Fußballer tritt auf Gegner ein

Von Helmut Buchholz

Fußball 

Tritte gegen Kopf: Amateurkicker tickt total aus

Tatort Fußballplatz: In Neudenau hat ein Spieler seinen Gegner schwer verletzt. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Foto: Paco Ayala/Fotolia

Der Gewaltausbruch schockiert nicht nur die Amateurfußballer in der Region: Am Pfingstmontag ist ein Spieler des Vereins Türkiyemspor Obereisesheim in der 65. Minute des Spiels der Reservemannschaften in der Kreisliga A2 gegen SGM Neudenau/Siglingen komplett ausgerastet.

Harald Elsässer, sportlicher Leiter bei der SGM, beschreibt den Angriff so: "Er ging unserem Spieler mit dem Ellbogen ins Genick, hat ihm, als der schon am Boden lag, zwei, drei Faustschläge versetzt, ist dann aufgestanden und hat mit dem Kickstiefeln drei bis vier Mal gegen den Kopf und Nacken getreten." Mitspieler bei Türkiyemspor hätten die Attacke gestoppt, indem sie sich auf ihren Mannschaftskameraden geworfen haben und ihn festhielten, so Elsässer. Der Schiedsrichter habe dem Türkiyemspor-Spieler die rote Karte gezeigt.

"Unsere Spieler waren schockiert, haben das Spiel nicht fortgesetzt und sind vom Platz gegangen", berichtet Elsässer über die Szenen. Dann habe der vom Platz gestellte Spieler mit Anlauf abermals probiert, sein Team zu attackieren - wieder sei er von seinen Mannschaftkameraden daran gehindert worden.

Der SGM-Spieler wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Er soll eine Gehirnerschütterung haben, wurde nach der ärztlichen Versorgung aus der Klinik entlassen, ist wegen seiner Verletzungen krankgeschrieben. Auch die Polizei war vor Ort und ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Konsequenzen 

Die SGM hatte sich nach dem Gewaltexzess dazu entschlossen, die erste Mannschaft nicht mehr gegen Türkiyemspor antreten zu lassen. Zwar werte der Fußballverband jetzt das Match wohl 3:0 gegen die SGM, auch eine Geldstrafe wird es geben. Doch das nehme der Verein in Kauf, versichert Elsässer. Denn "so eine Brutalität habe ich noch nie erlebt. Ich habe keine Ahnung, warum der so ausgetickt ist." Im Fußball gebe es viele Emotionen und nicht immer nur schöne Worte. Aber so etwas gehöre nicht zu diesem Sport.

Die SGM überlege, welche Konsequenzen sie zieht. Elsässer: "Bei uns geht die Tendenz dazu, dass wir auch in Zukunft nicht mehr gegen Türkiyemspor antreten wollen." Doch Elsässer sagt auch dies: "Es gibt keine Anschuldigung gegen den Verein, es war eine Einzelperson."

Es ist nicht das erste Mal, dass der Obereiseheimer Verein negativ auffällt. Die Polizei meldete am Dienstag, dass es auch bei dem Kreisliga-Spiel vor einer Woche gegen die SG Bad Wimpfen zu einem Übergriff kam. Ein Spieler der SG habe jetzt Anzeige erstattet, weil ein Spieler der ersten Türkiyemspor-Mannschaft ihn auf dem Spielfeld bewusstlos geschlagen habe. Der 23-Jährige berichtete, dass er dem Spieler den Ball abgenommen habe und dieser ihn daraufhin mit der Faust so kräftig auf den Hinterkopf geschlagen habe, dass er ohnmächtig wurde. Das Spiel lief jedoch weiter, der Schiedsrichter habe nichts gesehen. Der Obereisesheimer Spieler wurde später von seinem Trainer ausgewechselt.

Doch auch in Neudenau kam es schon vor einem Jahr in der vergangenen Saison bei der Begegnung mit Türkiyemspor zum Spielabbruch, das bestätigt der Fußballbezirk Unterland. Damals sei das Ziel der Aggression aber der Schiedrichter und nicht die Spieler der SGM gewesen.

Bedauern

Halis Olgun, Türkiyemspor-Funktionär, bedauert, was jetzt in Neudenau geschehen ist und kündigt an: "Wir werden den Spieler entlassen." Das Verhalten sei nicht zu akzeptieren. Allerdings habe die Eskalation eine Vorgeschichte: "Der SGM-Spieler hat meinem Spieler drei Tritte versetzt. Das hat der Schiedsrichter nicht gesehen." Außerdem sei der Türkiyemspor-Spieler beleidigt worden.

Halis Olgun hat auch nur einen Tritt gegen den Kopf gesehen. Auf dem Weg in die Kabine sei seinem Team zugerufen worden: "Was seid ihr für ein Scheißvolk." Darum fragt Olgun: "Wir sind nicht die ganz Unschuldigen, aber man muss auch die andere Seite sehen." Die anderen sollten auch einmal bestraft werden. "Aber wir stehen immer im Fokus." Sein Verein habe nun einen Ruf, sei aber auch massiv Provokationen und Beleidigungen ausgesetzt. "Ja, ich weiß, wir haben schon zig Strafen bekommen. Wir müssen an uns arbeiten." Halis Olgun zieht für sich jedenfalls schon Konsequenzen. "Ich habe als Trainer Verantwortung, trete zurück, werde die zweite Mannschaft nicht mehr übernehmen."

 

Das sagt der Fußballverband

Der Vorfall liegt nun erstmal beim Fußballbezirk Unterland. "Beide Vereine werden eine Stellungnahme abgeben, dann fällt ein Sportgerichtsurteil", sagt Bezirksvorsitzender Ulrich Pressler. Mögliche Sanktionen gegen den Spieler könnten mehrere Monate bis zu einem Jahr Sperre sein. Auch ein kompletter Ausschluss vom Verband sei möglich. Dem verletzten Spieler der SGM stehe es zudem frei, zivilrechtlich gegen den Täter vorzugehen. Das Sportgericht brauche zwei bis drei Wochen für eine Entscheidung.

Pressler sagt, dass der Verband "immer mal wieder etwas über Türkiyemspor" gehört habe, aber nie "so etwas Eklatantes wie jetzt". Man könne jedoch nicht pauschal sagen, was passiere, liege am Verein. Hat der Amateurfußball ein Gewaltproblem? Generell würde Pressler sagen, dass zwar nicht die Anzahl der Fouls in den Spielen zugenommen habe. Sie seien früher aber "geringfügiger" gewesen als heute. Der Fußball sei ein Spiegel der Gesellschaft. Das Gewaltproblem spiegele sich in ihm wider. mut