Der Stoff, aus dem die Heimat ist

International gefragte Künstler zeigen, dass die Liebe zum Holz im idyllischen Grödnertal in Südtirol weit über Krippenschnitzereien hinausgeht

Von Stefanie Sapara

Der Stoff, aus dem die Heimat ist

Am Meer. Dort wollte Stefan Rier früher am liebsten eines Tages leben. Heute, mit 51 Jahren, hat sich sein Traum ein wenig verändert. Das Meer liebt er immer noch. "Aber länger als eine Woche halte ich es nie aus." Er lacht. "Mir fehlen dann einfach die Berge." Seine Berge. Die Dolomiten. Dabei hat der Hotelier aus St. Ulrich im Grödnertal schon viele Gipfel gesehen, selbst die Seven Summits, die höchsten Berge der Kontinente, hat er bestiegen. "Weil ich schon als Kind gerne geklettert bin, aber vor allem auch, weil mich die Menschen in der Welt interessiert haben. Die Geschichten, die sie zu erzählen haben." Es sind Geschichten, die er heute oft und gerne an der Hotelbar des Albion-Resorts seinen staunend lauschenden Gästen weitergibt. Denn am Ende blieb Rier seiner Heimat stets treu. "Obwohl wir hier schon komisch sind", sagt er schmunzelnd. "Dickschädelig, laufen in Tracht rum, sprechen ladinisch. Das zeugt schon von Eigensinnigkeit."

Mehr als Madonnen und Kruzifixe

Doch noch etwas sagt man den Einheimischen nach: Weltoffenheit. Und das in diesem kleinen, abgeschiedenen Hochtal, das noch vor 100 Jahren kaum zugänglich war. Oder vielleicht gerade deswegen? "Im Winter gab es für die Menschen wenig zu tun", erzählt Christina Demetz von Val Gardena Tourismus. Anfang des 17. Jahrhunderts begannen sie deshalb, sich mit einem Material zu befassen, das es zuhauf gab: Holz. Sogenannte Verleger trugen die daraus geschnitzten Figuren in die Welt. In die ganze Welt. Bis Amerika reisten sie, verkauften die Werke, kamen zurück und berichteten den Menschen vom Leben hinterm Tal. Schon bald wurde die Schnitzerei zur Haupteinnahmequelle. Krippen, Madonnen und Kruzifixe wurden verkauft, und noch heute reiht sich im beschaulichen St. Ulrich eine Schnitzerei an die andere - obwohl der Tourismus natürlich die Oberhand hat. Winters wie sommers ist die Region um den Langkofel und die Seiser Alm ja auch schlichtweg ein kleines Paradies für die Seele.

Von der Fragilität des Menschen

Das Attribut "weltoffen" gilt aber nach wie vor auch für die Schnitzkunst, die sich dank Menschen wie Aron Demetz stetig weiterentwickelt hat. Der 46-Jährige war mit seinen Figuren schon auf Ausstellungen in der ganzen Welt unterwegs, von Italien bis Großbritannien, von Mexiko bis Taiwan. Große Holzkisten stehen in seinem rustikalen Atelier, einer imposanten Halle. Es riecht nach Holz - und überall ist es zu sehen. Mal in Form von riesigen Baumwurzeln oder Büsten, vor allem aber in Form von lebensgroßen Menschen. "Ich habe viel mit dem Material gespielt", sagt Demetz und läuft durch seinen Schaffensraum. Man hört ihm gerne zu, wenn er mit ruhiger Stimme erzählt, was ihn bewegt. Die Fragilität des Menschen zum Beispiel, die übrig bleibt, wenn man unter die Haut sieht - von ihm zum Ausdruck gebracht, indem er Werke bewusst angezündet, deren äußere Schicht verbrannt hat. Rappelschwarz stehen die Figuren vor einem. Man schluckt unweigerlich. Doch Demetz nimmt ihnen mit wenigen Worten die Düsterheit. "Es gibt viel Freiraum für Interpretation", sagt er. "Zum Beispiel, dass unser Innerstes, das, was unter der Haut liegt, bleibt. Und schön ist. Verbrannt ist nur das Haus um uns herum."

Kein Fortschritt ohne Risiko

Die Verwandlung des Menschen ist ein großes Thema für den international bekannten Holzbildhauer. Zu seinen ersten Werken zählen Figuren, die sich auf die Augen konzentrieren. "Es sind tiefe Blicke, man kann nicht gleich bestimmen, was sie denken. So entsteht eine Spannung für den Betrachter." Die macht sich auch vor den Menschenaffen breit. Der Fokus liegt hier anders als bei den aufrecht stehenden Figuren nicht auf Details wie Harz, Verkohlung oder dem Blick, sondern auf der Haltung. "Als hätten wir eine zweite Chance bekommen, nochmal neu zu starten", meint Demetz nachdenklich. Weil wir viel falsch gemacht haben? "Ja. Was, weiß ja jeder selbst am besten. Ich finde, indem man einen Menschen wieder mit allen Vieren auf den Boden stellt, zeigt man ganz viel." Seine Arbeit, seine Ideen, seien stets ein Risiko. "Aber es passiert nichts, wenn man nichts riskiert." Auch er hat anfangs Madonnen geschnitzt. Und schnell gespürt, dass es für ihn keinen Sinn macht, Kopien zu erstellen. "Ich brauchte meinen eigenen Weg."

Von St. Ulrich in die Welt

Den ging er. Von St. Ulrich in die Welt - und immer wieder zurück. Ob er je ganz weg wollte aus dem Tal, das so eng und klein ist und doch so eine bezaubernde Schönheit in sich trägt? Aron Demetz überlegt. "Berlin hätte mir gefallen. Aber dann baut man ein Haus, macht Schulden, gründet eine Familie." Und bleibt. Er sagt es nicht mit Wehmut. "Es wohnt sich gut hier. Sehr gut. Und wenn ich will, bin ich schnell in München, in Mailand. Ich bin ohnehin viel unterwegs." Dann, in den großen Städten, genießt er, was es im Tal nicht gibt. Viele Freunde von Aron Demetz sind tatsächlich weggezogen. "Und sie sind zurückgekommen."

Wer sich in St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein umsieht, dem fällt es ja auch nicht schwer, ziemlich schnell ziemlich viele Gründe zu finden, die dafür sprechen, im Grödnertal zu bleiben. Skifahren und Wandern erscheinen fast lapidar, so facettenreich ist das Angebot von Schneeschuhtouren über Klettern, Foto- oder Schnitzkurse und Kochen mit Bäuerinnen, bis hin zu Nächten unterm Sternenhimmel auf der Seiser Alm und ladinischen Sprachkursen.

Grödner Puppe von Judith Sotriffer

Oder man schaut bei Judith Sotriffer mitten in St. Ulrich vorbei. Wobei: Suchen muss man schon, bis man ihre Mini-Werkstatt findet. Im Grunde spielt sich fast alles an einem haushaltsüblichen Schreibtisch ab. Der ist über und über bedeckt mit Holzbeinen, Schrauben, Bohrern, Farben, Bleistiften und Zangen. Auch Judith Sotriffer hat sich ganz ihrer Heimat und dem Holz verschrieben - genaugenommen der Grödner Puppe, die um 1680 erfunden wurde und ein urtypisches Produkt des Tals ist. Damals hätten die Frauen gemerkt, die mit Kraxe loszogen, um ihre Handarbeiten bei den Bergbauern zu verkaufen, dass Spielzeug besonders gefragt ist. So entstand die Idee zur Puppe. Schnell verbreitete sich die Nachfrage in ganz Europa - "bis sie das Brot der Grödner war". In den 1930er Jahren kam es zum Schnitt, wie Judith Sotriffer erzählt. "Wegen der finanziellen Krise, außerdem wurden andere Materialien interessant."

Ein Beitrag zur Geschichte

Die 52-jährige gelernte Bildhauerin hat viel Zeit investiert, die Geschichte der Puppe und ihre Details zu recherchieren. Die Farben etwa, die aus natürlichen Stoffen wie Kohle bestanden. Oder die Art und Weise, wie man die Gelenke herstellt. Seit einigen Jahren schon produziert sie die Puppe nun und verkauft sie weltweit an ausgewählte Geschäfte, die Wert auf individuelle Produkte legen. "Die Landschaft hier ist schon sehr fantastisch, sie prägt uns, und alle pflegen sie", sagt Judith Sotriffer. "Aber wir sind kein Heidi-Bergdorf. Man will hier innovativ sein. Und ich leiste meinen Beitrag zur Geschichte meiner Heimat und den eigenen Wurzeln, indem ich diese Puppe aufleben lasse." Per Hand. Maschinell zu produzieren, sei nicht Sinn der Sache. "In unserer Welt ist immer alles verfügbar. Etwas zu bekommen, das von Herzen gemacht ist, originell ist und noch dazu eine Geschichte hat, das ist etwas Besonderes. Die Puppen sind zu 100 Prozent Gröden."

Gröden. Heimat für viele - ganz bewusst. Reiseziel für noch viele mehr. Vielleicht, weil Letztere genau das spüren: Dass Heimat in diesem Tal mehr als ein Wort ist. Und dass auch die Menschen hier eine Menge guter Geschichten zu erzählen haben.

Der Stoff, aus dem die Heimat ist

Besonders markant sind Demetz" Werke der "Verbrannten".

 
Der Stoff, aus dem die Heimat ist

Aron Demetz hat sein Leben der Kunst und dem Holz gewidmet. Fotos: Sapara

 
Der Stoff, aus dem die Heimat ist
Der Stoff, aus dem die Heimat ist

Judith Sotriffer hat die Grödner Puppe wieder aufleben lassen.