Hamburg entdeckt sich neu

Die Hansestadt konzentriert sich wieder auf das, was am nächsten liegt: Den Charme von einem Leben am und mit dem Wasser - Kreuzfahrt boomt

Von unserer Redakteurin Stefanie Sapara

Hamburg entdeckt sich neu

Es war der 19. Juli 2004. "Dieser Tag hat etwas mit Hamburg gemacht", sagt Sascha Albertsen. Der Leiter für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei der Hamburg Tourismus GmbH erinnert sich noch genau, wie die Queen Mary, das zu der Zeit "größte und bemerkenswerteste Kreuzfahrtschiff", in den Hamburger Hafen einlief.

"500 000 Menschen standen am Pier und haben sich das angesehen. Viele haben mit Bettlaken gewunken, die ganze Elbe war voller Schiffe", erzählt Albertsen. "Damals wurde die Idee der Kreuzfahrt, die in den 1990er Jahren erste Anfänge gemacht hatte, in Hamburg wieder wachgeküsst." Und der Stadt damit ein neues Selbstbewusstsein gegeben. "Hamburg hatte das Thema Kreuzfahrt lange Zeit verschlafen, unter anderem weil man dachte, die Lage mit ihren 100 Meilen bis zur See sei ein Handicap." Aber auch, weil die Terminal-Situation nicht die beste war. Doch dann kam die Queen Mary.

Bald eine Milliarde Passagiere

"Die Geschichte der Stadt lässt sich an keinem Thema so gut erzählen wie an der Kreuzfahrt", sagt Albertsen. Vor 15 Jahren zählte Hamburg 40 000 Kreuzfahrtpassagiere jährlich. 2018 werden 880 000 erwartet, für 2019 eine Milliarde. Die Fahrt auf der Elbe in die Nordsee gilt schon lange nicht mehr als Handicap. Vielmehr als besonderes Erlebnis.

Das Problem des Overtourism - dieser Tage ein omnipräsenter Begriff, um auf (zu) große Touristenströme aufmerksam zu machen - sieht Sascha Albertsen aber nicht. "Im Moment haben wir an normalen Tagen 400 000 Gäste in der Stadt, Hamburg verträgt 800 000", erklärt er. Denn: Die dafür nötige Infrastruktur sei - anders als in Städten wie Venedig - vorhanden. "Was wir aber feststellen, ist, dass Hamburg touristisch aufzuholen hatte. International war es kaum bekannt, das hat sich in den letzten zehn Jahren gravierend verändert."

Besuchten Gäste aus Übersee, die mit dem Schiff kamen, von Hamburg aus einst noch Berlin, bleiben heute viele der Metropole erhalten. Genießen an den Landungsbrücken das maritime Flair, fahren mit den Doppeldeckerbussen zur Binnenalster und in Hamburgs reichste Ecken, um die mondänen Villen zu bestaunen, oder nehmen Platz auf einem der vielen Hafenrundfahrtboote .

Nicht zu vergessen, dass Hamburg seit eineinhalb Jahren mit der Elbphilharmonie sein ganz persönliches Wahrzeichen hat. Ein Thema, das viele Reedereien mittlerweile als eigenes Thema aufgreifen. "Manche setzen bewusst ihr Routing auf Hamburg", sagt Albertsen. Und auch, wenn es noch immer - selbst für Hamburger - schwer ist, Konzertkarten zu bekommen, so ist doch zumindest die Besucherterrasse der breiten Masse zugänglich - und das kostenlos.

Der Ausflug lohnt sich, nein, ist eigentlich ein Muss (siehe Artikel unten). "Die Elbphilharmonie hat es geschafft, dass Hamburg international für Furore und Aufmerksamkeit gesorgt hat", sagt Albertsen. "Sie hat Hamburg ein Bild gegeben. Die Stadt stand vorher für ,Hafen". Das ist aber nicht immer positiv besetzt und nicht unbedingt ein Erlebnisfaktor."

Die Plaza führt einmal rund ums Gebäude und gibt somit nicht nur den Blick frei auf den bunten Hafen mit seinen vielen Barkassen, hinüber zu den Musicaltheatern oder raus zu den riesigen Container-Anlagen, sondern auch auf die Speicherstadt und die hypermoderne Hafencity. 2003 fing man an zu bauen, bisher wurde die Hälfte der geplanten Gebäude fertiggestellt. Und obwohl das Areal immer noch eine riesige Baustelle ist, so kann man doch erahnen, was hier für eine Milliarde Euro entsteht: Ein völlig neuer Stadtteil mit modernem Kreuzfahrtterminal - aktuell noch ein Provisorium -, Hotels, Einkaufsmeile, Wohn- und Geschäftshäusern. Oder, um es mit den Worten von Sascha Albertsen zu sagen: "Ein Gesamtkomplex, der seinesgleichen suchen wird."

Events rund um die Seefahrt

Wer auf einem kleineren Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, hat womöglich das Glück, direkt in der Hafencity, zu Füßen der Elbphilharmonie, anzulegen. Die meisten Schiffe jedoch, liegen weniger romantisch in Steinwerder neben den Containerschiffen oder in Altona.

Bewusst sei man sich der Kritik, die mit Kreuzfahrten einher geht. "Natürlich", sagt Albertsen, "das sind Wohlstandsreisen. Die Schiffe verbrauchen Ressourcen. Und die Reedereien wie auch die Städte haben Verantwortung, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern." Daran arbeite man.

Ein erklärtes touristisches Ziel ist es, die Schiffe in den Hafen einzubinden. Unter anderem mit Veranstaltungen. "Es gibt keinen Stadthafen der Welt, der so eine umfangreiche Willkommenskultur anbietet und wo der Hafen solch eine Bühne für Events ist wie Hamburg." Die Cruise Days, die alle zwei Jahre stattfinden oder der Hafengeburtstag, der sogar jährlich über die Bühne geht, sind nur zwei Beispiele, die Hunderttausende anziehen.

Hamburg entdeckt sich also gerade neu. Beruft sich wieder stark auf seine hanseatische Vergangenheit, und konzentriert sich gleichzeitig auf kreative Moderne. Mit der wachsenden Zahl an Kreuzfahrtgästen, dem Hafencity-Bau, aber auch der Entwicklung auf der südlichen Elbseite richtet es sich auf ein Leben am und mit dem Wasser aus. Und wenn man abends zum Sonnenuntergang die Landungsbrücken entlang spaziert, die Elbphilharmonie in warmes Licht getaucht ist, über einem die Möwen kreischen, während Ausflugsboote die Touristen zurück an Land bringen und womöglich gerade ein Kreuzfahrtschiff mit lautem Schiffshorn den Hafen verlässt, dann gibt es ohnehin keinen Gedanken, der näher liegt.

Hamburg entdeckt sich neu
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