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Pride Month: Stimmt! hat vier queere Jugendliche aus der Region interviewt

Der Juni steht weltweit für den „Pride Month“, ein Monat, in dem die Vielfalt gefeiert und auf die Rechte der LGBTQIA+-Community aufmerksam gemacht wird. Stimmt!-Schreiberin Lilli hat vier queere Jugendliche aus der Region interviewt.

Von Lilli Zenth
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Lesezeit  5 Min

Der Juni steht weltweit für den „Pride Month“, ein Monat, in dem die Vielfalt gefeiert und auf die Rechte der LGBTQIA+-Community aufmerksam gemacht wird. Stimmt!-Schreiberin Lilli hat vier queere Jugendliche aus der Region interviewt.

 

Benita ist lesbisch

„Ich bin Benita, 17 Jahre alt und benutze die Pronomen sie und ihr.”

Benita

Ist die Repräsentation von queeren Menschen auch heute noch wichtig für unsere Gesellschaft?

Auf jeden Fall. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich damals oft Zuflucht in queeren Charakteren in Serien, Filmen oder Büchern gesucht und gefunden habe und wie wichtig das für mich und viele andere queere Teenager war. Vor allem, wenn das eigene soziale Umfeld einem dieses Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit nicht bieten konnte. Außerdem denke ich, dass generell alle Menschen verdient haben, sich repräsentiert und gesehen zu fühlen und dass das ein wichtiger Schritt hin zu einer toleranteren und aufgeklärteren Welt ist.

Wie stehst du zur Übersexualisierung lesbischer Personen in den Medien?

Es macht mich immer wieder traurig zu sehen, dass für einen Großteil der Medien der einzige Sinn darin zu bestehen scheint, Lesben bis ins Lächerliche zu sexualisieren, um die männlichen Zuschauer zu unterhalten. Und das bei der einzigen Sexualität, die mit Männern wenig zu tun hat. Dieses gesellschaftliche übersexualisierte Bild vom lesbisch sein ist auf so vielen Ebenen schädlich für die Community.

Mit welchen Vorurteilen wirst und wurdest du im Alltag konfrontiert?

Ich habe oft mit der Vorstellung vieler Menschen kämpfen müssen, dass ich eine Art Gefahr für vor allem heterosexuelle Frauen darstellen würde. Ein gutes Beispiel dafür ist die Nutzung von Sportumkleiden als lesbisch geoutete Person. Die Blicke, die einen treffen und das eigene hektische Umziehen, ständig darauf bedacht, den eigenen Blick keine Sekunde vom Boden abzuwenden, aus Angst er könnte fehlinterpretiert werden. Dies kommt nicht zuletzt von der bereits erwähnten Übersexualisierung von Lesben, die auch vor Teenagern keinen Halt macht.


Jean-Luc ist schwul

„Ich bin Jean-Luc, 16 Jahre alt und benutze die Pronomen er und dey.”

Jean Luc

Wann und wie hast du herausgefunden, dass du schwul bist?

Da gab es nicht diesen einen Moment, es war eine Art Prozess. Gewusst habe ich das schon längst vor meinem inneren Coming Out, bloß habe ich es nicht einsehen und wahrhaben wollen.

Gab es bei dir ein Outing und wenn ja, wie hat dein Umfeld reagiert?

Natürlich hatte ich eins beziehungsweise mehrere. Ich habe eine überwiegend positive Resonanz erhalten. Sich wie ich schon mit 13 zu outen ist kein leichtes Verfahren, schließlich treffen allgemeine pubertäre Ängste und Unsicherheiten auf zusätzliche existenzielle Ängste und Befürchtungen. Berichte, wie beispielsweise von „Reporter“ über Pstiwan aus Bern, der aufgrund seiner Homosexualität fast von seinem Vater umgebracht wurde, müssen einen das Schlimmste befürchten lassen.

Ist die Zeit, in der wir leben, mittlerweile so tolerant, dass es keine LGBTQ-Community mehr braucht?

Natürlich benötigt es die Community, und nicht nur das, sondern genauso eine Bewegung. Sich damit zufrieden zu geben, noch immer nicht die gleichen Rechte wie nichtqueere Menschen in Deutschland zu haben, kam für mich nie in Frage. Zudem ist Queerfeindlichkeit leider noch allgegenwärtig, und das darf für uns keine akzeptable Situation sein. International gesehen werden eine Community und Bewegung mehr denn je benötigts. Es steht immer noch in 69 Staaten unter Strafe und in elf unter der Todesstrafe.


Ari ist trans

„Ich bin Ari, 17 Jahre alt und meine Pronomen sind er und ihm.”

ari

Gab es bei dir ein Outing? Wie hat dein Umfeld reagiert?

Ich habe es als erstes meinen engsten Freunden erzählt, die alle zu 100 Prozent hinter mir standen. Dann kam das Outing bei meinen Eltern, von denen ich ebenfalls wusste, dass sie mich akzeptieren würden, da ich mich bereits einige Jahre zuvor als lesbisch geoutet hatte. Ich habe seitdem aus meinem gesamten Umfeld nicht eine einzige negative Reaktion erhalten, worüber ich sehr froh und dankbar bin, da ich weiß, dass dies nicht die Realität für jede trans* Person ist.

Was war das Schwerste daran, dich mit deiner Identität zurechtzufinden?

Man versteht immer mehr, dass der eigene Körper auch nach dem Outing nicht zu einem gehört. Je mehr du merkst, dass da etwas ist, das nicht zu dir passt und je länger das so ist, desto schlechter geht es dir damit. Früher war mir das mehr oder weniger egal, aber mittlerweile kann ich nicht mehr das Haus verlassen, ohne meine Oberweite abzubinden. Je mehr du merkst, dass keine Veränderung stattfindet und dein Körper nicht zu dir passt, desto mehr ekelst du dich vor dir selbst.

In der Politik gibt es diverse Gesetze, die das Leben von trans* Menschen nicht gerade einfacher machen. Was würdest du daran ändern, wenn du könntest?

Die Bürokratie hinter dem ganzen Prozess ist unglaublich lästig. Allein auf das Erstgespräch mit dem Hormonarzt, um in meinem Fall Testosteron verschrieben zu bekommen, wartet man Monate, ganz zu schweigen von der Finanzierung der geschlechtsangleichenden OPs durch Krankenkassen. Während all der Wartezeit verschlechtert sich die innere Situation von Tag zu Tag weiter. Wir haben keine Wahl, trans zu sein – wir sind es. Ich könnte ganz ehrlich nicht mein ganzes Leben leben, ohne zu wissen, dass sich mein Körper irgendwann ändert. Der Druck wird immer größer, und die Wartezeiten werden immer lästiger. Wenn ich etwas ändern könnte, würde ich also das Gesundheitswesen so aufpäppeln, dass dies nicht mehr der Fall ist.


Dario ist nichtbinär

„Ich bin Dario, 18 Jahre alt und benutze alle Pronomen. Mir ist also egal, ob man sie, er, es oder alles sonstige für mich verwendet.”

Dario

Wann und wie hast du herausgefunden, dass du nichtbinär bist? 

Ich wusste lange gar nicht, dass eine Identität außerhalb des binären Geschlechtersystems, also außer männlich und weiblich, eine Option war. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich bereits in sehr jungem Alter mit Geschlechterrollen konfrontiert wurde, die ich absolut albern fand. Da gab es zum Beispiel die Mädchen- und die Jungenschlange fürs Kinderschminken beim Feuerwehrfest. Und ich wollte lieber einen Glitzer-Schmetterling anstatt ein Spinnennetz auf dem Gesicht. Oder Kinder in der Grundschule, die mich aufgrund meiner langen Haare als Mädchen bezeichneten, was zur Folge hatte, dass ich mich immer maskuliner verhalten wollte, bis ich irgendwann anfing, das Konzept Geschlecht und Geschlechterrollen als Ganzes zu hinterfragen.

Hilft es dir, durch Kleidung und Schminke deine Identität auszudrücken?

Ich probiere mich gerne aus, das macht mir einfach Spaß, und ich finde es cool, durch mein Aussehen aus Geschlechterstereotypen ausbrechen zu können. Typisch männliche Kleidung ist teilweise auch einfach eintönig und langweilig. Mein Kleidungsstil ist wandelbar. Ich erweitere gerne meinen Horizont und traue mich Stück für Stück neue Sachen und eine neue Welt zu entdecken. Aber natürlich muss sich nicht jede nichtbinäre Person auch androgyn kleiden, um nichtbinär zu sein.

Was wünschst du dir für die Zukunft von queeren Menschen und der Welt generell?

Ich wünsche mir, dass Geschlechter generell in der Welt viel weniger Raum bekommen. Egal ob bei der Verteilung von Toiletten, bei der Anrede oder beim Kontaktformular auf Webseiten. Dem Konzept Geschlecht wird ein viel zu hoher Stellenwert zugesprochen, und ich würde mir wünschen, dass sich das ändert und mehr über Alternativen in der Anrede gesprochen und aufgeklärt wird. Am Ende des Tages sind wir alle Menschen, egal welches Geschlecht.


Stimmt! Die junge Redaktion



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