Stimm-O-Mat
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Was passiert, wenn junge Wähler in der Kneipe über Politik diskutieren

Kurz vor der Kommunalwahl in Heilbronn sind wir mit dem Stimm-O-Mat auf Kneipentour gegangen. Wer Studierende fragt, welche Themen ihnen wichtig sind, lernt neue Perspektiven auf die Stadt kennen.

Von Christine Faget und Christian Gleichauf
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Jungen Wählern über die Schulter geschaut
Unsere Redaktion hat sich zum Feierabend in den Heilbronner Kneipen umgehört und mit Studierenden über Politik gesprochen. Foto: Christian Gleichauf

Es hat sich etwas verändert. Wer heute mit dem sperrigen Wort "Kommunalwahlen" an junge Erwachsene herantritt, erntet nicht mehr automatisch verständnislose Blicke, sondern zu einem großen Teil echtes Interesse. Das zeigt sich zumindest beim Experiment unserer Redaktion mit dem Stimm-O-Mat, einem Wahl-O-Mat-ähnlichen Online-Fragebogen zur Gemeinderatswahl in Heilbronn. Mehr als 6000 Nutzer haben die 24 Thesen bereits durchgespielt.

Wir wollten wissen, was die jungen Wähler denken, wenn sie zu Themen wie Mobilität und Kulturförderung, zu Handel und Wohnungsnot Position beziehen. In zwei Heilbronner Kneipen ließen sich sechs Studenten beim Test über die Schulter schauen und kommentierten ihre Entscheidungen.

 

These 1: Das Wollhaus soll als großer Einkaufsmagnet wiederbelebt werden.

Einig sind sich die Studenten, dass das Wollhaus ein Schandfleck in Heilbronn ist, eine "Ruine", wie Luise Biere es formuliert. Nishan Josan "fände es auch nicht schlecht, wenn da nur Wiese wäre".

These 2: Die Fußgängerzone in der Innenstadt soll erweitert werden.

Sehr gemischt sehen hier die Antworten aus. Quirin Kury stimmt mit "Neutral", weil er nicht wüsste, wo sie erweitert werden könnte. Luise Biere hält die derzeitige Fußgängerzone für ausreichend. Niklas Hilgarth kommt ursprünglich aus Ravensburg. "Dort ist sie größer, obwohl die Stadt weniger Einwohner hat als Heilbronn", sagt er und stimmt zu.

Jungen Wählern über die Schulter geschaut
Die Studenten Luise Biere (rechts) und Quirin Kury brüten im Lehner"s über den Thesen zu Heilbronn. Am Sonntag, 26. Mai, wählen sie zum ersten Mal einen Gemeinderat.

Thesen zur Mobilität

Hier läuft für die jungen Wähler manches falsch in der Stadt. Alle befürworten eine Verbesserung des ÖPNV-Angebots. Fast alle würden die städtischen Ausgaben dafür auf 18 Millionen Euro jährlich verdoppeln - nur Quirin Kury hält das für "eine ziemlich radikale Forderung". Er begrüßt wie Luise Biere und Niklas Hilgarth, dass die Stadt konsequent aufs Radfahren setzt. Für die zwei anderen jungen Männer hört die Fahrradfreundlichkeit bei der Forderung auf, dass auf der Allee die Autos den Radlern Platz machen sollen. "Da ist jetzt schon Chaos", sagt Nishan Josan.

These 11: Die Stadt soll für mehr Sicherheit sorgen. Die Videoüberwachung in Heilbronn soll ausgebaut werden.

Davon wäre keiner der Test-Teilnehmer begeistert, die Frage erscheint einigen aber auch nicht besonders drängend. "Die Situation am Marktplatz hat sich doch beruhigt, dann kann man momentan drauf verzichten", findet Nishan Josan. Quirin Kury gewichtet seine ablehnende Antwort am Ende doppelt: "Persönliche Freiheit ist mir wichtig."

These 12: Die Stadt Heilbronn soll nicht nur den Kindergarten, sondern auch Kitas für unter Dreijährige kostenlos anbieten.

Julia A. stimmt mit Überzeugung zu. "Mir ist es wichtig, werdende Mütter zu unterstützen. Lukas B. fühlt sich mit dieser Frage überfordert. "Ich weiß noch nicht mal, was so ein Kita-Platz kostet." Er würde jetzt zustimmen, aber gleichzeitig führe das dann wohl zu Ergebnissen, die vielleicht gar nicht seiner Überzeugung entsprechen. "Das ist problematisch." Quirin Kury lehnt den Vorschlag ab. Er bezweifelt, dass er sich finanzieren lässt.

These 14: Die Stadt soll Investoren beim Grundstücksverkauf stärker verpflichten, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Wer verkauft was? Die Frage sei unklar formuliert, sagen mehrere der Tester. Die meisten halten die Idee trotzdem für gut. Nishan Josan sagt Nein: "Das soll die Stadt selber machen." Quirin Kury lehnt "Zwangsmaßnahmen" ebenfalls ab. Die anderen befürworten diesen Punkt überwiegend.

Die jungen Leute setzen sich mit fast allen Themen auseinander, klicken einige Male aber doch auf "Überspringen". Dass die Kranenstraße wegen der Buga für den Verkehr gesperrt wurde und dadurch mehr Autos durch die Innenstadt fahren, ist den meisten nicht bewusst. Die Pläne zur Erweiterung der Saarlandstraße kennen sie nicht. Mit der geplanten Fußgänger- und Radfahrerbrücke in den Neckarbogen haben sie sich ebenfalls nicht beschäftigt. "Zehn Millionen Euro sind aber ziemlich viel Geld für so eine Brücke, das könnte man für die Kinder investieren", sagt Julia B. Alle erkennen aber an, dass zusätzliche Projekte Geld kosten und damit wohl Steuererhöhungen verbunden wären.

Wessen Positionen entsprechen der eigenen Überzeugung?

Weil bei der Kommunalwahl nicht die Parteien zählen, ist die Ergebnisliste mit den passenden Kandidaten am Ende bei allen bunt gemischt. Für Lukas B. zeigt der Stimm-O-Mat die größten Übereinstimmungen mit Kandidaten der Linken und der BIG. "Da stimme ich politisch sicher nicht überein", sagt er. Nishan Josan sympathisiert mit der FDP, sieht aber Niklas Anner von der SPD als Top-Kandidaten vorn. "Oh, Niklas hat mit mir Abi gemacht, vielleicht ist es auch eine Altersfrage", vermutet Josan.

Sehr gut passt das Ergebnis mit mehreren Grünen-Kandidaten zu Niklas Hilgarth. Luise Biere ist zufrieden, dass bei ihr Kandidaten von Linken, Grünen und SPD ganz oben stehen. Zu FDP und SPD tendiert Quirin Kury und sieht sich vom Stimm-O-Mat bestätigt. Nach einem Blick auf die Begründungen ist Nishan Josan allerdings enttäuscht, wie viele der Kandidaten sich nicht die Mühe gemacht haben, ihre Antworten zu begründen.

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Am Montagabend würfeln im Lehner's vor allem Studenten um Cocktails. Fast alle Tische sind belegt, doch nur wenige kommen aus Heilbronn:

Luise Biere und Quirin Kury wohnen beide noch kein Jahr in der Stadt, doch sie haben sich mit der Wahl hier schon auseinandergesetzt. Die 20-jährige Tourismus-Management-Studentin Biere hat den Wahlzettel sogar schon abgeschickt. "Die Kandidaten hier kenne ich natürlich nicht, ich bin nach den Parteien gegangen." Kury, ebenfalls 20, wollte sich bis Sonntag noch mit den Wahlzetteln beschäftigen. Der Stimm-O-Mat kommt ihm da gelegen.

Nishan Josan aus Böckingen studiert Internationale Betriebswirtschaft (IBIS) an der Hochschule Heilbronn. Der 20-Jährige engagiert sich bei bei den Jungen Liberalen. Sein Kommilitone Niklas Hilgarth (19) hat sich für die Grüne Jugend entschieden. Auch im Mangold auf der anderen Neckarseite finden sich an diesem Abend zwei junge Heilbronner, die den Stimm-O-Mat durchspielten. Ihre Namen sollen nicht veröffentlicht werden, wir nennen sie Julia A. und Lukas B.

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