Heilbronn
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Fackelmahnwache von Rechtsextremen wechselt kurzfristig den Veranstaltungsort

Großes Polizeiaufgebot in den Weinbergen Heilbronns am Samstagabend um 18.30 Uhr: Rechtsextreme hielten anlässlich des 77. Jahrestags der Bombardierung Heilbronns eine Fackelmahnwache ab - unentdeckt vom Gegenprotest des "Netzwerks gegen Rechts".

Adrian Hoffmann
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Die Anmelder der Mahnwache zum Bombenangriff haben nach Angaben von Polizeisprecher Daniel Fessler kurzfristig den Veranstaltungsort gewechselt. Statt am Wartberg waren sie demnach in der näheren Umgebung des Jägerhauses präsent. Wie zufällige Augenzeugen schildern, sei dies beim Grillplatz Jägerhaussteige unterhalb der Waldgaststätte Jägerhaus gewesen. Der Fackelschein war aus der Ferne zu sehen.

Das "Netzwerk gegen Rechts" richtete eine Gegendemonstration aus und meldete gleich mehrere Kundgebungsorte im Bereich des Wartbergs an. Ziel war es, die Mahnwache zu stören. "Bereits seit mehreren Jahren versuchen Nazis diesen Tag für ihre Zwecke zu missbrauchen. Auch in diesem Jahr wollen sie sich wieder mit Fackeln auf dem Wartberg inszenieren", hieß es in einer Ankündigung. Es sei ein schmaler Grat, einerseits ein würdiges Gedenken zu veranstalten und auf der anderen Seite Nazis nicht den Raum für ihre Hetze zu lassen.

Mit Polizeibegleitung durch die Weinberge

Mit zahlenstarker Polizeibegleitung liefen die Teilnehmer der Gegendemonstration durch die Weinberge. "Begleitetes Wandern", meinte einer von ihnen. Zur Gedenkveranstaltung direkt vor dem Wartberg-Restaurant kam neben einigen lokalen Vertretern verschiedener Parteien auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Josip Juratovic. Gerade in diesen Zeiten, in denen die Demokratie "schweren Angriffen" ausgesetzt sei, sei es ihm wichtig, ein Signal gegen das Vergessen zu setzen, so Juratovic.

Angemeldet worden waren für beide Veranstaltungen - sowohl die Fackelmahnwache der Rechtsextremen sowie den Gegenprotest - jeweils 50 Teilnehmer. Polizeisprecher Daniel Fessler sagte am Samstagabend, gegen 20 Uhr seien beide Veranstaltungen zu Ende gewesen. Die angemeldete Teilnehmerzahl sei jeweils nicht überschritten worden. Der Verlauf der Veranstaltungen sei friedlich gewesen.

Kundgebung des "Netzwerk gegen Rechts" in den Weinbergen
Kundgebung des "Netzwerk gegen Rechts" in den Weinbergen - die Fackelmahnwache von Rechtsextremen blieb unentdeckt.

Heilbronns Polizeirevierleiter Thomas Nürnberger nannte auf Nachfrage von Stimme.de den Veranstaltungsort der Fackelmahnwache nicht.

Broschüre umschreibt Szene hinter den Mahnwachen

Bereits seit dem 4. Dezember 2018 versammelten sich Rechtsextreme auf dem Heilbronner Wartberg zur Fackelmahnwache, heißt es in einer aktuellen Broschüre des Journalisten Sven Ullenbruch unter dem Titel "Ein Blick auf die Region Heilbronn. Zwischen extrem rechten Aktivitäten und Engagement für eine menschenrechtsorientierte Demokratie". Herausgegeben wurde diese vom Demokratiezentrum des Landes.

Es handelt sich demnach bei den Teilnehmern unter anderem um Anhänger der NPD und dem extrem rechten Verein „Freundeskreis Ein Herz für Deutschland“ mit Sitz in Pforzheim. „Auch zum 75. Jahrestag der Bombardierung postierten sich etwa 50 Neonazis mit Fackeln in den Weinbergen unterhalb des Wartbergs“, schreibt Ullenbruch in der Broschüre weiter. Die lokale Szene bemühe sich dabei, an die seit 1993 in Pforzheim durchgeführten sogenannten Mahnwachen anzuknüpfen, an denen auch Heilbronner NPD-Funktionäre regelmäßig teilnähmen.

Möglichst unpräzise Angaben: Großraum Heilbronn

Es gehe dabei um die Verbreitung eigener geschichtspolitischer Thesen. Die Heilbronner Initiative „WIR“ zeige sich davon begeistert, so Ullenbruch, und lobe die Mahnwachen als „vorbildliche Pionierarbeit“. Im Vorfeld des 75. Jahrestages der Bombardierung am 4. Dezember 2019 – schreibt Ullenbruch weiter – rief „WIR“ einen Ortsverband Heilbronn des Pforzheimer „Freundeskreises Ein Herz für Deutschland“ ins Leben und habe einen eigenen „Trauerschleifen-Anstecker“ zum Kauf angeboten. Ullenbruch beschreibt das Ziel der Rechtsextremen so: „Es geht ihnen um nichts weniger als die Umdeutung der Geschichte und die Zerstörung einer demokratischen Erinnerungskultur an die nationalsozialistische Herrschaft.“

Und tatsächlich, auch für die Fackelmahnwache 2021 warb die Initiative „WIR“. Auf der Webseite wird als Veranstalter der Freundeskreis-Ortsverband Heilbronn angegeben. Treffpunkt für die Mahnwache, möglichst wenig präzise für ungebetene Mitleser: Großraum Heilbronn.

Heike und Thomas Sinn von der Wartberg-Gastronomie beobachten das Geschehen am Samstagabend und die Polizeipräsenz. Seit einer Konfetti-Attacke im Jahr 2018 auf Teilnehmer eines AfD-Treffens hätten sie genug von diesem Thema. Allerding finde sie schon, dass eine Demokratie es aushalten müsse, dass auch die AfD an einem Ort tage, sagt Heike Sinn. Bei ihnen aber nicht mehr, so Sinn rückblickend. "Heute ist eigentlich ein Gedenktag", ergänzt ihr Mann Thomas Sinn. Dieser sollte seiner Ansicht nach nicht für politische Zwecke missbraucht werden, und zwar von niemandem.

 

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