Kandidatenporträt
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Marcel Distl: Vom Wandel der Liberalen überzeugt

Marcel Distl sieht in der FDP mehr als die Steuersenkungspartei. Er will auch junge Wähler ansprechen.

Von Christian Gleichauf
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Vom Wandel der Liberalen überzeugt
Die Zeit an der Oscar-Paret-Schule in Freiberg hat Marcel Distl in guter Erinnerung. Auch das Konzept der Gesamtschule ging für ihn auf. In Bildung müsse aber mehr investiert werden, fordert der FDP-Kandidat.Foto: Werner Kuhnle

Innerhalb von zwei Jahren vom Praktikanten der Landtagsfraktion zum Bundestagskandidaten, so schnell kann es bei der FDP inzwischen gehen. Marcel Distl aus Freiberg am Neckar tritt mit 24 Jahren als jüngster Kandidat der größeren Parteien im Wahlkreis Neckar-Zaber an. Den ersten Teil seines Politikwissenschafts- und Soziologie-Studiums hat er gerade mit dem Bachelor abgeschlossen. Der Masterstudiengang folgt − wenn ihn die Wähler nicht nach Berlin schicken.

"Ich bin froh, dass die FDP 2013 mit 4,8 Prozent nicht mehr in den Bundestag einziehen durfte", sagt Distl. "Das war jedenfalls besser, als wenn sie wieder mit 5,1 Prozent reingekommen wäre." So habe die Partei die Chance gehabt, sich rundum neu aufzustellen. "Diesen Veränderungsprozess habe ich 2015 bei der Landtagsfraktion hautnah miterlebt." Personell und auch inhaltlich habe es einen Neuanfang gegeben. Auf "ur-liberale Themen" wie Bürgerrechte habe man sich wieder konzentriert, oder auch auf die Digitalisierung. "Das ist auch für uns hier im Wahlkreis ein Thema, da gibt es noch Ecken ohne DSL, wo man auch mit dem Handy nicht ins Internet kommt."

Junge Menschen sollen sich mehr engagieren

Das Netz spielt auch für den Wahlkampf eine immer wichtigere Rolle. "Marcels Monday Talk" heißt die wöchentliche Ansprache auf Facebook, mit der Distl zu politischen Themen Stellung bezieht. Und gleichzeitig weiß er, dass er viele aus seiner Generation auf diesem Weg schon kaum noch erreicht. "Bei den 20-Jährigen ist Facebook gar nicht mehr angesagt." Er würde sich jedenfalls wünschen, dass sich die jungen Menschen wieder mehr für Politik interessieren, damit es nicht so läuft wie beim Brexit, als die älteren die jungen einfach überstimmen konnten.

Um ältere Wähler zu erreichen, bleibt er aber auch beim klassischen Infostand. Zusätzlich setzt er auf Haustürwahlkampf. "Das kommt ja eher aus dem amerikanischen oder britischen Bereich, aber das lohnt sich", sagt Distl. Die Partei unterstütze ihn dabei "enorm", aber auch Freunde aus dem Studium oder aus seiner Heimatstadt Freiberg.

Vom Wandel der Liberalen überzeugt

Wie sehr er sich in Freiberg verwurzelt fühlt, habe er erst zuletzt beim Bürgerfest wieder gespürt. Hier ging er zur Schule, hier kennen viele seinen Namen, seine Familie. Wohin sein Weg ihn aber führen wird, das will er noch nicht abschätzen. "Ich interessiere mich für internationale Politik, würde gerne Erfahrungen bei einer Institution der EU sammeln", sagt Distl. Offen sei, wo es dann weitergeht.

Bildung liegt dem Jung-Politiker am Herzen. "Wie kann es sein, dass ein Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Geld für Schulen in Botswana oder Burundi ausgeben darf, aber nicht für unsere in Deutschland." Die Abschaffung des "Kooperationsverbots" sei dringend geboten, damit der Bund den Ländern hier auch unter die Arme greifen kann. Zudem brauche es für die schwächeren Schüler gezielte Nachhilfe und insgesamt mehr Lehrer.

Dass die FDP häufig auf das Label "Steuersenkungspartei" reduziert wird, soll sich ändern. Wobei auch bei diesem Thema noch viel zu tun sei. "Die CDU geht seit 2005 in jeden Bundestagswahlkampf mit Steuersenkungsversprechen. Aber es passiert einfach nichts." Änderungen bei der "kalten Progression" oder beim überholten Soli-Zuschlag seien jetzt überfällig.

Gegen das tägliche Verkehrschaos

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Mit der Familie in Florida: Einer der beeindruckendsten Urlaube für den jungen Marcel Distl.

Im Wahlkreis sieht er vor allem Handlungsbedarf beim Thema Infrastruktur. "Das tägliche Verkehrschaos rund um Stuttgart hat natürlich viele Ursachen." Einen Ring um Stuttgart, der auch eine Umfahrung im Norden zulässt, hält er immer noch für erstrebenswert. "Es wird aber auch nicht einfacher mit der Zeit", ist sich der 24-Jährige über die Situation im Klaren. Fahrverbote hält er im Gegensatz dazu nicht für angebracht. Der ÖPNV müsse stattdessen günstiger und besser werden. Und der Straßenbau insgesamt dürfe nicht vernachlässigt werden.

An der Flüchtlingskrise kritisiert er vor allem, dass so viele Menschen unkontrolliert ins Land gekommen seien, zuerst ohne registriert zu werden, um sich dann ohne Abgleich oft mehrfach registrieren zu lassen. Die Partei, die am weitesten von der FDP entfernt ist, sei trotzdem die AfD: "Wir schüren keine Angst vor dem Islam, wir machen nicht die Menschen für die Flüchtlingskrise verantwortlich, die zu uns kommen", sagt Distl. "Wir wollen Mut machen und sehen Chancen, keine Bedrohungen."

 

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