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Oma, erzähl mal

Stimmt!-Schreiberin Lilli will von ihrer Oma Erika wissen: Wie war es damals jung zu sein? Ein Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Von Lilli Zenth
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Lesezeit 4 Min

Stimmt!-Schreiberin Lilli will von ihrer Oma Erika wissen: Wie war es damals jung zu sein? Was ist geblieben, was hat sich geändert, und welche Hoffnungen und Befürchtungen hat die Generation unserer Großeltern für die Welt von morgen? Ein Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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Für das Gespräch mit ihrer Oma Erika ist Lilli (17) dankbar. Wenn nicht für dieses Interview, hätte sie ihrer Großmutter so manche Frage wohl nicht gestellt.  Foto: Tina Schulze

Lilli: Oma, ich habe vor kurzem angefangen, das Weggehen für mich zu entdecken und habe seitdem viele Abende in Bars und Clubs verbracht. Wie war das damals? Was habt ihr gemacht?

Erika Zenth: Wir haben immer gespielt. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es einen Ort, an dem wir uns freitags und samstags immer getroffen haben. Die ganze Dorfjugend war dort versammelt. Jemand brachte seine Ziehharmonika mit und wir haben gesungen, getanzt und Ballspiele gespielt. Wir waren damals nicht so anspruchsvoll wie viele junge Menschen es heute sind. Es musste nicht immer irgendetwas Besonderes passieren. Nach der Schule haben wir unsere Hausaufgaben gemacht, haben dann in der Landwirtschaft mitgeholfen und dann durften wir spielen gehen. Wir waren frei, und das hat uns schon gereicht. 

Lilli: Du hast vier Enkelkinder und bist vor kurzem sogar Uroma geworden. Was sagst du für unsere Zukunft voraus?

Erika Zenth: Auch wenn ich es mir anders wünschen würde, sehe ich eurer Zukunft leider kritisch entgegen. Mit dem Ukraine-Russland-Krieg, dem Klimawandel und all den Katastrophen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen werden. Ich bin in einer schöneren Zeit groß geworden, das Aufwachsen war einfacher. Wir waren freier. Hatten weniger schulischen Druck, weniger Verpflichtungen und weniger Erwartungen, die uns auferlegt wurden. Es gab weniger Einflüsse von außen. Man wurde mit weniger Meinungen konfrontiert, vor allem, da es das Internet in seiner heutigen Form ja noch nicht gab. Aber ich habe natürlich auch Hoffnung für die Zukunft, denn ohne Hoffnung ist alles verloren. 

Lilli: Der Umweltschutz liegt mir ja schon seit einigen Jahren sehr am Herzen, und in meiner Generation wird das Thema generell immer wichtiger. Wie stehst du eigentlich dazu?

Erika Zenth: Ich finde das sehr gut. Das Problem, das ich in der heutigen Zeite sehe, ist, dass wir uns immer mehr zur Wegwerfgesellschaft entwickeln. Das ist etwas, was ich aus meiner Jugend so gar nicht kenne. Wir hatten wenige Dinge, die qualitativ hochwertig und lange haltbar waren. Das ist die Nachhaltigkeit, mit der ich aufgewachsen bin, nur dass es damals noch nicht so betitelt wurde. Mit Politik haben wir uns allerdings weniger aktiv beschäftigt, damals war das einfach nicht so notwendig wie es heute ist. 

Lilli: Jetzt mal zu einer etwas persönlicheren Frage: Wie hast du eigentlich Opa kennengelernt?

Erika Zenth: Bei uns in der Gegend gab es immer Tanzabende, dort habe ich deinen Opa kennengelernt und mich in ihn verliebt. Da muss ich so 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein. Drei Jahre später haben wir geheiratet.

Lilli: In deinem Leben hast du ja sehr viele Dinge und Lektionen gelernt. Was ist dir da besonders im Gedächtnis geblieben?

Erika Zenth: Ich war 30 Jahre lang Kindergärtnerin, da habe ich viele verschiedene Generationen von Kinder miterlebt. Mir fällt auf, dass die Jugend immer ungeduldiger wird. Kaum jemand beendet noch, was er anfängt. Alles wird hektischer. Deshalb muss man sich manchmal einfach Zeit nehmen und sich in Geduld üben, so schwer es einem auch fallen mag. 

Lilli: Jaja, Geduld ist ja vor allem in der heutigen Zeit mehr denn je eine Tugend. 
Nun noch eine Frage, die ich dir, wenn nicht für dieses Interview, wahrscheinlich nie gestellt hätte: Was sollten deine Enkelkinder über dich wissen? 

Erika Zenth: Dass ich mit euch einstimme. Ich bin auf eurer Seite, und ich bin für euch da. Die Zeit hat mich gelassener gemacht. Ich habe jetzt nicht mehr so viele Pflichten wie früher. Das genieße ich. Außerdem will ich euch mitgeben, dass man mit Gottvertrauen leichter durchs Leben geht. 

Lilli: Und was war dir bei der Erziehung deiner Kinder wichtig? Was sollten deine Söhne lernen?

Erika Zenth: Mir lag vor allem am Herzen, dass sie einen anständigen Beruf erlernen und dass sie ehrlich durchs Leben gehen. Ich wollte, dass sie sich nie mit Dingen wie Betrug oder Korruption abgeben. Ehrlichkeit und Anstand waren und sind mir schon immer sehr wichtig. Und ich muss wirklich sagen, aus beiden ist etwas geworden. Ich bin sehr stolz auf sie.

Lilli: Und meine Eltern haben das auch an meine Schwester und mich weitergegeben. Schon als ich noch ganz, ganz klein war. Du kennst mich jetzt ja schon eine ganze Weile. Wie hast du meine Entwicklung miterlebt?

Erika Zenth: Du bist und warst immer schon sehr interessiert an allem, was um dich herum geschieht. Du hast immer observiert und warst in dir ruhend. Du warst sehr neugierig. Ich weiß noch, als du als ganz kleines Kind einmal in eine Peperoni gebissen hast, weil du wissen wolltest, wie sie schmeckt. Du sagtest dann nur: scharf, scharf! Ich freue mich sehr zu sehen, dass du dir dein Interesse bewahrt hast.  

Lilli: Manche Dinge ändern sich eben nie. Und nun schon zur letzten Frage: Welchen Tipp gibst du unserer Jugend mit?

Erika Zenth: Übernehmt Verantwortung für euer Leben. Sucht euch Frieden und eine Perspektive für euer Leben und für eure Zukunft, denn nur so kann man ein positives, selbstbewusstes und vor allem selbstbestimmtes Leben führen. Habt Hoffnung und kämpft dafür, dass sich die Umstände ändern, die so nicht gut sind, wie sie im Moment sind. Und dass ihr Zeit habt. Euer ganzes Leben liegt vor euch, also macht was daraus.

Lilli: Danke, Oma. Ich hab dich lieb. 

Zur Person

Erika Zenth wurde 1939 im Bretzfelder Teilort Rappach geboren und ist dort aufgewachsen.


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