Chaos unter den Wolken

Heilbronn  Air-Berlin-Pleite, Streiks, Unwetter: Passagiere müssen so viele Flugausfälle und Verspätungen hinnehmen wie nie zuvor: Welche Rechte haben Verbraucher?

Von Stefanie Sapara

Chaos unter den Wolken

Über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Am Boden jedoch liegt manches im Argen. Und so sind in diesem Sommer die Zahlen von Flugverspätungen und vor allem Flugannullierungen rapide in die Höhe geschnellt. Laut dem Fluggastrechteportal EU Claim, das Ansprüche von Kunden bei Airlines geltend macht, sind 2018 bis einschließlich Juni deutschlandweit bereits 16 477 Flüge ausgefallen und über 4000 mehr als drei Stunden verspätet. Im Vergleichszeitraum 2017 waren es nur 9747 annullierte und 2631 verspätete Flüge.

Entschuldigung der Airlines

Grund für den Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), ein Verbund aus Airlines, Flughäfen und Flugsicherung und damit quasi die Stimme der deutschen Luftfahrt und Luftverkehrsbranche, Ende Juni in mehreren überregionalen Zeitungen stattliche Anzeigen zu schalten. Der Titel: "Auch der Himmel stößt mal an seine Grenzen" - unterzeichnet unter anderem von den Chefs von Eurowings, Tui Fly, Lufthansa und verschiedenen großen deutschen Flughäfen.

Der Text? Eine Entschuldigung dafür, dass es in den vergangenen Wochen in ganz Europa zu langen Wartezeiten kam, zu zahlreichen Flugstreichungen und Unregelmäßigkeiten. "Wir arbeiten gemeinsam hart daran, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu verbessern und das Fliegen wieder zu einem angenehmen Reiseerlebnis zu machen. Im vor uns liegenden Sommer werden die Maßnahmen noch nicht ihre volle Wirkung entfalten können. Es wird daher kurzfristig weiter zu Unregelmäßigkeiten kommen. Nicht alle Ursachen liegen in unserer Hand (...)."

Damit sind Wetterkapriolen oder massive Streiks gemeint, wie sie dieses Jahr etwa bei den Fluglotsen in Frankreich auftreten und die zu Blockaden über dem dortigen Luftraum führen. Der Passagier aber ist am Ende auch nur Mensch und oft wenig verständnisvoll angesichts verpasster Anschlussflüge, geplatzter Geschäftstermine und verspäteter Urlaubsantritte.

Chaos unter den Wolken

Zumal die Gründe für das Flugchaos weit über nicht beeinflussbare Dinge wie schlechtes Wetter und Streiks hinausreichen. "Die Insolvenz von Air Berlin und Niki hat eine große Lücke bei den Ferienflugstrecken hinterlassen, die Eurowings, Easyjet, Lauda Motion/Ryanair, Vueling und Condor nun schließen", erklärt Alexandra Hawlicek vom Fluggastrechteportal Fairplane. "Die Verspätungen oder Annullierungen betreffen vor allem die Feriendestinationen dieser Fluglinien, weil die Strecken diesen Sommer von vielen Anbietern geflogen werden und hier ein krasses Überangebot vorliegt."

Bis sich alles eingespielt hat und die Flieger ausgelastet sind, werde es dauern. "Die Airlines führen quasi einen Testlauf durch." So gebe es etwa auf der Strecke von Düsseldorf nach Mallorca derzeit so viele Anbieter wie seit Jahren nicht. "Dieser Umstand bedeutet günstige Preise und beinharten Wettbewerb." Heißt aber auch: Wenn Flüge durch das Überangebot extrem schlecht ausgelastet sind, fallen sie mitunter aus.

Zudem fehle es den Fluglinien auf dem Boden wie in der Luft "massiv" an Personal. Ein kranker Pilot bedeute einen Ausfall von mindestens sechs Flügen, Standby-Personal gebe es nicht. Und: Auch Flugzeuge fehlen. In ganz Europa stehen laut Fairplane zu wenig Maschinen zur Verfügung. Ein technischer Defekt an einem Gerät führe zu einem Ausfall von drei bis vier Flugtagen, "das sind zirka 20 Flüge".

Auch Carola Scheffler, Sprecherin des BDL, verweist auf die Air-Berlin-Insolvenz als Grund für die hohe Zahl an Verspätungen und Ausfällen. Viele Flugzeuge und Tausende von Beschäftigten müssten neu in einen anderen Flugbetrieb integriert werden. "So etwas geht nicht über Nacht und daran wird auch mit Hochdruck gearbeitet."

Immer stärkere Nachfrage

Es spielt aber noch ein weiterer Faktor in die von Fluggästen als chaotisch empfundenen Zustände: Der Luftverkehr insgesamt erfährt eine immer stärkere Nachfrage. Ja, auf bestimmten Strecken herrscht ein harter Wettbewerb, Flüge fallen aus. Insgesamt aber gilt: Der Verkehr am Himmel nimmt zu. Das bestätigt man auch am Flughafen Stuttgart: Die Zahl der Fluggäste im ersten Halbjahr sei deutlich gewachsen.

In einem solch gut ausgelasteten System, so Carola Scheffler vom BDL, hätten kleine Unregelmäßigkeiten große Auswirkungen. "Es gibt dann kaum Spielraum für Alternativen und Ausweichmöglichkeiten, und so kann sich eine Verspätung, die morgens beispielsweise durch einen Streik im Ausland entsteht, schnell durch alle Folgeflüge am selben Tag ziehen."

Chaos unter den Wolken

Der BDL rät Fluggästen darum, mehr Zeit einzuplanen - weil es auch bei den Luftsicherheitskontrollen, die von staatlichen Behörden durchgeführt werden, gerade immer wieder zu Engpässen kommt. Das Versprechen im Gegenzug: Wo möglich, versuche man mit zusätzlichem Personal, die Lage zu entspannen. "Dazu gehört auch, dass alle Akteure versuchen, zeitkritische und verspätete Flüge mit Priorität abzufertigen und Flugpläne zu optimieren", sagt Scheffler.

Dass sich die Situation spätestens nach dem Sommer entspannt, darauf dürften auch die Reisebüros hoffen - Umbuchungen, Kundeninformationen bei Zeitänderungen und Stornos: Das alles frisst Arbeitszeit, die nicht von den Fluggesellschaften entlohnt wird.

Und Portale wie Fairplane? Die verweisen Fluggäste natürlich auf ihre Ansprüche (siehe Grafik). Tatsächlich würden diese zunehmend Geld zurückfordern - die Anfragen hätten im Vergleich zum Vorjahr um 100 Prozent zugenommen, erklärt Fairplane - und das, obwohl die Hauptreisezeit erst noch bevorsteht.

Beim BDL blickt man derweil vor allem in Richtung Politik: Vor dem Hintergrund, dass der Luftverkehr zunehmend an seine Grenzen stößt, sieht man den Staat in der Verantwortung, einzugreifen: bei den Engpässen an den Sicherheitskontrollen, aber auch der Schaffung eines einheitlichen Europäischen Luftraums - um Lösungen zu erarbeiten, die helfen, Situationen wie die aktuelle zu verhindern. Damit das Chaos unterm grenzenlosen Himmel künftig ausbleibt.