Christine Thürmer hat in 16 Jahren auf Wanderschaft viele Erfahrungen gesammelt. Vor allem, sagt sie, sollte niemand unvorbereitet losziehen.

Die Route:

Viele Weiterwanderstrecken sind überlaufen. Laut Christine Thürmer vor allem deshalb, weil die Menschen jene Bereiche besuchen, die ihnen durch Soziale Medien, Werbebilder oder Fernsehen geläufig sind. "Wenn ich unterwegs Leute treffe und frage, wieso sie hier sind, kommt immer: die tolle Landschaft. Meine Erfahrung ist: Je länger eine Tour dauert, desto wichtiger werden auch andere Faktoren. Ich würde deshalb bei der Planung anders vorgehen, mich hinsetzen und überlegen: Was will ich eigentlich?", sagt die 53-Jährige. Dazu gehöre auch: Wie viel Geld habe ich? "Wenn es keine große Rolle spielt, kann ich nach Skandinavien fahren, wenn ich armer Student bin, peile ich besser Osteuropa an. Ich hatte dermaßen Spaß dort, die Landschaft ist schön, es ist billig und man ist wirklich noch Entdecker."

Ein anderer Faktor sei: Bin ich gesellig oder nicht? Will ich Menschen treffen? Dann könne man den Jakobsweg laufen. "Wer lieber alleine ist und nachdenken will, sollte ihn meiden." Will ich Natur oder will ich das Land kennenlernen? "Wenn Sie durchs skandinavische Fjell laufen, werden Sie von der Kultur Schwedens oder Norwegens überhaupt nichts mitkriegen. Das ist ja okay. Aber man sollte wissen, was man will."

Deshalb Thürmers Tipp: "Wenn diese Fragen geklärt sind, dann kann ich mir Land und Tour dazu aussuchen." Nicht: "Hape Kerkeling war dort, also fahr' ich auch hin. Ohne sich zu überlegen, ob das für die eigenen Bedürfnisse, die man gerade in diesem Moment hat, das Richtige ist."

Ultraleichtwandern:

Bevor man anfängt, einzukaufen, empfiehlt Christine Thürmer, den Zweck der Reise festzulegen. Wanderer oder Camper? "Wer wandert, stellt das Laufen in den Vordergrund und möchte möglichst bequem von A nach B kommen. Dann führt kein Weg daran vorbei, mit so wenig Ausrüstung wie möglich auszukommen. Beim Wandern ist der große Luxus nicht das, was ich dabei habe, sondern das, was ich nicht tragen muss."

Für Camper dagegen sei Wandern nur das Mittel zum Zweck, um an den nächsten Ort zu kommen, wo man es schön haben, sein Lager aufbauen und genießen will. "Das ist beides völlig legitim, es macht nur Sinn, sich vorher zu überlegen, wozu man gehört", sagt Thürmer. "Sonst wird vermeintlicher Luxus zum Gegenteil - weil man ihn nämlich tragen muss. Dinge wegzulassen ist dann aber auch keine Entbehrung mehr. Dass ich keine Ersatzklamotten dabei habe oder keinen Campingstuhl, das stört mich überhaupt nicht, weil ich dafür ziemlich leichtfüßig über die Alpen komme."

Durchhaltevermögen:

"Langstreckentrails haben eine unheimlich hohe Abbruchquote. Und das - damit sind wir wieder beim Thema - obwohl die Landschaft so toll ist", sagt Christine Thürmer. "Die Leute fokussieren sich zu sehr darauf und denken schnell: Jetzt habe ich doch alles gemacht, Job gekündigt und so weiter, und jetzt muss das hier doch auch wirklich gut werden. Aber sie vergessen, dass das nur passiert, wenn man etwas dafür tut und bereit ist, das eine oder andere an Entbehrung und Anstrengung in Kauf zu nehmen."

Luxus ist, was man nicht tragen muss

Einstiegstipp:

Als Tipp für einen Einstieg ins Weitwandern nennt Christine Thürmer den Albsteig (HW1). "Ich bin sie ja alle gelaufen, aber er ist mein liebster deutscher Wanderweg. Er ist technisch einfach und bietet unvergleichlich schöne Ausblicke vom Albtrauf. Die haben Sie in den Alpen auch, aber da oft verbunden mit schwierigen Anstiegen, Geröllfeldern und so weiter. Dazu die gefühlt höchste Burgen- und Ruinendichte Deutschlands. Der Albsteig ist einfach wahnsinnig abwechslungsreich. Und das Essen ist lecker."

Buchtipp

"Weite Wege wandern" (Piper, 288 Seiten, 18 Euro) ist das dritte Buch von Christine Thürmer. Sie beschreibt darin unaufgeregt und gleichzeitig spannend ihre Erlebnisse, die sie weltweit auf 50.000 Kilometern Fußmarsch gesammelt hat und gibt ihre Erfahrungen wieder: Welche Ausrüstung ist sinnvoll, wo schlägt man am besten sein Zelt auf, wie organisiert man sich unterwegs, wenn man nur rund sechs Kilo Gepäck mit sich trägt?

 

 

Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin vor allem um die Reiseseiten sowie den Bereich "Essen & Genießen".

Kommentar hinzufügen