Ein neues Zuhause für geschundene Tiere

Bad Rippoldsau-Schapbach  Wölfe, Bären und Luchse beobachten und viel über Wildtiere lernen: Der Alternative Wolf- und Bärenpark im Schwarzwald ist einen Tagesausflug wert.

Email

Franca wurde viele Jahre in einem Kellerverlies gefangen gehalten und lief dort beständig im Kreis. Die Bärin ist traumatisiert und hat ihr Verhalten beibehalten.

Franca dreht ihre Runden. Eine, noch eine. Und noch eine. In einem Radius von nicht viel mehr als zwei Metern läuft sie im Kreis. Unaufhörlich. Und der Besucher kann aufs Erste kaum anders, als sich zu wundern. Die Bärin hat doch so viel Platz! Ein riesiges, ursprüngliches Gehege voller Baumbestand und Dickicht ist ihr Zuhause im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald in Bad Rippoldsau-Schapbach. Doch Francas innere Welt ist viel, viel kleiner.

"Sie hat bei einem Schaustellerpaar in Frankreich gelebt", erzählt Teresa Carl, stellvertretende Projektleiterin im Park. Es wollte sie Gästen auf dem Jahrmarkt präsentieren, mit ihr Geld verdienen. "Aber Franca war zu aggressiv für solche Auftritte", sagt Teresa Carl. "Also wurde sie in einen Keller gesperrt, mit Ratten, ohne Tageslicht." Alles was ihr blieb, war, im engen Verlies, auf Betonboden, im Kreis zu laufen. Jahrelang.

15 Tiere leben im Park

2019 kam Franca in den Park, der Luchsen, Bären und Wölfen aus vormals schlechten Haltungen ein neues Zuhause gibt. Fünf Wölfe, zwei Luchsdamen und acht Bären leben aktuell in dem Tierschutzprojekt, das sich ausschließlich über Spenden finanzieren muss. Bei der Tierrettung wird der Park entweder selbst aktiv oder arbeitet mit anderen Tierschutzorganisationen zusammen. Dann sorgt man gemeinsam dafür, dass die Bären, Wölfe oder Luchse nach Bad Rippoldsau-Schapbach kommen.

Keine Präsentation der Tiere

Wer als Besucher durch den Park läuft, hat vorab vielleicht etwas über die Idee dahinter gelesen. Erst beim rund zwei Kilometer langen Rundgang durch das Waldgelände aber erfährt und spürt man, was der Unterschied zu anderen Wildparks ist. "Die Tiere werden bei uns nicht präsentiert", sagt Teresa Carl. "Wenn sie es tun, wenn sie sich zeigen, dann ist es allein ihre Entscheidung. Es ist uns wichtig, den Tieren auch in der Gefangenschaft Freiraum zu geben."

Und so streift der Besucher auf seiner Route entlang von zehn Hektar Waldfläche, einem weitgehend unbeeinflusstem Lebensraum für die Tiere, und hält Ausschau. Und wer Geduld hat oder ein wenig Glück, entdeckt sie auch. Die Wölfe, wie sie Mittagsschlaf auf einem großen warmen Stein halten oder einen der Luchse, der durchs Dickicht zieht. Häufig können die Tiere hier zum ersten Mal in ihrem Leben ihren natürlichen Bedürfnissen nachgehen, können klettern und spielen, spüren Waldboden unter den Tatzen und bekommen artgerechtes Futter. Pro Bär sind das 50 Kilo Obst und Gemüse am Tag. Allein für die Bären macht das 400 Kilo täglich. Ein Grund, warum der Park froh ist über jede Spende.

Kein Nachwuchs

Alle Tiere im Park sind kastriert. "Es ist nicht das Anliegen, Bären, Wölfe oder Luchse in Gefangenschaft nachzuzüchten", erklärt Teresa Carl. "Sie gehören in die freie Wildbahn, sie sollen nicht in Gefangenschaft geboren werden." Das Anliegen des Parks ist nicht die Tierschau, sondern die Aufklärung. "Jeder einzelne kann etwas dafür tun, dass Tiere nicht derart misshandelt werden", betont Teresa Carl. Zirkusse meiden etwa, in denen Wildtiere durch die Manege laufen. "Und niemand braucht Urlaubsfotos, auf denen man mit einem niedlichen Affen auf der Schulter posiert."

Trauma durch fehlendes Säugen

Oder gar mit Bären, so wie es bei Arthos und Arian aus Albanien war. Ihre Mutter wurde erschossen - weil die Welpen so niedlich waren, dass Menschen in ihnen eine Einnahmequelle sahen und sie fortan Strand-Touristen in die Arme gedrückt haben. Bis sie nicht mehr klein und niedlich waren. An Ketten wurden die Bären gehalten. Doch nicht nur deshalb sind die Brüder noch heute traumatisiert. "Bären sind Säugetiere. Sie werden so von ihrer Mama nicht nur ernährt, das Nuckeln beruhigt sie auch", erklärt Teresa Carl. Doch das nahm man den beiden Welpen und so begannen sie, gegenseitig an ihren Ohren zu saugen. "Arthos hat deshalb ein Ohr verloren." Es entzündete sich und starb ab.

Agonis teilt ein ähnliches Schicksal. Er wurde als angeketteter Restaurant-Bär in Albanien zur Schau gestellt. "Er begann, an seiner Tatze zu nuckeln, das fanden die Menschen erst recht süß", erzählt Teresa Carl. "So hat er Aufmerksamkeit bekommen." Noch heute, im großen Naturgehege des Parks, erliegt er seinen Zwangshandlungen, wenn er Menschen sieht. "Deshalb ist es so wichtig, dass wir bald unsere Bären-Reha bekommen, die gerade gebaut wird", erklärt Teresa Carl. Ein geschützter Bereich, um Tiere wie Agonis, die besonders traumatisiert sind, besser therapieren zu können.

Forscherpfad und Spielplatz

Man kann viel Zeit verbringen in diesem Park. Wenn man sie sich nehmen mag. Wenn man Geduld hat mit den Tieren und sich einlässt auf ihre Geschichten, die auf den vielen Hinweistafeln erzählt werden. Für Kinder gibt es einen Forscherpfad und einen schönen Naturspielplatz. Noch beeindruckender für sie sind aber Zeugnisse aus der Misshaltung der Tiere, wie ein gerade einmal bärengroßer Käfig, in dem eben diese in Fernost als Gallebären gehalten werden, um aus ihrem Gallensaft Medikamente herzustellen. Dass die Welt hier krankt, das verstehen schon kleine Kinder.

Gaia ist einer der fünf Wölfe im Park. Sie wurde als Welpe in den Wäldern Litauens gefunden und für einen Hund gehalten. Man steckte sie in einen Zwinger, missbrauchte sie als Haustier. Kaum erwachsen, wurde sie in eine Hundauffangstation abgeschoben, in der sie stark verhaltensauffällig war. "Bei uns soll sie wieder zum Wildtier werden", hofft Teresa Carl.

Natürlicher Stress

Interessant ist, dass die Tiere im Park alle zusammenleben, nicht nach Arten in ihren Gehegen getrennt sind. Das führe durchaus manchmal zu Kämpfen - "so wie in der Natur eben auch". Für die Tiere entstehe so natürlicher Stress. "Der Wolf merkt sofort, wenn mit dem Bären was nicht stimmt, dann kommt er und piesackt ihn. Also muss der Bär sich wehren." Das wiederum lenke ihn von seinen Traumata ab, vom Pfotennuckeln oder dem Laufen im Kreis. "Er muss dann im Hier und Jetzt sein."

Nächster Serienteil

11. August: Auf Jagstradtour

Ein neues Zuhause für geschundene Tiere

Wer ganz genau schaut, sieht auf den Felsen zwei Wölfe in der Sonne schlummern. Die Tiere entscheiden selbst, ob sie sich zeigen oder zwischen den Bäumen und im Dickicht verstecken. Fotos: Stefanie Sapara

Ein neues Zuhause für geschundene Tiere

Im Park kann Agonis seinen natürlichen Triebe folgen. Foto: Wolf- und Bärenpark

Ein neues Zuhause für geschundene Tiere

Kaum größer als der Bär selbst: So werden Gallebären in Fernost gehalten.


Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin "Freizeit" um den Reiseteil der Zeitung sowie um die Kinderstimme.

Kommentar hinzufügen