Auf dem Grat: Geschubst und gehalten

Nach Bergsteigen kommt Klettern: Die Region Warth-Schröcken bietet tolle Einstiegsmöglichkeiten

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Ich atme wieder. Zumindest kann ich es altvertraut spüren. Jetzt, auf dem Gipfel des Widderstein, 2533 Meter hoch. Ein. Und aus. Ein. Und aus. Gleichmäßig - und damit anders als in den zurückliegenden drei Stunden. Eine Zeit, in der gefühlt kein Raum zum Atmen war. Nur Platz zum Denken. Ein hämmerndes Herz im Ohr. Der nächste Schritt ... wohin? Wie? Ich höre mich sagen: "Christian, wird das noch heftiger?" Die Antwort des österreichischen Bergführers war prompt gekommen: "Du meinst: noch schöner? Scho!"

Ein Tag zuvor. Josef Staggl zieht noch einmal feste und nickt. Passt. Mein Gurt sitzt. Ich schaue hinauf. Der Fels ragt steil nach oben. Keine Messner-Wand, aber für mich fühlen sich diese 15 Meter doch danach an. Einstieg ins Klettern ist das Motto dieser Tage in Warth-Schröcken im österreichischen Vorarlberg. Klettern, so liest man es häufig, sei für all jene, die beim Bergsteigen noch einen Schritt weitergehen wollen. Der sportliche Anreiz ist dabei das eine. Das andere: Viele Gipfel erreicht man nur über Klettersteige oder seilgesicherte Passagen. Nicht selten sind die Menschen dort unbedarft unterwegs, sagt Josef. Mit falscher Ausrüstung. Unvorbereitet. Vom Profi zu hören, wie man mit Gurt und Seil umgeht, wie die wichtigsten Knoten funktionieren und auch sonst viel zu erfahren über Berge und den Menschen mittendrin, ist reizvoll.

Der richtige Knoten

Eines, das macht der erfahrene Kletterer Josef, der den Abenteuerpark Schröcken betreibt, in dem auch unser Übungsfelsen steht, gleich klar: Klettern in der Halle ist eine gänzlich andere Nummer als am Fels. Und Klettern am Übungsfelsen hat wiederum sehr wenig mit dem Anstieg auf den wahren Berg zu tun. Verschiedene internationale Schwierigkeitsskalen beschreiben, wie eine Kletterroute zu bewerten ist. In Mitteleuropa orientiert man sich an der UIAA-Skala, die in römischen oder arabischen Ziffern angegeben wird, hinauf bis zur zwölf. Eine Klettertour könne relativ einfach eingestuft sein, eine 3+ oder 3-, erklärt Josef. Das sei in der Halle oder am Übungshang für Einsteiger zu schaffen. "Am Fels aber kommt die Beschaffenheit des Steins dazu, der kann brüchig sein - anders als im Klettergarten." Oder nass. Oder vereist. Natur eben. So sauge ich ein ums andere Wort auf. Den Unterschied zwischen Top-Rope-Klettern und Klettern im Vorstieg, aber genauso den Einblick in die Welt der Seil-Knoten. Von wegen einfach ran an den Fels.

Schließlich darf ich aber. Oben läuft mein Seil durch einen Haken und fällt dann herunter zu Josef, der mich gesichert hat, sollte ich abrutschen. Die Wand ist machbar, stelle ich fest. Und klettere zügig los. "Langsam!", ruft Josef. Okay. Ein Schritt nach dem anderen, das ist das Motto. Konzentrieren. Nicht schon fünf Meter weiterdenken. Nicht hetzen. Kräfte einteilen. Bedacht den Fuß setzen. Die Hand. Wieder ein Stück nach oben ziehen. "Bleib dicht am Fels", sagt Josef. Die Kraft eines Kletterers komme aus den Beinen, nicht aus den Armen. Wer sich mit den Beinen dicht an den Berg drückt, benötigt weniger Kraft im Oberkörper.

"Und morgen, wo geht es hin?", fragt Josef nach unserer Übungsrunde. Auf den Großen Widderstein, sage ich. Er nickt. Stufe 3-, teilweise eine 4, so sei die Klassifizierung am Ostgrat. "Die Stufen und Tritte sind da noch recht groß und gut auffindbar, das ist machbar." Doch er schiebt nach: "So eine Tour: nur mit Führer. Als Anfänger niemals alleine." Nicht, dass ich das ins Auge gefasst hätte. Aber Menschen wie Josef haben schon so einiges erlebt und gehört - von jenen, die nicht am Berg groß geworden sind und schnell denken, sie seien die Stärkeren.

Am nächsten Morgen, 9.30 Uhr, fühle ich mich wie das Gegenteil: sehr klein. Aufgeregt treffe ich am Hochtannbergpass auf Christian Fritz. Bergführer mit Weltmeistertitel, Rafting- und Canyoning-Guide. "Servus!" Ein freudiges Hallo und auf geht"s in einer guten Stunde hoch zur Widdersteinhütte, wo wir den Weg verlassen und auf das Geröllfeld zusteuern. Es ist rutschig, ein fremdes Laufen. Nach einer weiteren halben Stunde konzentrierten Anstiegs packt Christian das Seil aus, gibt mir den Klettergurt. Was für ihn Routine, ist für mich Neuland. Ich bin nervös. "Vertrau deinen Füßen", sagt er, als ich immer wieder auf dem Geröll rutsche und auch, als schließlich die großen Felsen beginnen. Vertrauen. Das steht hier über allem. Josefs Worte hallen in meinem Ohr. "Vertraust du mir?", fragte er, als ich mich vom 15-Meter-Fels abseilen sollte. "Wenn man am Berg oben zweifelt, wird"s schwierig und gefährlich."

Und so beginne ich, Christian zu beobachten. Langsam, beständig, sicher, setzt er seine Schritte, meistert nun, wo wir den Ostgrat erreicht haben, voller Routine eine um die andere Felsspitze. Jeden Fußtritt will ich mir einprägen und weiß doch: Ich muss meinen eigenen Weg suchen. Meine Schrittlänge sehen. Mein Tempo klettern. Abschauen gilt hier so wenig wie in der Schule. Konzentrier" dich und gib" dein Bestes, scheint auch jetzt die ratsamere Devise. 900 Meter tiefer liegt rechts das Kleinwalsertal. Links? 600 Meter hinab bis Warth. Ich merke, wie sich meine Hände in den Fels krallen. "Ist das nicht toll?", ruft Christian. Und so sehr mein Herz pocht, so groß meine Aufregung ist: Ich kann ihn verstehen. Sein Glück am Berg. Das Losgelöstsein von allem, weil kein Raum für etwas anderes als das Jetzt ist. Der Fels fordert alle Konzentration. So gehen wir weiter. "Lass dich fallen, ich halt" dich." - "Leg das Gewicht in die Füße." - "Natürlich schaffst du das." Christian spricht nicht viel, aber was er sagt, ist immer das Richtige.

Tief unten die Kuhglocken

So werde ich ruhiger. Vertrauensvoller in mich selbst. Ich denke tatsächlich einzig an den nächsten Schritt, die nächste Felsspitze. Wie Josef es gesagt hat. Wo kann ich hingreifen, wo findet der Stiefel Halt? Die Felsen sind rau. Kühl. Und doch mein beständiger Halt. Ich drücke mich mit den Beinen dagegen. Unten im Tal bimmeln die Kuhglocken, Geräusche aus einer sehr fernen Welt. Die Zeit habe ich vergessen. Ich frage nicht, wie lange es noch dauert. "Warte", sagt Christian immer wieder. Dann geht er vor. Sobald ich sein Okay habe, klettere ich nach. Manchmal klappt es aufs Erste. Manchmal sind es drei Anläufe. "Überleg, überleg, er hat es geschafft. Du schaffst es auch", sage ich mir.

Dann kommt kein "Warte" mehr. Ich schaue hoch, Christian grinst. "G"schafft!" Unglaublich. Wir stehen am Gipfelkreuz. Das Gefühl, den Atem wieder zu spüren, sitzt noch heute tief in mir. Genau wie der ekstatische Mix aus Freude und Demut, Erleichterung und Stolz. Nichts für jeden Tag. Aber ein Erlebnis, das dankbar stimmt. Was ist möglich, was ist nicht möglich? Was erlauben die Berge uns? Es sind nicht wir, die die Stärkeren sind. Aber wer achtsam klettert, darf eins mit ihnen werden. So sehe ich fortan noch einmal ganz anders auf die vertraute alpine Welt. Dank Josef, dank Christian, die mich geschubst und doch gehalten haben.

Tipps und Infos

Anreise mit dem Zug über Füssen und weiter mit dem Bus über Reutte nach Warth. Alternativ Autoanreise über Füssen und durchs Lechtal oder via Bregenz/Bludenz.

Eine sehr schöne Übernachtungsmöglichkeit ist das liebevoll in dritter Generation geführte Hotel Adler auf 1675 m Höhe. Es gibt verschiedene Zimmertypen, aber auch Appartements. Das Frühstücksbüfett ist bestückt mit regionalen Produkten. Die Lage ist besonders: einsam inmitten der Bergwelt, oberhalb von Warth. Wanderbusse halten direkt vor der Tür, aber man kann auch auf schönsten Wegen vom Hotel aus loslaufen, etwa hinüber zum Körbersee. Eine herrliche Route ist auch jene über die Almen nach Lech.

Infos: www.hoteladler.at

Ausflugstipp und Schnuppermöglichkeit für Kletterinteressierte (vorherige Anfrage) ist der Abenteuerpark Schröcken: Der Hochseilgarten von Josef Staggl bietet 42 Seilparcours, zwei Flying Fox, drei Seilrutschen sowie Klettersteige und Klettermöglichkeiten in drei bis 15 Metern Höhe.

Infos: www.abenteuerpark.net

Weitere interessante Anlaufstelle ist die Alpinschule Widderstein in Warth von Christian Fritz. Der erfahrene Bergführer bietet Kletterkurse und -touren (unter anderem die beschriebene auf den Widderstein), aber auch Canyoning und Wildwasserschwimmen an.

Infos: www.alpinschulewidderstein.com

Die Region Warth-Schröcken ist vor allem als Skigebiet bekannt, bietet allerdings im Sommer wunderschöne Wandermöglichkeiten, unter anderem bis hinüber nach Lech.

Infos: www.warth-schroecken.at

Auf dem Grat: Geschubst und gehalten

Nach drei Stunden Aufstieg ein Glücksgefühl: der Anblick des Gipfelkreuzes.

Auf dem Grat: Geschubst und gehalten

Im Abenteuerpark in Schröcken gibt es nicht nur einen Hochseilgarten, sondern auch Klettermöglichkeiten für Einsteiger.

Auf dem Grat: Geschubst und gehalten

Den Großen Widderstein kann man über einen Geröllweg erklimmen − oder kletternd mit einem Führer über den Ostgrat. Fotos: Stefanie Sapara

Auf dem Grat: Geschubst und gehalten
Auf dem Grat: Geschubst und gehalten

Routiniert und ruhig: Mit Bergführer Christian Fritz auf den Widderstein.

Auf dem Grat: Geschubst und gehalten

Nebel zieht auf. Auf der einen Seite geht es 900 Meter hinab ins Kleinwalsertal, auf der anderen 600 Meter steil bergab bis nach Warth. Foto: Christian Fritz


Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin "Freizeit" um den Reiseteil der Zeitung sowie um die Kinderstimme.

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