Mutmaßlicher Erpresser springt im Heilbronner Amtsgericht aus dem Fenster

Heilbronn  Eigentlich sollte er dem Haftrichter vorgeführt werden – dazu war der 23 Jahre alte Mann am Mittwoch von Polizeibeamten in das Gebäude des Heilbronner Amtsgericht gebracht worden. Doch es sollte anders kommen.

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Vorsorgliches Lüften wegen Corona hat einem mutmaßlichen Erpresser im Amtsgericht Heilbronn zur Flucht verholfen.

Während er sich mit seiner Verteidigerin unter vier Augen in einem Raum bespricht und die beiden Beamten, die ihn ins Gericht gebracht haben, vor der Tür warten, springt er aus einem Fenster des im Erdgeschoss gelegenen Raumes und entkommt ins Freie. Das Fenster sei zum Lüften offen gewesen, sagt Carsten Diemer auf Nachfrage. Er ist Sprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn. „Hintergrund ist der Schutz vor Coronaviren." Es seien einige Fragen zu klären, wie es zur Flucht des Mannes kommen konnte.

Update: Flüchtiger wurde gefasst

„Da ist auf jeden Fall etwas schief gelaufen, was wir jetzt intern aufarbeiten müssen“, führt der Sprecher aus. So sei die Frage zu klären, warum der Untersuchungshäftling keine Handschellen trug. „Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, sie müssen öfters Dokumente unterschreiben. Aber es war außer der Anwältin und ihm niemand im Raum.“

Der Flüchtende entkommt der Polizei

Zudem sei laut Polizei unklar, warum das Fenster zu so einer Gelegenheit habe ganz offen stehen müssen. Die Verteidigerin habe das Fenster zugemacht, es aber nicht zusätzlich mit dem abziehbaren Schlüssel abgeschlossen“, teilt das Amtsgericht mit. Der Mann sei an der Verteidigerin vorbei zum Fenster gegangen, auf einen Stuhl gestiegen und habe das Fenster geöffnet – die alarmierten Polizisten konnten den Mann nach der Flucht nicht mehr einholen. „Es handelt sich um einen absoluten Einzelfall“, sagt Michael Reißer, Sprecher des Heilbronner Amtsgerichts.

Laut Polizeiangaben ist der Beschuldigte nach wie vor flüchtig. „Eine Gefahr für die Bevölkerung besteht aber nicht“, sagt ein Polizeisprecher. Dem mehrfach vorbestraften Mann wird räuberische Erpressung zur Last gelegt. Er soll über ein Internetportal Kontakt zu einem Mann aufgenommen und ein Treffen mit einer jungen Frau arrangiert haben.

Als der Mann am 7. November am verabredeten Treffpunkt in Offenau eintraf, soll der Beschuldigte mit weiteren, bislang nicht bekannten Komplizen unter Androhung von Gewalt 500 Euro von ihm kassiert haben. Später verlangte der 23-Jährige für sein Stillschweigen noch einmal 1300 Euro mit dem Hinweis, die junge Frau sei noch minderjährig gewesen. Doch der Erpresste zahlte nicht weiter, sondern ging zur Polizei. Die nahm den 23-Jährigen fest.


Alexander Klug

Alexander Klug

Reporter

Alexander Klug ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.