70-Jähriger sticht vor Kilianskirche ohne Vorwarnung auf Flüchtlinge ein

Von Manfred Stockburger und Hans-Jürgen Deglow

Heilbronn 

Ein 25-jähriger Iraker ist  am Samstagabend mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, nachdem er gegen 21 Uhr von einem 70-jährigen Heilbronner ohne Vorwarnung mit einem Messer angegriffen worden war. Lebensbedrohlich sind die Verletzungen laut Polizei nicht. Ein 17-jähriger Afghane und ein 19-Jähriger aus Syrien wurden bei dem Angriff vor der Heilbronner Kilianskirche leicht verletzt, sie mussten den Angaben zufolge ambulant behandelt werden.

Täter wieder auf freiem Fuß

Weil der Täter bislang polizeilich nicht auffällig gewesen sei und einen festen Wohnsitz habe, wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt, sagte ein Polizeisprecher auf Nachfrage der Heilbronner Stimme. Die Tat werde nicht als versuchtes Tötungsdelikt, sondern als schwere Körperverletzung gewertet. „Deshalb gibt es keinen Haftgrund.“

Der Täter hat laut Polizei die deutsche und die russische Staatsangehörigkeit. Zunächst hatten die Beamten die Tat eines russischen Staatsangehörigen gemeldet, auf mehrfache Nachfrage der Redaktion dies aber korrigiert: Es handelt sich um einen Russlanddeutschen. Der Mann wurde von Passanten überwältigt und festgehalten, bis die Polizei eintraf. Der Messerstecher sei stark alkoholisiert gewesen, heißt es.

Keine Angaben zum Motiv

Zum Tatmotiv machte die Polizei am Sonntag keine Angaben: Die Ermittlungen laufen, hieß es lediglich. In den vergangenen Wochen hatte es in der Stadt allerdings zunehmend heftige Diskussionen gegeben, weil sich im Bereich um die Kilianskirche häufig Flüchtlinge aufhalten.

„Ich bin zuallererst tief bestürzt über diese abscheuliche Tat und im Gedanken bei den Verletzten. Ich hoffe, es gibt keine bleibenden Schäden“, erklärte Heilbronns OB Harry Mergel (SPD). „Ich appelliere auch weiterhin an einen besonnenen, verantwortungsvollen und von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft geprägten Umgang mit den Flüchtlingen.“

Harry Mergel nimmt den Vorfall aber auch zum Anlass, um für Vertrauen in die Arbeit der Polizei zu werben: „Ich teile deren Einschätzung, dass es keinen objektiven Grund dafür gibt, mit Angst in die Heilbronner Innenstadt zu gehen.“

Landtagsabgeordnete verurteilt Selbstjustiz

Die Motivation des Täters sei ihr zwar nicht bekannt, sagte die Heilbronner Landtagsabgeordnete Susanne Bay (Grüne). „Aber eines ist klar: Die Diskussion um das Sicherheitsgefühl in Heilbronn darf niemals zur Folge haben, dass irgendjemand meinen könnte, sich womöglich herausnehmen zu können oder zu müssen, selbst scheinbares Recht zu schaffen.“ Dafür gebe es in Deutschland Gesetze, Gerichte und eine funktionierende Polizei, betonte die Abgeordnete. „Bei all den Vorkommnissen und Diskussionen der letzten Monate erschreckt es mich, wie dünn teilweise bei uns die zivilisatorische Decke ist.“

Damit bezieht sich Susanne Bay auch auf den Fall einer achtköpfigen Flüchtlingsfamilie aus dem Irak, die im Heilbronner Stadtteil Frankenbach wohnt. Unbekannte versuchen offenbar, sie mit Sachbeschädigungen unter Druck zu setzen. Am Donnerstag wurden fünf Fahrräder der Familie unbrauchbar gemacht, indem die Reifen zerstochen wurden, wie ein Polizeisprecher auf Stimme-Anfrage bestätigte. Konkrete Täterhinweise gebe es in diesem Fall nicht.

Ehrenamtliche meldete den Vorfall

Eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin hatte den Vorfall der Stimme gemeldet. Nach ihren Angaben wurden seit Dezember auch mehrfach Reifen am Auto der Familie zerstochen. Bereits im August hatten unbekannte Täter wie berichtet das Reihenhaus der Familie mit einem Hakenkreuz beschmiert.


Kommentar: Neue Dimension

Der Messerangriff gegen drei junge Flüchtlinge vor der Heilbronner Kilianskirche wirft viele Fragen auf.

Von Manfred Stockburger

Über sein Motiv ist nichts Definitives bekannt, und ja, der Täter war betrunken. Fakt ist aber, dass der 70-Jährige ohne Vorankündigung auf drei junge Männer aus Syrien, Afghanistan und dem Irak eingestochen hat. Auf Menschen, die vor den dortigen Bürgerkriegen geflohen sind, um hier eine sichere Zuflucht zu finden. Der Verdacht, dass die Tat einen fremdenfeindlichen Hintergrund hat, drängt sich auf. War es Selbstjustiz? Oder doch nur die Attacke eines Betrunkenen?

Vorfall markiert eine Zäsur

Zum Glück sind die Verletzungen, die der Heilbronner angerichtet hat, nicht lebensbedrohlich. Dennoch markiert der Vorfall vom Samstagabend eine Zäsur: Bisher brannten in der Region lediglich noch leer stehende Flüchtlingsunterkünfte − das ist schlimm genug. Wenn nun Menschen aus fremdenfeindlichen Motiven wahllos mit dem Messer angegriffen werden, dann wäre das eine ganz neue Dimension. Stadt und Region müssen gemeinsam mit OB Harry Mergel laut und eindeutig Nein sagen zu derartigen Umtrieben: Solche Angriffe passen nicht in unsere Welt. Und: Die Aussagen der geistigen Brandstifter in der Region und in ganz Deutschland, die den Weg für solche Taten bereiten, dürften nicht unwidersprochen bleiben.

Kopfschüttelnd lässt den Beobachter aber auch die Tatsache zurück, dass die Polizei einen Täter, den couragierte Passanten offenbar davon abgehalten haben, noch mehr Unheil anzurichten, gleich wieder auf freien Fuß setzte − obwohl der Verdacht auf ein fremdenfeindliches Motiv nahe liegt. Die Stiche hätten auch tödlich enden können.