Schwedens Natur intensiv erleben

Reisen  Slow Travel statt Touristenattraktionen in der Region Östergötland im Süden des Landes

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Schwedens Natur intensiv erleben

Ombergs Turisthotell ist wie die meisten Häuser in Schweden noch in klassischem Kupferrot gestrichen.

Es gibt Kindheitsträume, die vergisst man komplett − bis man plötzlich vor ihnen steht. Eine lange Treppe führt hoch in die Baumwipfel, und zwischen grünen Blättern und Zweigen liegt es: das Baumhaus. Eine Übernachtung mitten im Wald, das ist auch für Erwachsene ein echtes Abenteuer. Zumal das kleine Häuschen ohne Elektrizität und Internet auskommt. Warm wird es durch den eingebauten Holzofen, für Licht sorgt eine Öllampe. Es gibt keine Ablenkung, alle Sinne kommen zur Ruhe.

Walderemitage nennen Förster Håkan Strotz und Biologin Ulrika Krynitz das Gebiet, das sie hier angrenzend an ihre Farm mit dem Namen Urnatur geschaffen haben. Zehn selbstgebaute Hütten hat Strotz direkt auf den Waldboden oder hoch in die Bäume gezimmert. Der Aufenthalt ist ein Erlebnis. Das Rascheln der Bäume, die Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut − seine Umgebung bewusst zu erleben, das gelingt besonders in der Natur. Slow Travel wird diese Art des Reisens genannt. Es ist das Gegenkonzept zum von-einer-Touristenattraktion-zur-nächsten-hetzen.

Lässt sich der Besucher darauf ein, nimmt er alles um sich herum viel intensiver wahr. Steigt er zur Mittsommerzeit in Schweden aus dem Flugzeug, fällt sofort auf: Das Licht ist anders. Alles wirkt gestochen scharf, die Grüntöne so, als hätte einer am Bildschirm die Farbsättigung aufgedreht. Nachts wird es nicht richtig dunkel, dafür sind die Sonnenuntergänge traumhaft.

Artenreichtum

Nicht nur Flora, auch Fauna ist hier besonders vielfältig vertreten. Im Naturschutzgebiet um den See Tåkern ist es laut. Wer morgens nur ab und zu mal eine Amsel zwitschern hört, wird sich wundern, welche Stimmgewalt Vögel entwickeln können. 287 verschiedene Arten gibt es hier, darunter Lachmöwen, Schafstelzen und Tausende von Saatgänsen, die im Herbst hier eine Pause einlegen. Seit über einem Jahrhundert ist Tåkern als der See der Vögel bekannt. Beschrieben hat die Landschaft schon Selma Lagerlöf, Autorin von "Die wundersame Reise des Nils Holgersson". Kein Wunder, dass hier oft schwedische Schulklassen vorbeikommen, um im Naturum Tåkern, dem reetgedeckten Besucherzentrum, mehr über Pflanzen und Tiere zu lernen. Dabei ist der Eintritt kostenfrei, eine Führung kostet für Kinder umgerechnet drei Euro.

Nach den vielen Eindrücken ist es Zeit für eine Pause, Fika auf Schwedisch. Sich täglich die Zeit zu nehmen, sich mit den Kollegen zu unterhalten und zusammen einen Kaffee und etwas Süßes zu genießen, ist für Schweden ein wichtiges Ritual und Teil der Kultur. Die leckersten Köstlichkeiten dafür finden sich bei der Centralkonditori in Väderstadt. Hier gibt es Klassiker wie die Kanelbullar, die schwedische Zimtschnecke, in allen Variationen. Geheimtipp: Besonders lecker ist die Variante mit Pistazien. Sogar der White Guide, ein schwedischer Gourmetführer, empfiehlt die Bäckerei.

Wer sich neben dem leiblichen auch um sein seelisches Wohl kümmern will, begibt sich nach Vadstena, etwa zehn Kilometer vom See Tåkern entfernt. Die Stadt mit der im 14. Jahrhundert nach einer Zeichnung der Heiligen Birgitta erbauten Klosterkirche ist das geistliche Zentrum der Region. Hierher pilgern die Besucher seit Kurzem nicht nur zu Fuß, sondern auch mit dem Fahrrad. Religiös müssen die Teilnehmer dafür nicht unbedingt sein, findet Eva Hagström vom Pilgerzentrum in Vadstena. Sie sieht Pilgern eher als Werkzeug zur Besinnung und zum bewussten Erleben. Wer will, kann einfach die Landschaft genießen und die Gedanken treiben lassen.

Eine von Schwedens artenreichsten Waldlandschaften befindet sich am Vätternsee, dem mit einer Länge von 135 Kilometern zweitgrößten See Schwedens. Im angrenzenden Ökopark um den Berg Omberg wachsen 25 verschiedene Arten von Bäumen. Der Wanderweg durch den Wald führt zu einer Aussichtsplattform am Hjässan, dem höchsten Punkt des Berges. Von hier überblickt man den See und das Umland.

Wenn man von oben auf die Region Östergötland im Süden von Schweden schaut, sieht man vor allem Wald und viele Seen. Dazwischen leuchten gelbe Rapsfelder und vereinzelt liegen Häuser und kleine Ortschaften. Die charakteristische Farbe der roten Häuser ist ein Abfallprodukt bei der Kupferherstellung. Häuser aus roten Ziegeln waren ein Statussymbol, das für die weniger wohlhabenden Schweden unerschwinglich war. Um dem näher zu kommen, begannen sie ihre Holzhäuser rot zu streichen, erklärt Hanna Nord von Visit Östergötland. Auch Ombergs Turisthotell am Fuße des Berges hat den klassischen roten Anstrich. Nach einer Wanderung durch den Ökopark Omberg, bietet es sich an hier für ein Mittagessen einzukehren. Die Küche verwendet hauptsächlich regionale Zutaten, der Fisch stammt beispielsweise aus dem Vättern-See.

Nachdenklich

Wer reist, will andere Länder kennen lernen. Manchmal passiert es dabei auch, dass man sich selbst besser kennen lernt. Aus der Reise nach Schweden bleibt auch die Erinnerung an einen Spaziergang durch den dunklen Wald und eine Diskussion über die Frage: "Was würde dir hier wirklich fehlen?"

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Ein Bett in den Baumwipfeln − wer die schwedische Natur hautnah erleben will, übernachtet hier.

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So lässt sich der Abend genießen: in der Sauna aufwärmen, zum Abkühlen ein Sprung in den kalten See − spektakulärer Sonnenuntergang inklusive.


Mielke

Henrike Mielke

Volontärin

Henrike Mielke ist seit Oktober 2018 Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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