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Gastkommentar: In China droht eine Covid-Sturmflut

Die China-Expertin Salome Foltin über die Reisewelle zum Neujahrsfest, die das Virus im ganzen Land verbreiten dürfte.

Von Salome Foltin
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Lesezeit  2 Min

Zur Gast-Autorin

Salome Foltin aus Heilbronn ist Sinologin. Die 41-Jährige lebte lange im chinesischsprachigen Ausland, bevor sie im Januar 2022 die Fachbereichsleitung Fremdsprachen an der Volkshochschule Heilbronn übernahm. Foltin war zudem 3,5 Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tübingen.


Gastbeitrag: In China droht eine Covid-Sturmflut
Salome Foltin arbeitet bei der Volkshochschule Heilbronn. Foto: privat  Foto: privat

Chinesisches Neujahresfest

Am 9. Januar 2023 gab das Auswärtige Amt einen Reise- und Sicherheitshinweis für China heraus: Die Volksrepublik China, ausgenommen Hongkong, gilt ab sofort als drohendes Virus-Varianten-Gebiet. Von nicht notwendigen Reisen wird abgeraten. Seitdem die chinesische Staats- und Parteiführung im Dezember sehr überraschend ihre Null-Covid-Politik aufgegeben hat, trifft die hochansteckende Omikron-Variante auf eine unzureichend geschützte Bevölkerung. Zum chinesischen Neujahrsfest an diesem Sonntag reisen gegenwärtig Hunderte Millionen von Chinesinnen und Chinesen aus den Metropolen zu ihren Familien aufs Land und tragen das Virus in Chinas entlegenste Dörfer.

Chinas Impfkampagne legte den Fokus auf die Altersgruppe zwischen 18 und 59 Jahren. Berichte über Nebenwirkungen der chinesischen Vakzine Sinopharm und Sinovac zogen eine Impfskepsis bei vielen Älteren nach sich. So sollen nach Behördenangaben rund 25 Millionen Menschen über 60 Jahre völlig ungeschützt sein: ungeimpft und durch fehlenden Kontakt mit dem Virus ohne natürliche Immunität.

Erschwerende Faktoren

Erschwerend wirken sich drei weitere Faktoren aus. Erstens bieten die chinesischen Impfstoffe kaum Schutz vor Omikron, während in China die wirksameren mRNA-Impfstoffe nicht zugelassen sind. Zweitens ist Chinas Gesundheitssystem nicht auf den Corona-Notfall vorbereitet. Laut Jiao Yahui von der Nationalen Gesundheitskommission gab es Anfang Dezember landesweit 138 100 Intensivbetten. Das entspricht einem Bett pro hunderttausend Einwohner (in Deutschland sind es 28).

Schon Ende Dezember zeichnete sich ein alarmierendes Bild ab: Hoffnungslos überfüllte Kliniken, hoher Krankenstand bei Ärzten und Pflegepersonal, fehlende Medikamente, Krematorien im Dauereinsatz. Drittens ist die medizinisch unterversorgte Landbevölkerung überaltert. Vor diesem Hintergrund droht Chinas traditionelle Familienverbundenheit die Omikron-Welle nun zur Sturmflut anschwellen zu lassen.

Fast drei Jahre lang sollte die strikte Null-Covid-Politik genau diese Entwicklung verhindern. Warum rückte das Regime so unerwartet von seinem Grundsatz ab, wie dem Virus bestmöglich zu begegnen sei? Das Tempo, mit dem die Beschränkungen gelockert wurden, offenbart den wachsenden Druck, der auf Staatschef Xi Jinping lastet. Angesichts einer beispiellosen Wiederwahl im Oktober 2022, mit der sich Xi für weitere fünf Jahre als Generalsekretär der Kommunistischen Partei bestätigen ließ, hielten westliche Beobachter die Macht des Staatspräsidenten für unangreifbar.

Dann löste Ende November ein Hochhausbrand in der Stadt Ürümqi mit mehr als zehn Toten die größte Protestwelle seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 aus. Gegen rigide Ausgangssperren und andere Corona-Zwangsmaßnahmen, die ursächlich für das Unglück waren, gingen die Menschen in Peking, Schanghai, Wuhan, Hangzhou und anderswo auf die Straßen.

Symbolik und Protest

Doch der Protest gewann schnell an politischer Kontur. "Kommunistische Partei, tritt ab!", "Xi Jinping, leg das Amt nieder!" und vor allem "Meinungsfreiheit! Pressefreiheit!", skandierten die Protestierenden in Schanghai. Im Gedenken an die Toten versammelten sich die Schanghaier symbolhaft auf der Ürümqi-Straße. Symbolik spielte in anderer Hinsicht ebenfalls eine große Rolle: Nur leere Blätter Papier, die im Protest bald tausendfach hochgehalten wurden. Doch die Geste spottete wirkungsvoll der Zensur durch Chinas Machtapparat.

Auch in Hinblick auf die erlahmende Wirtschaft musste Xi Jinping kürzlich die Reißleine ziehen. Für 2022 wurde bei einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von lediglich 3,0 Prozent das staatliche Planziel klar verfehlt. Obwohl Chinas Außenhandel 2021 noch ein Rekordergebnis eingefahren hatte, kühlte auch hier die Nachfrage 2022 merklich ab.

Trotzdem ist durch die Kehrtwende nicht viel gewonnen. Die gewaltige Infektionswelle mit Millionen Infizierten und Tausenden Toten bremst die Wirtschaftsleistung ebenfalls aus. Xi steckt in einem Dilemma, während das antivirale Medikament Paxlovid astronomische Preise auf dem Schwarzmarkt erzielt. Bis zu 20 000 Yuan die Schachtel − rund 2750 Euro. Immerhin soll das in China zugelassene Pfizer-Präparat gegen einen schweren Covid-Verlauf schützen.

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