Mythos Zugspitze

Im Herbst ist ideale Zeit für Wandertouren. Ein Wochenende im der Zugspitzarena.

Von Man könnte es sich auch einfach machen und die Gondeln nutzen. Die erste Bahn wurde immerhin schon 1926 gebaut. Erst vor kurzem wurde ein neues Wunderwerk der Technik auf deutscher Seite eingeweiht. A
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Mythos Zugspitze

Der Gipfel mit dem goldenen Kreuz auf 2962 Metern Höhe. 2020 jährt sich die Erstbegehung zum 200. Mal.

Der Atem des Hintermanns geht keuchend. Mein eigener auch. Steil ist das Wegstück ab dem Schneefernerhaus. Und auf dem Schotter geht es gefühlt einen Schritt vor und zwei zurück. Trotz energischem Stockeinsatz kommt das Ziel, die Zugspitze mit ihren 2962 Metern, nur langsam näher. Durchhalten, gibt Bergführer Reini Spielmann die Devise für die nächste halbe Stunde aus. Dann, verspricht er, kommt toller Fels, seilversichert. Die letzte Etappe auf der Zwei-Tages-Tour zur Zugspitze, dem höchsten Berg Deutschlands.

Man könnte es sich auch einfach machen und die Gondeln nutzen. Die erste Bahn wurde immerhin schon 1926 gebaut. Erst vor kurzem wurde ein neues Wunderwerk der Technik auf deutscher Seite eingeweiht. Aber nein. Wir wollen es zu Fuß schaffen. Den ganzen Weg von Ehrwald hoch zum Gipfel. Komplett ohne Bahn. "Wenn man nur einen Tag Zeit hat, braucht man die Bahn", erklärt Reini Spielmann (39). Dann geht er mit seinen Gästen nur das mittlere Wegstück, das von der Ehrwalder Alm über das Gatterl bis zum Sonnalpin führt. Davor und danach spart die Bahn Zeit und Schweiß. Wir ersparen uns nur den Abstieg am nächsten Tag.

Denn wir haben Zeit und wollen jede Minute der herrlichen Herbstsonne genießen. Also geht es los durch die schattigen Wälder Ehrwalds. Noch sind die Wege breit und Spaziergänger unterwegs. Die leichtbeschuhten Sonntagsausflügler haben die Ehrwalder Alm zum Ziel. Leckere Kaspressknödelsuppe und eine Sonnenterrasse mit Livemusik und Kinderspielplatz warten hier.

Nach einer kurzen Stärkung geht es weiter. Nach dem ersten steilen Stück wird die Gegend sanfter. Die hohen Bäume werden von niedrigen Latschenkiefern und grünen Almen abgelöst. Kühe weiden. Die Schafe haben wegen der ersten Schneeflocken schon die windige Alm gegen den schützenden Stall getauscht. Gefeiert wird das mit der Schafsschoad auf dem Dorfplatz.

Fotomotiv Sonnenspitze

Mit jeden hundert Höhenmetern verändert sich die Landschaft und wird es ein Grad kälter. Reini macht auf die schönsten Gipfel aufmerksam. Dazu zählt die Zugspitze nicht. Sie ist eher flach und verbaut mit Bergstation, mit Gastronomie, mit Forschungseinrichtungen. Die Sonnenspitze dagegen reckt sich keck dem Himmel entgegen. Ein herrliches Fotomotiv. "Ich möchte gar nicht wissen, wie oft die Sonnenspitze als Zugspitze in den Fotoalben unserer Gäste klebt", sagt denn auch Birgit Linder vom Tourismusverband Tiroler Zugspitz Arena.

Obwohl der Gipfel der Zugspitze keine Schönheit ist, ist seine Besteigung Kult. Nicht allein wegen dem Zugspitzlauf, einer Laufveranstaltung, die 2008 wegen des plötzlich einsetzenden Schneefalls drei Todesopfer forderte. Die Zugspitze ist immerhin der höchste Berg Deutschlands. 2020 wird die Erstbesteigung vor 200 Jahren gefeiert.

Von österreichischer Seite aus muss man dazu über die Grenze, über das Gatterl. Lange standen hier Zöllner und kontrollierten, was von hier nach dort transportiert wurde, erklärt Reini. Die Zöllner sind Geschichte. Trotzdem fühlt es sich besonders an, das Gatterl auf 2024 Metern Höhe zu öffnen und deutschen Boden zu betreten. Die Gatterltour, sagt Reini, ist der schönste Weg auf die Zugspitze. "Das ist sehr abwechslungsreich." Wie oft er die Tour im Sommer geht? Reini lacht: "Oft." Selten aber ohne Bahn, meist nur als Tagestour. Längst sind die Wege schmaler geworden, die Umgebung hochalpin. Noch etwa eine Stunde Gehzeit ist es vom Gatterl bis zur Knorrhütte auf 2051 Metern. Die Schotterfelder verlangen Konzentration. Und trotzdem hören alle gespannt den Geschichten zu, die Reini von früheren Zeiten erzählt, als das alte Zollhaus noch Funktion hatte, bis es von einer Lawine platt gemacht wurde. Bei der jährlichen Gatterlmesse würdigen die Menschen die damals Verstorbenen, aber auch all die Polizei- und Grenzbeamten, die in jüngerer Zeit im Dienst ums Leben gekommen sind. Wir legen einen Stein auf die Steinmännchen.

Um halb fünf sind wir an der Knorrhütte. Schnell kommt der acht Kilo schwere Rucksack in die Kammer. Jeder freut sich, die schweren Bergstiefel gegen leichte Hüttenlatschen zu tauschen. Und alle ahnen, dass auf das deftige Abendessen (Käsespätzle oder Gulasch) eine unruhige Nacht folgt. Zwölf Matratzen liegen im Zimmer. Das heißt: Zwölf Menschen drehen sich, schnarchen, rascheln, suchen etwas.

Aufstehen fällt also leicht am nächsten Morgen, obwohl es noch frostig ist. Die nächsten knapp 1000 Höhenmeter liegen vor uns. Der Gipfel. Das Wetter spielt mit. "Der Herbst ist oft beständiger als der Sommer. Da muss man immer wieder mit Gewittern rechnen."

Erste und einzige Bergretterin

Das Wetter hält. Und so bleibt ausreichend Zeit, die alte Zahnradbahn zu besichtigen. Reini erklärt, wie sich die Gletscher verändert haben. Und er erzählt aus den 1950er Jahren, als reiche Touristen sich mit dem Flugzeug vor dem Schneefernerhaus haben absetzen lassen, um von der dortigen Sonnenterrasse das Panorama zu genießen.

Bis in die Schweiz kann man schauen. Die Gebirgsketten bauen sich spektakulär auf. Das Schneefernerhaus ist heute nur noch Forschungseinrichtung. Die Touristen nächtigen im Münchner Haus oder in der Knorrhütte. Im Winter ist am Zugspitzplatt Skibetrieb. Jetzt graben Bagger im Gletschereis. Touristen flitzen auf kleinen Rodeln über eine präparierte Schneebahn. Wir gehen weiter, hoch zu den Gemsen, die in großen Gruppen das Grünzeug von den Steinen rupfen. Von seinem sonnigen Stein meldet sich ein Murmeltier. Dann fordert der Weg wieder volle Konzentration.

Die seilversicherten Streckenabschnitte kurz vor dem Ziel waren als Klettersteig kategorisiert. Klettersteigsets sind aber nicht zwingend notwendig. Eine Hand am Seil ist jedoch sinnvoll, um nicht Regina Poberschnigg auf den Plan zu rufen. Die sportliche Blondine ist Bergretterin in Ehrwald. Darum hat sie hart gekämpft. Denn bis vor wenigen Jahren war es Frauen per Statut noch verboten, zu den Bergrettern zu gehen. Heute ist Regina Poberschnigg (56) Leiterin der Bergrettungsstelle Ehrwald.

Von Pech und Leichtsinn

Mit dem grün-weißen Landrover der Bergrettung macht sie sich auf den Weg, wenn es gilt, in Not geratene Menschen zu retten. 22 Einsätze hatte sie an einem August-Wochenende. Vor allem im Sommer, erklärt sie, nimmt die Zahl der Einsätze mehr und mehr zu. Woran das liegt? An Leichtsinn? An Fehleinschätzungen? Leichtsinn und Pech, meint sie, liegen in den Bergen oft nah beisammen. Es reicht schon, von einem Gewitter überrascht zu werden, um den schönen Sonntagsausflug zur Katastrophe werden zu lassen.

Auch Schneefelder können ohne die notwendige Ausrüstung zur Falle werden. Wenn dann noch die gute Ausrüstung dazu führt, dass sich Menschen überschätzen, bleibt nicht selten der Notruf als einzige Rettung. Regina Poberschnigg war lange Zeit bei der Flugrettung. Sie ist pragmatisch und weiß, dass es oft wichtiger ist, schnell aus der Gefahrenzone zu kommen, als nach dem Patienten zu sehen. "Das kann ich machen, wenn wir wieder sicheren Stand haben, aus gefährdeten Bereichen draußen sind."

Die Einsätze der Bergretter sind gefährlich. Sie werden nachts gerufen, bei schlimmem Wetter, bei Sturm, Frost und Kälte. Manchmal riskieren sie ihr Leben, um das von Menschen zu retten, die Sperr- und Warnschilder ignorierten. Ob sie das dann ärgert? Regina Poberschnigg sagt nichts. Aber man spürt, dass sie sich schon ärgert über das hirnlose Verhalten mancher Mitmenschen. Vor allem aber, dass es ihr wichtig ist, dass alle den Mythos Zugspitze heil genießen. Das tun wir nun auch. Ausgiebig. Unter dem goldenen Gipfelkreuz. Mit der Kamera in der Hand. Damit auch ja der richtige Berg im Fotoalbum klebt.

Mythos Zugspitze

Die Zugspitze, Deutschlands höchster Berg, ist der Grenzberg zu Österreich. Es gibt mehr als 150 markierte Wanderwege, dazu Klettersteige und Kletterrouten.

Mythos Zugspitze
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Mythos Zugspitze

Das Gatterl markiert auf 2024 Metern Höhe die Grenze zwischen Österreich (links) und Deutschland.


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