Paznauntal ist Traumziel der Freerider

Ischgl/Galtür  Lawinenwall und Alpinarium im Tal, Pieps und Lawinenairbag am Berg. 20 Jahre nach der großen Lawine in Galtür wird Sicherheit groß geschrieben.

Von Yvonne Tscherwitschke
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Paznauntal ist Traumziel der Freerider

Wohin des Weges? Die Guides kennen sichere Hänge. Fotos: Stefanie Knoll

Es war am 23. Februar 1999, als eine mächtige Lawine in Galtür 31 Menschen unter sich begrub. Das hat das Dorf am Ende des Paznauntals, in dem schon Hemingway zum Skifahren war und ich meine ersten Pflugbögen fuhr, nachhaltig verändert. Erst Jahre später, als längst hohe Schutzmauern und Alpinarium standen, kam ich zurück. Seither sind die trutzigen Mauern Jahr für Jahr Versprechen und Warnung. Das Versprechen, mit Kontrollen und Schutzbauten alles Menschenmögliche zu tun, aber auch die Warnung, dass die Natur so unberechenbar wie faszinierend ist.

20 Jahre danach

20 Jahre später schneit es wieder tagelang. Die Lawinenwarnstufe klettert auf Level fünf der fünfstelligen Skala. "Das Telefon klingelt ständig", sagt Andreas Steibl. Als Geschäftsführer vom Tourismusverband Paznaun-Ischgl ist er für das gesamte Tal zuständig. Die Straße nach Galtür war einige Tage gesperrt. "Aber nur wegen Schneeverwehungen", relativieren die dortigen Gastronomen. Das sei nicht schlimm.

Sicher abseits mit Guide

Trotzdem vielleicht nicht die besten Voraussetzungen, um Freeriden zu gehen, also abseits der Pisten im tiefen Schnee zu fahren. Stefan Siegele, seit 20 Jahren Bergführer und Skilehrer bei der Skischule Ischgl zerstreut die Bedenken: "Die Wetterlage hat sich beruhigt. Die Lawinenwarnstufe ist wieder gesunken." Im Vergleich zum Allgäu sei in Ischgl auch gar nicht so viel Schnee gefallen. "Aber natürlich muss man vorsichtig sein", sagt Siegele.

Lawinenairbag muss mit

Das bedeutet: Für jeden gibt es erst einmal einen Rucksack mit Lawinenairbag, Pieps, Sonde und Schaufel. Und natürlich wird ausführlich erklärt, wie die Dinge im Ernstfall zu handhaben sind. Alle waren wir schon auf Skitouren. So wissen wir, auf welcher Position der Pieps sendet und wie im Fall der Fälle auf Suchen umgestellt wird. Wir wissen in der Theorie, wie mit der langen Sonde nach eventuell Verschütteten gesucht und dann gegraben wird. Also kann es gleich losgehen. Nacheinander passieren wir Guide Stefan, der so prüft, ob auch alle Geräte korrekt eingeschaltet sind.

Tolle Technik

Ob das was wird mit den langen, breiten, schweren Latten? Unsere Blicke sind äußerst skeptisch. "So schwimmen sie im Tiefschnee gut auf", erklärt Stefan Siegele den Fischer Ranger, den wir fahren. Vorteile im Gelände, unter denen die Performance auf der Piste leide, gibt er uns zur Warnung mit auf die zum Glück dank des vielen Neuschnees griffige Piste. Denn tatsächlich ist der Kantengriff der breiten Latten eine eher vernachlässigbare Größe und der lange nicht gebrauchte Schneepflug daher ab und an die sicherere Alternative.

Und schwupp

Die ersten Pistenmeter reichen Stefan Siegele, um das Können der kleinen Gruppe einzuschätzen. Und schon geht es - schwupp - über die Pistenbegrenzung ins Gelände. Hier hat der Wind den Schnee etwas verpustet. Eis statt Pulver lassen den Puls nach oben schnellen. Dann aber wird es weich, fluffig weich, einfach traumhaft weich. "Ski zusammen, damit eine große Auflagefläche entsteht", gibt Stefan Siegele mit auf die nächsten Schwünge. "Immer schön weich in die Kurve, nicht den Talski zu sehr belasten." Tatsächlich fühlen sich die nächsten Schwünge schon richtig gut an. Wenigstens so lange, wie der Rucksack nicht für zu viel Rückenlage sorgt. Das passiert immer wieder. Leider. Denn dann ist es vorbei mit den kontrollierten Schwüngen.

Unberührter Neuschnee

Mit Abstand ziehen wir unsere Spuren in den unberührten Neuschnee. Die kurzen Pausen nutzt Stefan Siegele, uns sein Wissen weiter zu geben. Und wir, um die qualmenden Oberschenkel abzukühlen. Er warnt vor Hängen mit mehr als 30 Grad Neigung. "Da wird es gefährlich." Schneewächten können abbrechen. Und Vorsicht bei Südhängen und viel Wind. Der Wind schleife die sechseckigen Schneekristalle zu runden Kügelchen, die weniger Halt haben. "So etwas rutscht leichter ab." Während er spricht, kommt einige Meter weiter unten eine Gruppe um die Hangkante. Stefan Siegele sagt nur: "Vorsicht!". Wir warten.

Vorsicht beim Queren

Dann queren wir den nächsten Hang. "Einzeln", weist Stefan Siegele an. Denn durch die Querung durchschneiden wir die Schneedecke. "Sollte etwas passieren, sind nicht alle verschüttet", erklärt unser Guide und fährt vor. Es geht so weit raus in das sanft kupierte Gelände, bis eine lange, sanft geneigte Abfahrt vor uns liegt. "Sucht euch eure Spur, es ist Platz genug", wünscht er uns viel Spaß auf den 750 Höhenmetern. Den haben wir auf jedem Meter hinab ins Fimba. Einfach herrlich! Und das bei diesem Panorama, bei dunkelblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Wir jauchzen und können unser Glück kaum fassen.

Mutig weiter

Auch dass es besser klappt als erwartet, macht Mut für die kommenden Hänge. Zuvor aber müssen wir das Tal über einen Winterwanderweg hinausstöckeln, um zur Piz Val Grondabahn zu kommen. Skitourengeher kommen uns entgegen, die zur Heidelberger Hütte wollen. "Bevor es die Bahn gab, musste man erst zur Hütte aufsteigen und konnte erst am nächsten Tag weiter", erklärt Stefan die Vorzüge der neuen Bahn. Das Gehen ohne Fell ist anstrengend. Aber so ist Zeit, den herrlichen Ausblick zu genießen und noch mehr von Stefan Siegele zu lernen, über die verschiedenen Arten von Schnee, die beste Zeit zum Freeriden, die schönsten Hänge, die häufigsten Fehler.

Nicht in Rückenlage

"Mehr Stockeinsatz. Schau, dass du deine Hände siehst", rät er mir beim nächsten Hang. Auf der Piste 32 sind wir in der ersten Kurve einfach geradeaus gefahren. Und haben nun wieder eine wunderschöne, fast unberührte Flanke vor uns. Tatsächlich fällt es mit den Händen vor dem Körper leichter, nicht in Rückenlage zu verfallen. Danke für den tollen Tipp! Allerdings: Nach fünf Stunden Tiefschneefahren und einem kapitalen Kopfsturz den Hang hinab, sind die Energiereserven aufgebraucht. Und der nächste Tag beginnt mit respektablem Muskelkater. Dafür warten aber im benachbarten Kappl wunderbar sanfte Hänge und viele Varianten gut einsehbar unter den Liften. Mit dem höchsten Punkt auf 2690 Metern steht Kappl Ischgl kaum nach. Dort kommt man auf 2872 Meter. Galtür, eigentlich höchstgelegener Ort im Tal, geht hoch bis 2300 Meter.

Wettbewerb in Kappl

In Kappl finden die Open Face Wettbewerbe statt. Die Wettbewerbsteilnehmer ziehen ihre Spuren in Hänge mit über 45 Grad Neigung, springen über Felsen, teils zehn Meter hoch. Gut sichtbar von fast allen Pisten im Gebiet. Allein die Vorstellung macht uns weiche Knie. Über Kuppen und Felsen springen, das ist ein Niveau, das wir in diesem Leben nicht mehr erreichen, sind wir uns einig. Muss man aber auch nicht.

Jede Chance nutzen

Stefanie Knoll (23) kann es noch schaffen. Sie arbeitet beim Tourismusverband in Ischgl und nutzt jede Chance, Freeriden zu gehen. "Dieses Hochtal ist auch im Sommer wunderschön", schwärmt sie von den Möglichkeiten in Ischgl. "Manchmal entdeckt man im Sommer tolle Hänge und denkt, da muss ich im Winter hin. Und manchmal ist es aber auch gerade anders herum."

Naturparadies

So denken zunehmend auch die Touristen und bevölkern das Paznauntal auch nach dem Abschlusskonzert. Dieses Jahr spielt am 30. April Lenny Kravitz. Die Konzerte, die über 20 000 Menschen auf den Berg locken, sind Partymacher Andy Steibl wichtig. Er freut sich auch, dass sein schönes Ischgl zunehmend nicht nur als Après-Ski-Kulisse wahrgenommen wird, sondern als Naturparadies für sportliche Gäste.

Paznauntal ist Traumziel der Freerider
Paznauntal ist Traumziel der Freerider
Paznauntal ist Traumziel der Freerider

Mit jedem Schwung gibt es mehr Sicherheit im ungewohnten Terrain. Ischgl bietet pistennah traumhafte Tiefschneehänge.

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