Stadt, Land, Schlucht: Eine Reise durch Taiwans Osten

Reise  Portugiesische Seefahrer nannten Taiwan einst Ilha Formosa - die schöne Insel. Eine Fahrt entlang der Ostküste macht deutlich, warum.

Von Alexander Hettich
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Stadt, Land, Schlucht: Eine Reise durch Taiwans Osten

Made in Taiwan ist eine Marke. Bekannt ist die Insel in Fernost vor allem als Hightech-Standort und als politischer Zankapfel. Taiwan ist eine demokratische Republik, Peking betrachtet die Insel als Teil Chinas. Von den Spannungen bekommt der Urlauber wenig mit. Eine Reise entlang der Ostküste zeigt vor allem die landschaftliche Vielfalt der Insel, die ideal geeignet ist für Outdoor-Abenteuer.

Hart am Felsen entlang

Stadt, Land, Schlucht: Eine Reise durch Taiwans Osten

Dorf Jiufen in Nord-Taiwan: Ein beliebtes Streetfood-Gericht heißt Stinkender Tofu. Der strenge Duft wabert durch die engen Gassen vieler Orte.

"Bei Höhenangst lieber meiden", hieß es unten auf einem Schild. Wer keine Höhenangst hat, bekommt sie hier. Der Pfad ist vielleicht einen Meter breit, rechts steigt die Felswand senkrecht auf, links geht es mehrere Hundert Meter in die Schlucht, die der Fluss Liwu aus den Marmorfelsen gefräst hat. Nur ein Stahlseil an der Wand gibt Halt. Das Panorama ist famos. Die Zhuilu Old Road ist eine der Hauptattraktionen des Taroko-Nationalparks, der wiederum Taiwans Touristenziel Nummer eins darstellt. Was heute ein Wanderweg mit Adrenalin-Garantie ist, war einst Verkehrsroute, von Ureinwohnern als 30 Zentimeter breite Kante aus dem Stein gehauen. Die Japaner ließen den Weg während ihrer Besatzungszeit ab 1917 verbreitern. Wer hier herauf will, braucht eine Erlaubnis der Parkverwaltung. Nur 100 Wanderer am Tag dürfen auf den Weg, der mit einer Hängebrücke über die Schlucht beginnt. Nach etwa vier Kilometer machen die Wanderer kehrt. Ein Erdbeben hat einen Teil der Strecke unpassierbar gemacht.

Der Taroko-Nationalpark taugt allein für einen Urlaub mit seiner Vielzahl an Wanderwegen. Einsam ist man hier freilich selten. Je einfacher der Weg, desto größer die Besuchermenge. Berühmt ist der kurze Marsch zur Schwalbengrotte, wo ein Aussichtspunkt beste Fotos von der marmornen Schlucht garantiert. Vielen gilt sie als eines der größten Naturwunder Asiens.

Heiße Quellen: Oase im Gebirge

Stadt, Land, Schlucht: Eine Reise durch Taiwans Osten

Wahrzeichen der Hauptstadt: Taipeh 101 war einige Jahre lang der höchste Wolkenkratzer der Welt. Einer der schönsten ist er heute noch.

Die Lage an der Bruchlinie zwischen zwei tektonischen Platten bringt Taiwan stete Gefahr durch Erdbeben, beschert der Insel aber auch einzigartige Naturschönheiten wie die Vulkanlandschaften oder die heißen Quellen, die überall im Land Entspannung versprechen. Mal sind sie einfach zugänglich wie Hallenbäder, mal ist der Weg zur Quelle schon ein Abenteuer. Das gilt insbesondere für die Lisong Hot Spring nahe dem Dorf Wulu im Südosten Taiwans.

In seinem Hostel am sogenannten Cross-Island Highway erwartet Chio Quio Yongfu die Reisegruppe. Chio ist 60, sieht aus wie 40 und gehört zum Ureinwohner-Stamm der Bunun, die auch als "Sherpas Taiwans" bekannt sind. Mit dem Pick-up geht es bis zum Beginn des Wanderweges, wo Hunderte Paar Arbeitshandschuhe auf Pfähle drapiert sind. Schnell wird klar, warum. Lisong liegt tief versteckt in einer atemberaubenden Schlucht. An Seilen hangeln sich die Wanderer steile Wände hinab, am Schluss geht es durch das hüfthohe, eiskalte Wasser eines Gebirgsflusses bis zur Quelle, wo 38 Grad heißes Wasser über von Mineralien bunt gefärbte Felsen plätschert. Gebadet wird in Gesteinsmulden, die das Wasser geformt hat. "Vor allem chinesische Touristen kommen hier her", erzählt Chio, der wie viele Nachkommen der Bunun-Ureinwohner im Fremdenverkehr ein Auskommen gefunden hat.

Stadt, Land, Schlucht: Eine Reise durch Taiwans Osten

Blick über ein Tempeldach auf die zerklüftete Ostküste: Steil fällt die Landschaft zum Pazifik hin ab. Taiwans Berge ragen bis fast 4000 Meter auf.

Hier in den Bergen scheint die Millionenmetropole Taipeh weit weg. Doch Taiwan ist kompakt, Straßen und Bahn sind gut ausgebaut. Die Hauptstadt lohnt locker ein paar Tage Aufenthalt, nicht nur wegen der Top-Sehenswürdigkeiten wie dem Taipeh 101, der einige Jahre lang der höchste Wolkenkratzer der Welt war. Einer der schönsten ist er bis heute. Für Feinschmecker ist Taipeh ein Paradies, hier kann man Spezialitäten aller chinesischer Regionalküchen kosten. Leckereien gibt es auf farbenfrohen Nachtmärkten, die Straßen zu kleinen Volksfesten machen. Wer sich traut, versucht eine besondere taiwanische Spezialität: Stinkender Tofu ist eine Streetfood-Legende und duftet genauso, wie er heißt.

Kompakt und vielfältig

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Wer der Stadt überdrüssig ist, hat es nicht weit aufs Land. Die Thermalquellenstadt Beitu ist mit der Metro erreichbar. Hier muss keiner klettern, um sich ins warme Wasser sinken zu lassen. Schon die Japaner schwörten auf die Badehäuser von Beitu. Eine Busfahrt ist es von der Hauptstadt in den Nationalpark Yangminshan, wo entlang der Wanderwege schwefliger Rauch aus dem Vulkansgestein aufsteigt. Südöstlich von Taipeh liegt die ehemalige Minenregion Pingxi, erschlossen von kleinen Straßen und einer Schmalspurbahn, die früher dem Kohletransport diente.

Heute kommen die Touristen zu Wanderungen durch den Urwald, etwa zum berühmten Sandiaoling-Wasserfall. Stadt, Land, Schlucht: Sie hat einiges zu bieten, die Ilha Formosa. Recht hatten sie, die portugiesischen Seefahrer.


Praktische Tipps

China Airlines bietet Direktflüge zwischen Frankfurt und Taipeh. Lufthansa und Partner-Airlines fliegen von Deutschland mit Zwischenstopp nach Taipeh, die taiwanische Airline Eva über Amsterdam, Wien oder Paris, Turkish Airlines über Istanbul. Preis starten bei etwa 800 Euro. Informationen zum Taroko-Nationalpark und zu Wandererlaubnissen auf www.taroko.gov.tw. Das Hotel Silks Place (taroko.silksplace.com) ist komfortabler Ausgangspunkt für Wanderungen. Wer die schwer zugänglichen Lisong Hot Spring erkunden will, wendet sich am besten an einen Bergführer. Im Xiama Homestay (Telefon 089 935086) wird Englisch gesprochen.

 

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