Auf den Spuren der kanadischen Pelzhändler und Flöße in Quebec

Kanada  Im erst kürzlich eröffneten Nationalpark Opémican und am Fort Témiscamingue in Québec kann man kanadischer Geschichte nachspüren und die famose Natur genießen.

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Auf den Spuren der kanadischen Pelzhändler und Flöße in Quebec
Mit dem Kajak unterwegs auf den Gewässern des Opémican-Nationalparks.

Die Nacht ist dunkel. Das Licht des Mondes reicht nicht, um im Wald den Weg zu weisen. Stille. Dann ein Rascheln. Und noch ein Geräusch. Ist da was? Und wenn ja: Was ist da? Wölfe? Ein Bär?

Der moderne Mensch hat stets seine Smartphone-Taschenlampe parat. Aber der helle Streifen ist so verdammt schmal. Drumherum: ein großes schwarzes Loch. Also ballt sich die Unruhe zu einem dicken Klumpen im Magen. Kein Mensch weit und breit, der aufpassen würde. Der Weg zum Klo wird zum Abenteuer, wenn man im Nationalpark Opémican übernachtet.

Der Biologe lacht

Ein paar Stunden zuvor, auf der sonnigen Terrasse des neu gebauten Besucherzentrums, hat Parkmanager Ambroise Lycke gesagt: "Im Normalfall verlieren wir fünf oder sechs Prozent der Besucher wegen der Schwarzbären."

Echt jetzt? Nein, der Biologe lacht. Ein Witz. Da passiert nichts. Zum einen ist der Black Bear sehr, sehr scheu, geht Menschen aus dem Weg. Zum anderen ernähren sich die Bären vor allem vegetarisch. Sie essen Beeren, nicht Park-Besucher. Grizzlys gibt es in Québec nicht.

Die riesige Provinz im Osten Kanadas ist französischsprachig. Und sie ist schön, oft wie unberührt. So viel Wald, so viel Wasser, so wenige Bewohner. Und der internationale Tourismus spielt vielfach noch eine kleine Rolle, gerade in der Region Abitibi-Témiscamingue, um die es hier geht.

Ziel für Entdecker

Abi was? Ein Zungenbrecher. Aus Pauschalreisekatalogen kennt man diese Gegend jedenfalls nicht. Es ist ein Ziel für Entdecker, die Spaß daran haben, sich abseits des Massentourismus zu bewegen. Ganz anders als im Westen Kanadas, wo berühmte Nationalparks wie die von Banff oder Jasper Besuchermagneten sind.

Ambroise Lycke sitzt in der Sonne, mit unverstelltem Blick aufs Wasser, weil jetzt im September kaum ein Mensch den erst kürzlich eröffneten Opémican-Nationalpark bevölkert. Er schwärmt von der Natur, die sich um ihn herum entfaltet, im Gebiet zwischen dem Lake Timiskaming und dem Lake Kipawa, direkt an der Grenze zu Ontario.

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Kleiner Black Bear in der Tonne: Der Jagd-Waise wird wieder ausgewildert.

Fauna und Flora, die Welt der Tiere und der Pflanzen, machen für den Besucher sofort den Reiz der Gegend aus. Da muss man keinem Schwarzbären in die Augen geblickt haben. Doch für den Parkmanager geht es um mehr. "Interessant ist natürlich auch der historische Aspekt." Bis vor hundert Jahren war die Holzflößerei eine ganz große Sache, big business. Die in der Einsamkeit der dichten Wälder geschlagenen Stämme kamen mit Booten zur Pointe Opémican. Dort wurden riesige Flöße zusammengestellt, um das Holz auf dem Wasserweg Richtung Zivilisation zu befördern. Alte Gebäude künden von der Vergangenheit.

Ein paar Dutzend Kilometer entfernt ist fast nichts Originales mehr zu sehen. Grabsteine, ja, die schon. Doch in Fort Témiscamingue, einem früher bedeutsamen Stützpunkt der Pelzhändler, sind es vor allem Nachbildungen, die die Geschichte der First Nations und der von ihren Diensten lebenden Händler erlebbar machen. Das Fort lag an der Haupt-Kanuroute von der Hudson Bay hoch im Norden zu den großen Siedlungen am Sankt-Lorenz-Strom, nach Montréal zum Beispiel.

Kultur der First Nations

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Nachgebildete Szene aus dem Pelzhändler-Leben in Fort Témiscamingue.

Es waren Touren von 25, 30 oder gar 40 Tagen, die vor 200 und mehr Jahren mit den Kanus zurückgelegt wurden. Ob es die Pelzhändler waren oder die Holzflößer - die vielen natürlichen Wasserwege waren die einzige Möglichkeit, um die riesigen Wälder zu durchqueren.

Die Kanus wurden von den Ureinwohnern gebaut, den First Nations, wie man heute sagt. Deren Kultur und handwerkliche Fähigkeiten kann man in Kinawit kennenlernen, einem Ort nahe der Goldgräberstadt Val d'Or. Dort wird ganz modern, sehr gewinnbringend, aber auch mit unübersehbaren Spuren in der großartigen Natur Gold im Tagebau gefördert. Sehr viel Gold.

Es ist der Stamm der Algonquin, der in Kinawit zu Hause ist. Aber das ist ein Name, der von den französischen Kolonialisten benutzt wurde. Sie selbst nennen sich Anishinabeg.

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Kanubau, ganz traditionell: Da ist keine Schraube drin, kein Nagel.

Branden ist einer von ihnen. Stolz steht er neben einem Kanu, das ganz traditionell gebaut wurde, in monatelanger Arbeit, ohne Werkzeuge, allein mit Mitteln der Natur. Da ist keine Schraube drin, kein Nagel. Das Gerippe ist aus Zedernholz, mit Birkenrinde wird es verkleidet, mit einer geschmeidigen Mischung aus Harz und Bärenfett abgedichtet. "Wir leihen das Material von der Natur", sagt Branden. "Wir schneiden die Rinde von den Bäumen, das schadet dem Wald nicht. Alles wächst nach. Wir respektieren den Wald."

Man denkt an diese Worte, wenn man Tage später in einem Rabaska übers Wasser des Lake Timiskaming gleitet. Zur linken Nebelschwaden, auf der anderen Seite Sonnenglitzern. Ein kühler Morgen und doch so verlockend. Kein Mensch weit und breit. Stille. Schönheit. Ein Traum.

Rabaska, so nennt man die traditionellen großen Kanus, die aber heutzutage aus Kunststoff gemacht sind, nicht mehr aus Baumrinde. Es ist die beste Art, die Natur Québecs zu bewundern, vom Wasser aus. Im Nationalpark Opémican liegen auch Einer-Kajaks bereit. Man kann ruhig genießen oder sportlich auftrumpfen, nicht zuletzt beim Rafting. "Wir haben hier einen der besten Wildwasserflüsse in Nordamerika", sagt Ambroise Lycke.

Doch es ist spät geworden, die Sonne sinkt gen Horizont. Goldenes Licht schimmert hinter den Bäumen. Wer mag, kann im Park übernachten. Es gibt einfache Unterkünfte, Holzbauten, die mit einer dunkelgrünen Plane bespannt sind. Eine Kochgelegenheit gibt es auf der Terrasse. Ready to Camp heißt das Konzept.

Das Klo ist allerdings weit weg. Und die Nacht ist verdammt dunkel. Fressen die Bären wirklich nur Beeren?

 
 

Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme. 

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