Wo der Wald zum schönsten Bett wird

Füssen  Eine Chance für sich selbst: Auf Achtsamkeitswanderung durch Füssens Natur.

Von Stefanie Sapara
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Wo der Wald zum schönsten Bett wird

Der Himmel ist weit weg... Oder doch nicht? Ich bin etwas unentschlossen, wie ich da in meinem weichen Blätterbett liege. Der Tag ist trüb, auch nicht besonders warm. Und trotzdem möchte ich gerade nirgends lieber sein als genau hier. Im Wald bei Bad Faulenbach, einem Ortsteil Füssens, auf dem Boden liegend und nichts anderes zur Aufgabe habend, als gedankenverloren in den Himmel zu sehen. Ich gebe zu: Die ersten Minuten fühlten sich etwas befremdlich an auf dieser dünnen Alu-Decke, mitten im Spätherbst auf dem kalten Waldboden, abseits der Wege, in einem Meer aus raschelnden Blättern. Dann aber legte sich eine große Ruhe über diesen Wald. Und irgendwie auch: über mich. Die Anspannung ließ nach. Das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen. Tatsächlich reicht es jetzt, einfach nur zu liegen. Und zu überlegen, wieso der Himmel mir so unglaublich nah ist.

Ruth Wechner tut es schließlich vorsichtig und mit Bedacht, aber sie tut es: mich aus meinen Himmel-Blätterbett-Tagträumen zurück ins Hier und Jetzt holen. Sind mir die Augen zugefallen? Die Wanderführerin schmunzelt. Sie weiß: Was für viele Gäste, die mit ihr in Füssen zum Waldbaden aufbrechen, zunächst befremdlich ist, endet sehr zuverlässig mit einem wohligen Gefühl.

Gut fürs Immunsystem

Waldbaden. Was ist das eigentlich? Wirklich nur ein Spaziergang zwischen Bäumen? Einerseits: Ja. Andererseits: Nein. Es ist mehr. Offenbar bedarf es zunächst tatsächlich eines trendigen Namens, um eine urnatürliche Sache wieder mehr ins Bewusstsein von uns eingetakteten, uns gerne selbst hinterher jagenden Menschen zu bringen. In Japan - von dort kommt der Begriff - ist Shinrinyoku, zu deutsch Waldbaden, längst eine anerkannte Stress-Management-Methode. Weil die ätherischen Öle der Bäume unser Immunsystem stärken. Außerdem produziert der Körper aufgrund der in der Waldluft enthaltenen Terpene verstärkt sogenannte Killerzellen, und die sollen gegen Krebs wirken, wie Ruth Wechner, die regelmäßig geführte Wanderungen rund um Füssen anbietet, erzählt.

Waldbaden - oder wie es Füssen Tourismus lieber bezeichnet: Achtsamkeitswandern - biete sie nicht deshalb an, weil es modern ist. "Sondern weil ich dahinterstehe. Weil man aus dem Kopf raus- und in die Natur reinkommen kann. Die Gedanken gehen weg vom Alltag. Und jede kleine Pause, die man dem Kopf verschafft, tut ihm gut."

Selbstverständlich kann jeder für sich alleine in den Wald gehen. Dennoch haben wir Menschen offenbar verlernt, ihn richtig wahrzunehmen. Das Handy stets in der Hand, die Gedanken bei der Arbeit, aber schnell einen Spaziergang, den wollte man ja doch noch machen. Was daraus wird? Häufig ein Marsch durch den Wald, bei dem man körperlich an-, aber geistig abwesend ist. Genau da setzt Waldbaden an. "Waldbaden", sagt Ruth Wechner, "heißt einfach: da sein."

Das "einfach" ist aber gar nicht so leicht umzusetzen. Beim Wandern funktioniere ich zielorientiert: ab auf die Spitze. Entspannen kann ich oben - wenn das Ziel erreicht ist. Strammen Schrittes marschiere ich also vom Parkplatz in Bad Faulenbach los in Richtung Wald. Ruth Wechner lächelt. Ich scheine genau die richtige Zielgruppe zu sein.

"Wir gehen langsam." Langsam? Langsam. "Achten Sie mal auf alles Grüne um sich herum." Naja, denke ich. Wir sind im Wald. Da ist naturgemäß viel Grün. Aber gut. Schritttempo raus und die Augen bewusst auf das Links und Rechts gerichtet. Ich laufe und laufe und denke ein paar Mal: Wird das was? Moos, Gräser, Tannenzweige. Alles grün. Aber alles ist anders grün. Mal buschig, mal glatt, mal hell, mal dunkel, mal weich, mal borstig. Denn auch Anfassen ist beim Waldbaden Programm. Ich bleibe stehen, knie, fühle, rieche. Viele Spaziergänger ziehen - strammen Wanderschrittes - an uns vorbei. Die ersten beneide ich noch ein wenig. Ich würde ja auch gerne so flott... Aber die ruhige Art von Ruth Wechner macht auch mich ruhig. Ich fange an, mich zu entspannen. Ein kleines Moosbüschel zwischen den Fingern streichelnd, laufen wir weiter.

Eintauchen in die Umgebung

Wo der Wald zum schönsten Bett wird

Immer weiter geht es in den Wald hinein. Vier Stunden sind wir so unterwegs. Es wird mir hinterher viel kürzer vorkommen. Immer mehr nehme ich meine Umgebung wahr: die hohen Tannen, dahinter die beginnende Alpenlandschaft; die gefärbten Blätter der Laubbäume; das Rascheln unter den warm eingepackten Füßen. Manchmal laufen wir einfach schweigend. Doch immer wieder baut Ruth Wechner kleine Achtsamkeitsübungen in unseren Weg mit ein. Wir suchen Holzstücke und Zweige und legen daraus Bilder auf den moosigen Boden.

Auf einer Waldlichtung holt Ruth Wechner ein paar Haselnüsse aus der Tasche. "Für die Eichhörnchen", sagt sie. "Ist ein kleines Ritual." Ich möchte ein Foto machen und verschicken, greife schon in die Jackentasche. Aber die ist leer. Natürlich. Das Handy ist ja im Rucksack verstaut. Ausgeschaltet. So wie es Ruth Wechner noch vor unserem Start empfohlen hat. Also ein Foto mit der Kamera. Klar. Es reicht, wenn ich das Bild später zeige. Es hat bis dahin nichts von seiner Schönheit verloren.

Loslassen. Ich muss mich immer wieder ein wenig selbst ermahnen. Ruth Wechner weiß, dass es so ist. "Je öfter ich das mache", sagt sie, "umso leichter fällt es mir, den Blick für die Natur zu öffnen." Wenn man den Bezug dazu so gar nicht mehr habe, könne eine geführte Waldwanderung im Urlaub zeigen, was möglich ist. Das Erlebte nehme man dann mit nach Hause - und kann den Wald vor der eigenen Haustür wieder wertschätzen. Ob das dann am besten ein Laub- oder Kiefernwald ist, müsse jeder für sich selbst herausfinden. "Es ist schon ein Unterschied, aber man spürt schnell, wo man sich am wohlsten fühlt."

Duft nach Moos und Harz

Wo der Wald zum schönsten Bett wird

Langsam schlendern wir weiter, bauen kleine Steinmännchen, stapfen durch Blätterberge. Ich spüre: Wer langsam geht, leise und mit ruhigem Atem, der nimmt auch Gerüche anders wahr. Und Geräusche! Klare Bergluft, intensiver Moos- oder frischer Harzgeruch, Vogelzwitschern und Rascheln im Unterholz. "Stehen und lauschen", das ist auch so etwas, das man immer wieder tun kann", sagt Ruth Wechner. Dann verlässt sie den Waldweg und läuft mit mir ein paar Meter den Hang hinauf. Noch ehe das Stadtkind in tieferes Grübeln verfallen kann, was wir hier abseits des gesicherten Pfades wohl wollen, holt sie zwei dünne Isomatten aus dem Rucksack und breitet sie über einer laubbedeckten Kuhle auf dem Waldboden aus. "Also dann: Legen wir uns hin", sagt sie und strahlt mich an. Machen wir. Ich sehe nach oben. Der Himmel ist weit weg. Oder doch nicht...?

 

Weitere Infos

www.allgaeu.de/achtsamkeit


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