Allein in der Grabkammer

Seit den politischen Umwälzungen ist Kairo praktisch touristenfrei

Von Julia Weller

Allein in der Grabkammer

Diese kleinere Höhlenkirche wurde komplett unterirdisch in den Fels geschlagen. Im Winter können die christlichen Kopten hier geschützt ihre Gottesdienste feiern.

 

In wohl kaum einem anderen Land werden Touristen so häufig begrüßt wie in Ägypten. "Welcome to Egypt!" steht schon in dicken Lettern in der Ankunftshalle des Kairoer Flughafens. "Welcome to Egypt!" wird jeder Taxifahrer sagen, wenn ein Ausländer in seinen Wagen steigt. Und "Welcome to Egypt!" rufen die Menschen auf der Straße - auch wenn es oft der einzige Satz ist, den sie auf Englisch kennen. Das große Willkommen hat einen Grund: Die Touristenzahlen haben sich seit dem Start der politischen Unruhen 2011 nie mehr erholt. Kamen 2010 nach Schätzungen der Weltbank noch ungefähr 14 Millionen Touristen nach Ägypten, waren es 2016 nur rund fünf Millionen. Zwar trauen sich vor allem deutsche Urlauber langsam in die Baderesorts am Roten Meer zurück, wo die Zahlen 2017 wieder stiegen. Die Hauptstadt Kairo hingegen liegt noch im touristischen Dornröschenschlaf. Als Ausländer fällt man auf, ob im Gassengewirr des Wochenmarktes oder in der 2014 eröffneten, klimatisierten Metro-Linie 3.

Die 20-Millionen-Metropolregion am Nil kann nicht einmal mehr mit den Pyramiden von Gizeh so viele Besucher anziehen wie früher. Etliche Kamelführer buhlen um die Gunst der Gäste; Reisende haben gute Chancen, alleine in die stickige Grabkammer der Cheops-Pyramide zu klettern. In der Nebensaison (Winter und Hochsommer) ist das Weltwunder nicht überlaufen. Der einzige Nachteil: Die aufdringlichen Ramschverkäufer scharen sich mit noch größerer Entschlossenheit um die wenigen Besucher und drehen ihnen Plastik-Sphinxen und pharaonische Kopfbedeckungen an. Der hilfreichste arabische Satz, den jeder Ägypten-Urlauber kennen sollte: "La" shukran" - nein danke.

Es ist kein Kunststück, in Kairo herumzukommen. Überall kann man ein Taxi anhalten, auch die Fahrt mit der U-Bahn ist ein Erlebnis. Für alleinreisende Frauen gibt es spezielle Wagen in der Mitte der Züge, die für Männer tabu sind. Vom orientalischen Ataba-Viertel, wo man auf dem Straßenmarkt vom Staubsauger bis zur Damenunterwäsche wirklich alles kaufen kann, fährt die neueste Metro-Linie bis in den Außenbezirk Heliopolis (Station Al-Ahram). Hier kann man aus der Ferne den majestätischen Baron Empain Palace bestaunen und durch die Arkaden der kolonialen Architektur in der Bagdhad Street schlendern.

Müll- und Totenstädte

Die meisten Schilder an Kairos Ringstraße und in der Innenstadt weisen zwei wichtige touristische Ziele aus: Außer den Pyramiden auch die Zitadelle, eine befestigte Anlage aus dem zwölften Jahrhundert. Hier befindet sich neben Polizei- und Militärmuseum die berühmte Mohammad-Ali- oder Alabastermoschee. Sind die Schuhe erst einmal ausgezogen, richten sich beim Betreten alle Blicke nach oben: An großen Ringen hängen hunderte Lampen von der Decke. Vom Hof aus eröffnet sich eine fantastische Aussicht über die Stadt und ihre vielen Minarette. In nordöstlicher Richtung schließen sich die Totenstädte an, wo zwischen den endlosen Reihen von Mausoleen auch Menschen leben und arbeiten. Durch die Grabanlagen kann man entweder zum Al-Azhar-Park spazieren, einer grünen Oase inmitten der dreckigen Metropole. Oder man geht weiter in Richtung Al-Azhar-Moschee zum orientalischen Basar, dem Khan-el-Khalili. Auf dem Weg dorthin durchquert man zu Fuß auch die Gasse der Zelt-Macher (Sharia Khayamiya) und kann zusehen, wie Taschen, Stoffe und Zelte in uralter Handwerkstradition entstehen.

In diesen islamischen Vierteln ist Kairo eine sehr ursprüngliche Stadt: Esel-Karren transportieren Waren über die oft unbefestigten Straßen, viele haben aber auch Abfälle geladen. Sie gehören den Zabbaleen, den Müllsammlern Kairos. Mit Pick-Ups, Handwagen und Karren schwärmen sie in die Metropole aus, sammeln gegen eine kleine Gebühr die Abfälle der Einwohner ein und bringen sie in ihre Häuser am Fuße des Mukattamhügels. In der sogenannten Müllstadt sortieren sie aus, was sich verkaufen lässt, und verfüttern organische Abfälle an ihre Schweine und Ziegen. Dieses Verwertungssystem ist wesentlich effizienter als westliche Recyclingstrukturen: 80 bis 90 Prozent des Abfalls können die Zabbaleen wieder verkaufen. Das Leben und die Arbeit im Müll sind allerdings hart, viele Kinder gehen nicht zur Schule. Seit einigen Jahren versuchen Hilfsprojekte, die Situation der Zabbaleen zu verbessern - in speziellen Werkstätten können die Frauen zum Beispiel Kleidung und Papierwaren herstellen, die anschließend fair verkauft werden.

Höhlenkirchen

Die Zabbaleen sind zum Großteil koptische Christen, auch deswegen leben sie zurückgezogen in den Müllstädten am Rande Kairos. Die allerwenigsten Touristen kommen auf die Idee, diesem schmutzigen Slum einen Besuch abzustatten - dabei verpassen sie eine ganz besondere Attraktion. Nach einem guten Kilometer Fahrt durch schlammige Gassen steht man plötzlich vor einem Tor, hinter dem absolute Sauberkeit herrscht. Das Kloster St. Samaan mit seinen in den Berg geschlagenen Höhlenkirchen erhebt sich über den Müllstädten. Die größte Kirche in Form eines Amphitheaters bietet Platz für fast 20 000 Menschen, steil steigen die Sitzreihen gen Himmel. Regelmäßig kommen die Bewohner der Müllstädte hier zu Gottesdiensten zusammen. Ein weiterer, etwas kleinerer Kirchensaal wurde komplett unterirdisch in den Mokattam-Berg gehauen. Hier fühlt sich der Besucher wie in einer mystischen Grotte, steinerne Bibelszenen zieren die Wände. Für den Besuch der insgesamt sieben Höhlenkirchen muss man sich einen Fahrer nehmen, öffentliche Verkehrsmittel gibt es in diesem Teil der Stadt nicht. Am besten fragt man das Hotelpersonal nach einem vertrauenswürdigen Fahrer, der auch Englisch spricht. Ist man dann erst einmal bei den Zabbaleen angekommen, weisen die Müllsammler und die spielenden Kinder auf der Straße gerne den Weg zum Kloster. Und dort heißt es mit Sicherheit wieder: "Welcome to Egypt!"

Tipps und Infos

Lufthansa fliegt von München und Frankfurt direkt nach Kairo, das Touristenvisum erhalten Deutsche für 25 US-Dollar direkt am Flug-hafen. Im zentralen, grünen Stadtteil Zamalek gibt es zahlreiche gut ausgestattete Hotels. Das Hotelpersonal kann bei der Vermittlung eines Fahrers oder Bestellung eines vertrauenswürdigen Taxis helfen. Wer auf eigene Faust in ein Taxi steigt, sollte darauf bestehen, dass der Taxameter (arabisch aded) eingeschaltet wird.

Das Auswärtige Amt hat eine Teilreisewarnung für Ägypten herausgegeben und rät, Demonstrationen und Menschenansammlungen zu meiden. Infos unter www.auswaertiges-amt.de.

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Allein in der Grabkammer

Orientalische Laternen sind der Verkaufsschlager auf dem Khan-el-Khalili.

Im Diplomatenviertel Zamalek verkauft ein Händler frisches Obst und Gemüse.