Weil's nach der Wiesn noch viel schöner ist

Kulturherbst und Kulinarik: Es ist ziemlich clever, München erst zu bereisen, wenn die Oktoberfestgäste längst wieder weg sind

Von Stefanie Sapara

Weil's nach der Wiesn noch viel schöner ist

Prisca Zeisel tanzt fürs Bayerische Staatsballett als Solistin. Foto: Wilfried Hösl

Hamburg ohne Musicals, Berlin ohne deutsche Geschichte und Nürnberg ohne Lebkuchen - das alles wäre in etwa so wie München ohne die Wiesn. Die Münchner lieben sie. Und viele andere zwischen Australien und Amerika tun es ebenso. 6,3 Millionen Gäste kamen so in diesem Jahr zusammen. Aber selbst der bayerische Kalender hat nunmal nicht nur 14, sondern 365 Tage. Was unterm Strich 50 Wochen macht, in denen sich ein Blick hinter die Bierfest-Fassade werfen lässt.

Kulturherbst mit vielen Angeboten

Und dort ist es bunt! Nicht nur im Kulturherbst, der sich in der Zeit zwischen Oktoberfest und Christkindelmarkt einen Namen gemacht hat - aber doch besonders auch dann. Dass der Schwerpunkt in diesem Jahr auf "Starken Frauen" liegt, heißt nicht, dass die Männer außen vor sind. Vielmehr, dass es eine Freude ist, einfach mal einen besonderen Blick auf jene weiblichen Köpfe zu werfen, die eine Stadt wie München durch viel persönliches Engagement prägen und ihr damit ein äußerst sympathisches Gesicht verleihen.

Ins Ballett

Prisca Zeisel zum Beispiel. Ihr Auftreten? Freundlich, aber zurückhaltend. In weiten Jeans und dicken Turnschuhen erspäht man die 23-Jährige, wie sie am Münchner Platzl durch eine schmale Tür ins Probenhaus des Bayerischen Staatsballetts huscht. Aktuell tanzt die Österreicherin die Betsy in "Anna Karenina". Dass sie schon viele Preise gewonnen hat, lächelt sie bescheiden weg. Acht Stunden am Tag trägt sie Spitzenschuhe - ein Leben für den Tanz. Auszeiten? Wieder lächelt Prisca Zeisel. "Es ist ein sehr physischer Beruf, zu lange Pausen tun nicht gut. Die Stange ist für uns wie für andere ein Kaffee. Sie gehört dazu." Und wie sie es sagt, klingt das so gar nicht verbissen, sondern schlichtweg: zufrieden.

Leben für den Tanz

Dass der Tanz ihr Lebensinhalt ist, erlebt man live, als eine vollends verwandelte Prisca Zeisel abends im ausverkauften Nationaltheater ihren Auftritt hat. Vom unscheinbaren Mädchen zur Primaballerina - selbstbewusst und strahlend, stolz und anmutig. Passend zu einem Theater voller Glanz und Klasse, in dem in dieser Saison 65 Tänzer aus 22 Nationen dafür sorgen, dass nahezu jede Vorstellung ausverkauft ist.

Stille Ecken

So wie Prisca Zeisel ihr Leben dem Tanz verschrieben hat, hat es Mirjam Brandt der Historie. Selbst bei der Restaurierung beteiligt, führt sie heute Gruppen durch den erst kürzlich wieder eröffneten Königsbau der Residenz - mehr als 400 Jahre war sie Wohn- und Regierungssitz der bayerischen Herzöge, Kurfürsten und Könige. Was man sieht, geht weit über Porzellan hinaus: Es zeigt sich die Liebe Ludwigs I. zu Kunst und Pracht - die Residenz zählt heute zu den bedeutendsten Raumkunstmuseen in Europa.

Residenz: Königsbau neu eröffnet

Direkt neben dem Nationaltheater liegt die Schlossanlage - und damit im Herzen Münchens. Auch das macht die Großstadt so sympathisch: U-, S- und Straßenbahnen gibt es an jeder Ecke. Man braucht sie aber nicht unbedingt - weil viele Kunst-, Kultur- und kulinarische Schmankerl ganz nah beieinanderliegen und sich eine Stadt zu Fuß ohnehin viel besser erleben und riechen und spüren lässt.

Stillere Winkel

Und man findet so hübsche Ecken dabei: Stillere Winkel in den Parkanlagen ebenso wie prominentere Orte. Zum Beispiel das alteingesessene Café Luitpold mit seiner feinen Pâtisserie, aber auch den Viktualienmarkt. Wer die frühen Morgenstunden nutzt, erlebt hier eine ganz herrliche Atmosphäre - mit Obst-Händlern, die ihre Stände mit Ware bestücken, Bäckern, die ihre Auslagen mit herrlichen Törtchen und bayerischen Brezeln füllen, und Floristen, die mit ihren Blumen ebenfalls für ganz viel Farbe auf diesem alten, bei Einheimischen wie Touristen so beliebten Markt sorgen. Und ganz in Ruhe kann man zusehen, wie die Stadt erwacht, die Sonne sich langsam über die Dächer arbeitet und schließlich Rathaus und Theatinerkirche freundlich anstrahlt.

Große Galeristen-Szene

Ein neuer Tag mit viel Zeit, sich noch einmal Kunst und Kultur zu widmen. Zum Beispiel in einer der vielen Galerien. Beginnend in den 1980er Jahren hat sich in München eine breite Szene entwickelt - "aus Neugierde und Interesse, nicht aus kommerziellen Gründen", wie Gudrun Spielvogel erzählt. Einen langen Atem brauche man in dem Metier, Konkurrenz und Druck seien groß. Dennoch widmet sich die Galeristin, die auch im Vorstand der Initiative Münchner Galerien sitzt, seit Jahrzehnten mit Leidenschaft dem Thema. "München bietet geballte Kunst, das ist ein Privileg", sagt Spielvogel. Alte und neue Pinakothek, Lenbachhaus, Pinakothek der Moderne, Philharmonie, Prinzregenten- und Nationaltheater sowie unzählige Museen und Galerien: "Das geht doch weit über das Bayernbild mit Lederhose und Weißwurst hinaus."

Kulinarik von Leberkäs bis Sterneküche

Tut es. Aber apropos Weißwurst. Hungrig macht so ein Städte-Programm ja doch. Glücklicherweise gibt es kaum bessere Orte als München, um einem knurrenden Magen Gehör zu schenken - zum Beispiel mit Leberkäs oder Henderl im Biergarten. Dazu eine frisch gezapfte kühle Maß - bayerisches Lebensgefühl unterm weiß-blauen Herbst-Himmel ist inklusive. Doch selbst, wenn der grau ist, ist etwa das Areal der Haberl-Gastronomie rund um den Chinesischen Turm niemals leer. "Das Wetter ist eigentlich egal. Irgendjemand verirrt sich immer hierher", sagt Josefine Hafner und lacht. Vor allem, wenn auf dem Turm die Blasmusik spielt. Bayern pur ist das.

Junge bayerische Küche

Aber München wäre nicht München, wenn nicht auch mit Blick auf die Gastronomie von allem etwas dabei wäre. Wer sich etwas Besonderes gönnen will, isst bei Meike Menzel im Restaurant Schwarzreiter in der Maximilianstraße. Die zurückhaltende wie ambitionierte 29-Jährige hat erst im August die Leitung des renommierten Hotel-Restaurants übernommen. Wenn Ende Februar die Michelin-Sterne für 2019 vergeben werden, möchte die Küchenchefin gerne erste Sterneköchin Münchens sein. "Young Bavarian Cuisine" ist ihr Motto in dem stylischen und doch unaufgeregt-gemütlichen Restaurant. Wer mag, bleibt nach dem Essen direkt an Ort und Stelle: Das Schwarzreiter ist Teil des Kempinski-Hotels Vier Jahreszeiten - ein Haus mit reicher Geschichte. Exklusiv und edel geht es hier zu. Und doch: heimelig. Zum Nationaltheater läuft man nur ein paar Meter. Übrigens auch zum Hofbräuhaus. Für alle, die in den 50 Wiesn freien Wochen doch ein kleines bisschen zünftige Oktoberfest-Luft schnuppern möchten.

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Weil's nach der Wiesn noch viel schöner ist

Der Königsbau der Münchner Residenz wurde erst kürzlich umfangreich restauriert und kann nun wieder besucht werden. Fotos: München Tourismus

Weil's nach der Wiesn noch viel schöner ist

"Young Bavarian Cuisine" ist das Motto im Restaurant Schwarzreiter. Foto: Schwarzreiter

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