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Ein großer Haufen Müll

Was lässt sich gegen zu viel Müll und achtlos entsorgte Corona-Schutzmasken tun? Darüber spricht Milea mit zwei Umweltschützerinnen.

Von Milea Erzinger
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Lesezeit 6 Min

In den vergangenen Tagen bin ich öfter spazieren gegangen, um mir eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Als ich Richtung Hauptstraße steuerte, fiel mir auf: Überall liegen blaue, zerknüllte Fetzen herum – Reste von medizinischen Mund-Nasen-Bedeckungen. Und nicht nur das: Es scheint regelrecht Normalität geworden zu sein, dass Mülleimer mit dem unterschiedlichsten Müll vollgestopft werden und sogar überquellen. Der Anblick verursachte ein komisches Gefühl in meiner Magengegend.

Andrea Hohlweck ist BUND-Regionalgeschäftsführerin.  Foto: Foto: privat

Inwiefern wurde in der Corona-Pandemie mehr Müll verursacht, und was lässt sich dagegen tun? Das habe ich zwei Umweltschützerinnen gefragt: Andrea Hohlweck (55), Regionalgeschäftsführerin beim Bund für Umwelt und Naturschutz, und Annika Rausch (14), Schülerin und Mitglied beim Naturschutzbund (NABU) Heilbronn.

Wegen der Pandemie finden sich überall achtlos weggeworfene Masken, Einweghandschuhe und Corona-Tests. Beobachtet ihr das auch?

Andrea Hohlweck: Die Masken, die bei uns im Gebüsch oder auf der Straße landen, sind da ja nur die Spitze des Eisbergs. Während der Corona-Pandemie wurden  weltweit rund 8,4 Millionen Tonnen zusätzlicher Plastikmüll aufgehäuft. Vieles davon im Gesundheitswesen, aber auch bei Privatleuten, die vermehrt verpackte Waren und To-go-Produkte kauften.   Hinzu kommt, dass die Leute vor allem in den Lockdowns mehr online bestellt haben. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO fielen allein 87 000 Tonnen Müll durch Schutzmasken und -anzüge an. 2021 wurden weltweit täglich 3,4 Milliarden Einwegmasken weggeworfen – es ist unfassbar. Dramatisch ist auch, dass ein Großteil des Corona-Plastikmülls, insbesondere vermeintlich kontaminiertes Material wie Testkits, Masken oder Kittel, auch in Ländern mit Wertstoffrecyclingsystemen eben nicht ins Recycling gelangte, sondern verbrannt wurde. Ressourcenschonung? Fehlanzeige. Unmittelbar gefährlich wird es in Ländern ohne Abfallsysteme. Hier gelangt der Müll aus zumeist offenen Deponien direkt in die Umwelt und häufig auch in die Meere. Der BUND schätzt den coronabedingten Anteil an Müll in der Umwelt, insbesondere den Meeren, auf rund 26 000 Tonnen.

Annika Rausch engagiert sich beim Naturschutzbund Heilbronn.  Foto: Foto: privat

Annika Rausch: Der durch Corona produzierte Müll stellt ein großes Problem dar. Extrem viel zusätzlicher Müll, insbesondere Plastikmüll, machen mir mit Blick auf die Zukunft Angst. Besonders, dass die einzelnen Tests in Unmengen Plastik verpackt werden, ergibt für mich keinen Sinn. 

Wie könnte man dem entgegenwirken? 

Hohlweck: In puncto Corona: Herkömmliche FFP2-Masken können nach sieben Tagen Auslüften bei trockener Raumluft oder nach einer Stunde trockener Hitze bei 80 Grad wiederverwendet werden. Für Krankenhäuser gibt es mittlerweile auch Mehrwegkittel. Es wäre auch denkbar, dass statt zahlreicher Einweg-Schnelltests ein nachhaltigeres System auf den Markt kommt oder zum Beispiel auch medizinische Masken aus recycelten Fasern produziert werden. Ansonsten gilt: plastikfreie Produkte kaufen, etwa Joghurt in Gläsern oder Mehrweg-Glasflaschen, Stoffbeutel statt Plastiktüten nutzen, saisonal und regional einkaufen und immer mehr auf Fleisch verzichten.

Rausch: Eine gute Idee wäre, eine recycelbare Verpackung für die Corona-Tests zu entwickeln. Auch ein System von wiederverwendbaren Masken wäre ein Schritt in die richtige Richtung. 

In welchem Ausmaß wirken sich Kunststoffabfälle auf das Plastikproblem im Meer aus?

Hohlweck: Kunststoffabfälle sind ohnehin ein riesiges globales Problem und schaden dem Leben im Meer – ob großteilig oder als Mikroplastik. Offen deponierte Abfälle oder achtlos in der Natur entsorgter Müll landet zu großen Teilen irgendwann in den Ozeanen. Studien zufolge wurden allein 2020 zum Beispiel mehr als 1,5 Milliarden Gesichtsmasken in die Meere gespült. Meerestiere, Seevögel, Schildkröten oder Fische verheddern sich in den Ohrschlaufen, sie fressen die Masken und erleiden tödliche Darmverschlingungen. Oder sie  verhungern langsam, weil sich bei ihnen durch die gefressenen Masken ein Sättigungsgefühl einstellt. Seevögel bauen das Material in ihre Nester ein, was zu einer Gefahr für ihre Küken werden kann. Aber auch für Landtiere stellen falsch entsorgte Masken ein großes Problem dar, möglicherweise noch Hunderte Jahre lang, denn Plastik verrottet im Schneckentempo. In diversen Ländern wurden Vögel gefunden, die sich mit Krallen, Flügeln oder Schnabel in den Maskenschlaufen verhedderten und teilweise zu Tode stranguliert wurden. Dieses Schicksal teilen sie mit Rotfüchsen, Igeln und Fledermäusen. Und auch im Verdauungssystem von Hauskatzen und Hunden wurden laut Berichten schon Covid-Masken gefunden. 

Rausch: Auch das ständige Weiterproduzieren von Masken, Kitteln und Tests wirkt sich auf unsere Umwelt aus. Einige Studien haben bestätigt, dass der durch die Pandemie entstandene Müll ein erschreckendes Ausmaß hat. 

Bevor ich meine Masken wegwerfe, schneide ich die Bändchen durch.
 
Hohlweck: Ob OP- oder FFP2-Maske, der Mundschutz besteht zu mindestens 70 Prozent aus Plastik und darf deshalb nicht in die Umwelt gelangen. Die Maske gehört – weil sie nicht recyclebar und mit Keimen kontaminiert ist – in den Restmüll und wird anschließend zumeist verbrannt. Wenn du deine Masken also richtig entsorgst, müsstest du die Bändel eigentlich nicht abschneiden. Die Devise lautet: Keine Maske darf in der Natur landen. Daher mein Appell: Sammelt die Masken auf, wo immer ihr sie findet, und werft sie in den nächsten Restmülleimer. In vielen Städten gibt es „Doggy-Stationen“. Holt euch da eine Tüte und macht es wie der gute Hundehalter: Hand in die Tüte, Müllmaske mit dem „Tütenhandschuh“ packen, zuknoten und ab in die Tonne damit. 

Rausch: Es ist nicht schlecht, die Bändchen der Masken durchzuschneiden, viel wichtiger ist aber, sie korrekt zu entsorgen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer, dass die Maske nicht im Meer landen wird. Und wird auch der durch Corona entstandene Müll richtig entsorgt, muss man sich etwas weniger Gedanken machen, dass er im Meer landet.

Sehr oft lassen Menschen ihren Müll in Parks oder an anderen Orten liegen, oft sogar absichtlich. Glaubt ihr, diesen Leuten ist bewusst, was sie damit anrichten? 

Hohlweck: Ich glaube nicht, dass sich jemand bewusst sagt: Ich sorge gerne dafür, dass die Umwelt unter mir leidet, dass Tiere an meinem Müll elendig sterben oder sich das Klima für die nachfolgenden Generationen so verschlechtert, dass zahllose Regionen unserer Erde nicht mehr bewohnbar sein werden. Das sind Sekundenerscheinungen. Aber leider haben sich viele Menschen daran gewöhnt zu glauben, dass unsere Alltagswelt so durchorganisiert ist, dass irgendjemand ihren Müll schon wegräumen wird. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Rausch: Ich vermute, dass es vielen Menschen nicht bewusst ist, wie bei einer Kurzschlussreaktion. Andererseits kann ich es mir auch gut vorstellen, dass sich viele Menschen denken: „Ach egal, da wird schon nichts passieren.“ Und das ist falsch.

Wie könnten diese Menschen die Folgen ihres Handelns besser einschätzen?

Hohlweck: Es gibt dieses sperrige Wort des mündigen Verbrauchers. Das bedeutet, dass man sich bewusst macht, was man mit dem eigenen (Einkaufs-)Verhalten tatsächlich ausrichten kann – für oder gegen die Umwelt, für oder gegen die Menschen, die die Produkte hierzulande oder in Indien, Asien oder Afrika herstellen. Nehme ich meinen eigenen Kaffeebecher mit zum Shoppen in die City, dann brauche ich keinen kunststoffbeschichteten To-go-Kaffeebecher mit Plastikdeckel. Kaufe ich nicht mehrmals im Jahr neue Billig-Shirts, dann erspare ich der Umwelt den Einsatz von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln auf den Baumwollfeldern, Unmengen an Wasser, zahllose Giftstoffe wegen der Färberei. Uns muss klar sein: Was bei uns günstig ist, wurde irgendwo auf der Welt teuer erkauft. Also sollte ich nachdenken, mich informieren und Alternativen prüfe. Und Hand aufs Herz: Nicht nur wir Umweltverbände informieren über diese Missstände, sondern auch viele Medien oder die Schulen. Wer es wissen will, der kann es wissen. Aber damit es die Leute packt, müssen wir wohl noch plakativer werden und noch mehr über Social Media informieren. 

Rausch: Es ist besonders schwer, Jugendliche auf ihr Handeln aufmerksam zu machen, weil sie sich  noch keine großen Gedanken über die Zukunft machen. Sie leben quasi im Hier und Jetzt. Um unsere Mitmenschen auf die Folgen ihres Handelns aufmerksam machen zu können, wäre es sinnvoll, sie dazu zu animieren, bei Umweltschutzaktionen mitzumachen und sich dementsprechend auch mit den Folgen auseinanderzusetzen. Jedoch bin ich der festen Meinung, dass gewisse Menschen die Folgen ihres Handelns erstmal zu spüren bekommen müssten, damit sie konsequent handeln. 

Wie lässt sich generell weniger Müll im Haushalt produzieren? 

Hohlweck: Einfach gesagt: Mach´s wie die Urgroßmutter. Das bedeutet: Kauf nur das, was du wirklich brauchst, verschwende nichts, lass kaputte Dinge reparieren, tausche, was du nicht mehr brauchst, mit anderen, kaufe aus der Region, iss saisonal. Und natürlich: vermeide Plastik.
Rausch: Das Ganze fängt ja beim Einkaufen an. In allererster Linie sollte man darauf achten, keine Plastiktüten und Mehrwegflaschen anstelle von Einwegflaschen zu verwenden. Was mir besonders aufgefallen ist, ist, dass in den Gummibärchen-Packungen oftmals mehrere kleine Tütchen gepackt werden, das produziert  unnötig Müll. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, auch auf das Ausmaß des Gekauften zu achten. Brauche ich das alles wirklich? Werde ich das Ganze überhaupt essen? 

Wie setzt ihr euch für ein sauberes Heilbronn ein? 

Hohlweck: Der BUND hat bundesweit zahlreiche Anti-Plastik- und Müll-Kampagnen gefahren, zuletzt etwa die Kampagne „40 Tage Plastikfasten“, parallel zur Fastenzeit vor Ostern. Auf den Nachhaltigkeitstagen in Heilbronn ist das Thema bei uns immer präsent.

Rausch: Wir vom NABU organisieren viele Müllsammelprojekte wie beispielsweise „Müllsammeln am Wartberg“. Den Müll sortieren wir dann und basteln mit den Kindern daraus schöne Dinge.

Was gebt ihr den Lesern mit auf den Weg?  

Hohlweck: Wenn ihr euch jetzt nicht konsequent um eine gesunde Umwelt kümmert, habt ihr später deutlich weniger Lebensqualität.

Rausch:  Vermeidet Müll, wo ihr könnt. Auch kleine Beiträge können Großes bewirken. 


Stimmt! Die junge Redaktion



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