Zur wilden Margarethe

Region  Ungebändigte Natur vor der Haustür: Warum ein Wandertag in der Schlucht bei Neckargerach unbedingt einmal dazugehört

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Unter der stattlichen Eiche direkt am Ausgang der Schlucht können Wanderer ein kleines Päuschen einlegen. Fotos: Andreas Tschürtz

Mit der Stadtbahn oder dem Auto ist das kleine Naturschutzgebiet direkt hinter der Heilbronner Landkreisgrenze bequem zu erreichen. Nur 20 Gehminuten sind es vom Bahnhof zum Taleingang der wilden Schlucht. Dort geht es auf 600 Metern auf schmalem Pfad steil und kreuz und quer über den Flursbach bergauf. Der fällt auf diesem kurzen Stück 110 Meter und über acht Wasserfallstufen hinab ins Tal. Die Margarethenschlucht zählt somit zu den höchsten Wasserfällen Deutschlands und bietet ein beeindruckendes Naturerlebnis. Der Ausflug lässt sich in einem halben Tag als 3-Kilometer-Rundtour bewältigen, aber auch auf einen ganzen Tag mit Grillen erweitern.

Was ist Zeit?

Mal ehrlich: Hinweistafeln sind häufig eine dröge Angelegenheit. Und nicht selten bleibt man rein verlegenheitsbedingt davor stehen - weil man schon mal da ist ? Auch auf dem kurzen Fußweg vom Bahnhof in Neckargerach zur Margarethenschlucht steht eine solche Tafel. Groß. Nicht besonders hübsch. Aber: Sie steht da genau richtig. "Was ist Zeit?", fragt sie den Wanderer. Und erklärt: Während wir Menschen ein paar Jahrzehnte hier verbringen dürfen, hat die Erde Jahrmillionen auf dem Buckel. Und nichts von dem, was sie geschaffen hat, steht jemals still. Ein kleiner Zeitstrahl ist eben jener, wie der Flursbach einst sein tiefes Tal gegraben hat und es immense Kräfte geschafft haben, ganz in unserer Nähe eine wahrlich wilde Schlucht zu formen. Die Margarethenschlucht. Und die ist ganz und gar: wunderbar. Zudem ganz sicher nicht das, was man direkt vor den Toren des landschaftlich doch eher behäbigen Heilbronner Unterlands erwarten würde.

Achtung, Klettersteig!

Noch das Schild an der Rastbank direkt am Eingang zur Schlucht scheint übertrieben: "Gehen Sie den Weg nicht, wenn Sie nicht körperlich fit und schwindelfrei sind (...) Achtung: Alpiner Klettersteig; nur für geübte Wanderer: Absturzgefahr; Steinschlaggefahr; Unbefestigter Weg." Hmmmm ... verbirgt sich wirklich etwas so Gefährliches hinter dem grünen Vorhang der dicht stehenden Bäume und Büsche?

Wenige Schritte hinter der Blätterwand überdeckt das Rauschen von Wasser das des Verkehrs, der im Neckartal zurückbleibt. Und nur eine Wegbiegung weiter tut sich eine haushohe Höhle auf, mit einem grünen Blätterdach der Laubbäume zu beiden Seiten und hohen Wänden aus rotem Buntsandstein, der typisch für diese Gegend ist. Wie Tropfsteine hängen die Äste in die Schlucht. Im Halbdunkel wachsen Farne, und Efeu rankt über die zahllosen Felsen, die aus den Seitenwänden herausstehen. In der Mitte: der Flursbach, der in zwei hohen Stufen senkrecht hinabfällt. Davor, kreuz und quer verkeilt, bemooste Stämme umgestürzter Bäume und Felsbrocken, viel zu klobig für das kleine Bachbett. Als hätte ein Riese mit Bauklötzen und Mikadostäben gespielt und nicht mehr aufgeräumt. Dass dieser Riese der Flursbach ist, mag man kaum glauben, so unschuldig wie er dahinplätschert. Doch: Diese Schlucht kann auch anders, ist nichts für Regenwetter und hat dann ein zweites, weitaus weniger freundliches Gesicht. Dann wird sie ganz schnell zur wilden Margarethe. Und die sollte man nicht unterschätzen.

Nix zum Durchjagen

Die Margarethenschlucht ist seit 80 Jahren ausgewiesenes Naturschutzgebiet. Keine Schlucht zum Durchjagen. Pausen und Zeit fürs Schauen und Staunen sind der Schlüssel zum Herzen dieses schönen Kleinods. An Gelegenheit dazu ist kein Mangel. Mehrfach kreuzt der Weg das Wasser, wenn er sich in vielen Kehren den steilen Hang hinaufschwingt. Manchmal müssen hüfthohe Felsstufen gemeistert werden - ein Grund übrigens, den Weg tatsächlich genau so zu laufen. Abwärts ist es schwieriger. Und von unten auf die stolz hinabstürzenden Wasserfälle zu schauen, ist beeindruckender als der Blick ins Tal, wo das grüne Dickicht den Bach fast verschluckt, als wäre er gar nicht da.

Hier und da geben kleine Tafeln Einblicke in die Naturgeschichte. Etwa zu den Farnen, die schon vor 400 Millionen Jahren die Erde besiedelt haben, und die sich in der feuchten Schlucht augenscheinlich auch heute noch mächtig wohlfühlen. Besonders im Frühling kann man seine wahre Freude daran haben: Dann nämlich entfalten die Farne ihre breiten, tiefgrünen Blattwedel, die zuvor aufgerollt waren wie kleine Schneckenhäuser. Und zwar schnell - fast kann man ihnen dabei zusehen.

Nur den Pfad darf man währenddessen nicht außer Acht lassen. Ob der nun wirklich gefährlich ist, naja, das mag Ansichtssache sein. Aber tatsächlich setzt man seine Schritte achtsam. Ist konzentriert. Greift an den besonders engen und steilen Stellen dankbar nach den angebrachten Seilen und Handläufen. Und das macht Spaß! Reine Natur statt Schotterweg und Asphalt. Es ist so, wie es im Gedicht von Erich Kästner am Eingang zur Schlucht zu lesen war: "Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden. Und tauscht bei ihnen seine Seele um. Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm. Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden."

Durch den grünen Vorhang

Die letzten Meter schließlich geht es flacher voran. Und wie man ein zweites Mal durch den grünen Vorhang und wieder hinaus aus der Schlucht tritt, steht man für einen Moment ein wenig unvermittelt auf der Straße nach Reichenbuch. Noch rennt der Atem. Das Herz klopft. Und die letzte halbe Stunde wirkt nach wie ein Traum, aus dem man sich nur langsam löst. So lohnt es sich, nicht gleich links dem Weg zu folgen, sondern einen kurzen Abstecher nach rechts zu unternehmen. Dort gibt es nach wenigen Metern Gelegenheit für ein Besinnungspäuschen - mit Bank und Tisch unter einer stattlichen Eiche. Wer Lust hat, kann nebenan beim Putenhof der Familie Gröhl am Regiomat Wurst, Snacks und kühle Getränke kaufen. Freitags von 9 bis 18 Uhr hat auch der Hofladen mit mehr als 50 Wurstsorten aus eigener Herstellung geöffnet.

Doch noch ist es früh am Tag, und die Grillwürste wandern erst einmal in den Rucksack. Linker Hand - in entgegengesetzter Richtung - führt die schmale und wenig befahrene Straße nun vorbei an Wiese und Feld. In wenigen Gehminuten geht es zum Gickelfelsen. Am späten Vormittag liegt die Wiesenfläche freundlich im warmen Licht der Morgensonne. Ein wohltuender Anblick - wenn er auch direkt übertrumpft wird: Tief unterhalb fließt der Neckar in einem weiten dunklen Bogen durchs Tal. Imposant und doch friedlich. Es ist der perfekte Rahmen für ein ausgiebiges Frühstück - nach Belieben auf der Picknickdecke oder den Bänken und Tischen der Grillstelle.

Grillwurst als Belohnung

Nach der Pause geht es abwärts: auf einem Pfad durch den Wald hinab Richtung Neckartal, das man eben noch aus heroischer Position bewundert hat. Unten trifft er wieder auf den Hinweg zur Margarethenschlucht. So ist kurz darauf der Bahnhof erreicht, wo der Ausflug nach einem halben Tag enden könnte. Könnte. Denn wer Zeit im Gepäck hat und Lust aufs Wandern wie ein guter Müller, der geht einfach weiter, dem grünen, auf dem Kopf stehenden Wanderzeichen "T" hinterher. Das führt aus Neckargerach hinaus und, zunächst auf einem Forstweg, dann auf einem Pfad, durch das Seebachtal zum Waldsee. Kaum 30 Minuten braucht man bei gemütlichem Schritt für die Strecke. Die Sonne war dennoch schneller und erwartet zur Mittagszeit bereits die Wanderer. Es ist nicht auszuschließen, dass andere Ausflügler dasselbe Ziel haben, zumal auch eine Straße hierher führt. Doch an diesem Tag schwimmt nur ein Entenpaar auf dem dunklen Wasserspiegel, und eine einsame Gans schaut den beiden hinterher. Während im Hintergrund ein wilder kleiner Bach lustig-munter ins Tal stolpert, heißt es nun Feuer machen. Der sattgrüne Rasen ist frisch gemäht, Grillhütte und Feuerstelle sind sauber geputzt: Noch eine halbe Stunde, dann brutzeln die Würste auf dem Rost.

Ein guter Moment, sich noch einmal mit der Frage vom Morgen zu beschäftigen: Was ist Zeit? Gemessen an unserem kurzen Aufenthalt auf dieser Erde und mit Blick auf diesen Tag, diesen abermals winzigen Ausschnitt daraus, vielleicht schlichtweg etwas, das besonders dann schön ist, wenn man nicht darauf achten muss. Wenn man wie in der Margarethenschlucht ganz und gar im wilden, wunderbaren Hier und Jetzt aufgeht.

Buchtipp

Die Tour durch die Margarethenschlucht bei Neckargerach ist eines von 20 Rendezvous mit der Natur (im Umkreis von eineinhalb Fahrstunden rund um Heilbronn) aus dem Stimme-Buch "Heimatverliebt" (192

Seiten, 19,90 Euro).

Es ist aktuell unter www.stimmeshop.de erhältlich sowie unter Telefon 07131 615-625.

Zur wilden Margarethe
Zur wilden Margarethe

Herrlicher Blick vom Gickelfelsen: Tief unterhalb fließt der Neckar in einem weiten dunklen Bogen durchs Tal.

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Grillen oder Vespern? Auf der Tour ist beides möglich.

Zur wilden Margarethe

Ein bisschen Zauberwaldstimmung gibt es beim Laufen auch dazu.

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Wer mag, kann auch einen Abstecher zum Felsenpfad machen.

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Die Margarethenschlucht zählt zu den höchsten Wasserfällen Deutschlands. Der Flursbach fällt 110 Meter und über acht Wasserfallstufen hinab ins Tal. Foto: kraichgaufoto/stock.adobe.com


Andreas Tschürtz

Andreas Tschürtz

Autor

Andreas Tschürtz ist Kinder- und Jugendredakteur im Ressort Leben und Freizeit. Er ist verantwortlich für die Projekte Zeitung im Kindergarten (Ziki) und Zeitung in der Grundschule (Zig). 

Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin vor allem um die Reiseseiten sowie den Bereich Essen & Genießen.

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