Neckarsulm
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Von Deir ez-Zor nach Neckarsulm: Eine syrische Großfamilie ist angekommen

Der 16-jährige Abdul Kader Alhamda ist 2013 mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien geflohen und hat in Neckarsulm ein sicheres Zuhause gefunden. Stimmt!-Schreiberin Ambra hat ihn besucht.

Von Ambra Link
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Lesezeit  3 Min

Seit 2011 herrscht in Syrien ein Bürgerkrieg, der bereits Hunderttausend Kindern, Frauen und Männer das Leben gekostet hat. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerk sind rund 6,7 Millionen Menschen aus dem Land geflohen (Stand: Januar 2019). Die meisten von ihnen befinden sich in angrenzenden Staaten, wie der Türkei, dem Libanon und Jordanien. Mehr als eine Million syrische Kriegsgeflüchtete sind nach Europa gekommen – von ihnen leben rund 770 000 Menschen in Deutschland (Stand: Dezember 2019). Auch der 16-jährige Abdul Kader Alhamda ist mit seiner Familie 2013 vor dem Krieg in Syrien geflohen und hat in Neckarsulm ein sicheres Zuhause gefunden.

Fast ein kleiner Schuhladen

Wenn Abdul Kader nachmittags von der Schule nach Hause kommt, zieht er sich die Schuhe vor der Haustüre aus. Im Eingangsbereich der aufgeräumten Wohnung, in der seine Familie seit 2020 wohnt, steht ein extra großes Schuhregal. Alle Schuhe stehen fein säuberlich in Paaren beieinander, „Willkommen im kleinsten Schuhladen der Welt“, sagt Abdul grinsend. 30 Paar Schuhe stapeln sich in dem weißen Regal, in das jetzt auch Abdul seine Turnschuhe stellt.

Zu zehnt in vier Zimmern

Vom Eingangsbereich führt Abduls Weg direkt in die Küche, denn er will wissen, was es zu essen gibt. Alles steht schon vorbereitet in kleinen Schalen auf der Küchenablage. „Jetzt müssen wir warten“, sagt er und wirft seinen Schulranzen in die Ecke seines Zimmers, das er sich mit seinen Brüdern teilt. Seine Schwestern teilen sich das Zimmer schräg gegenüber, und auch Abduls Eltern haben ein eigenes kleines Schlafzimmer. Mit vier Schwestern und fünf Brüdern ist der heute 16-jährige Jugendliche aufgewachsen, eine Familie fast so groß wie eine kleine Fußballmannschaft. Heute leben zwei seiner Schwestern in eigenen Wohnungen. Trotzdem kann es auch „nur“ zu zehnt in der gemütlichen Vier-Zimmerwohnung manchmal ganz schön eng werden.

Jeden Nachmittag isst Familie Alhamda gemeinsam im großen Wohnzimmer. Auf dem Boden liegt ein rotes Tuch, auf dem jetzt die kleinen Schalen stehen. Alle sitzen schon im Kreis, als Abdul den Raum betritt. Schnell setzt er sich auf den Boden zwischen seinen 15-jährigen Bruder und seine Mutter. Während des Essens wird viel geredet, die jüngeren Geschwister erzählen von ihren Erlebnissen in der Schule und Abdullah, der älteste Bruder, erzählt von seinem Tag im Betrieb, er ist im dritten Lehrjahr. Noch vor neun Jahren, als Familie Alhamda nach Deutschland kam, mussten alle zehn Geschwister auf dieselbe Schule in Obereisesheim gehen. Heute geht jeder seinen eigenen Weg, so wechselt Abdul noch dieses Jahr auf eine Schule nach Heilbronn, um danach eine Ausbildung als Elektriker anzufangen.

Ankommen in Deutschland

So idyllisch, wie sich die Situation beim gemeinsamen Familienessen zeigt, war es nicht immer. 2013 flieht die Großfamilie vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland. Von Deir ez-Zor nach Neckarsulm. „Wir kamen an, und keiner von uns konnte Deutsch, da fühlt man sich ziemlich hilflos.“ Das erste deutsche Wort, das Abdul und seine Geschwister gelernt haben, war „Ja“. Bei Behördengängen, bei denen oft kein Dolmetscher zur Verfügung steht, im Supermarkt an der Kasse oder in den ersten Jahren an der Schule haben die acht Geschwister immer bejaht, wenn sie was gefragt wurden. „Uns wurde gesagt, Ja ist besser als Nein“, und daran haben sie sich gehalten. Heute ist Abdul, der flüssig deutsch spricht, glücklich darüber, auch „Nein“ sagen zu können, wenn ihm etwas nicht passt. Die Bürokratie in Deutschland macht der integrierten Familie noch heute Probleme.

Bei so vielen Kindern steht einiges an. „Selbst Muttersprachler haben Probleme, bei Behördengängen alles im Detail zu erfassen. Bei Familien mit Migrationshintergrund, bei denen häufig die Eltern der deutschen Sprache noch nicht vollständig mächtig sind, bringen die deutschen Formalitäten ganze Familien ans Limit“, sagt Martina Link, Leiterin des Jugendtreffs „Treff 23“ in Amorbach, den Abdul und sein kleiner Bruder Ali oft besuchen. Sie wünscht sich für Familien in derartigen Situationen einen Paten, der Familien bei den bürokratischen Angelegenheiten zur Seite stehen kann.

Familienzusammenhalt

Die Fluchterfahrung und der Neubeginn in Deutschland hat Familie Alhamda näher zueinander gebracht. Zwar leben sie in einer viel kleineren Wohnung als in Syrien, doch Streit gibt es unter den acht Geschwistern weniger. „Wir machen hier viel mehr zusammen, auch Alltägliches. Wir sind hier mehr aufeinander angewiesen.“ Das zeigt sich auch beim allwöchentlichen Familieneinkauf, den alle zusammen zu Fuß erledigen. Jedes Familienmitglied schnappt sich ein paar Tüten, und so laufen sie zusammen zum nahgelegenen Supermarkt. In Syrien waren die Familieneinkäufe Aufgabe der Eltern. Doch hier, wo der syrische Führerschein nicht gültig ist, helfen alle mit, die vollen Tüten nach Hause zu bringen. Das Verlassen ihrer Heimat und das Zurücklassen von Familie und Angehörigen war nicht leicht für die Familie. „Wir wussten, dass wir viele unserer Freunde nie wieder sehen werden“, sagt Abdul. „Aber wenn Krieg ist und man leben will, muss man gehen.“ Hier in Deutschland fühlen sich die Alhamdas sicher und aufgenommen. Besonders der Zusammenhalt innerhalb der Familie gibt Halt und Geborgenheit. „Wenn wir beim Essen zusammensitzen, denke ich oft, wie schwer es ohne meine große Familie wäre und wie sicher ich mich hier durch sie fühle.“

 


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